Dass Wissen (neben evtl. als positiv angesehenen Aspekten wie Macht) auch Pflichten und Verantwortung mit sich bringt scheint allgemein anerkannt. Als klassisches Beispiel dieser Debatte um Wissen und Verantwortung kann der Bau der Atombombe durch die Gruppe um Robert Oppenheimer genannt werden. In wie weit die am Bau beteiligten Physiker Verantwortung an den Folgen des Einsatzes der Bomben tragen und ob Ihnen die Tragweite ihrer „Erfindung“ nicht im voraus hätte bewusst sein können, sind Fragen, die in diesem Zusammenhang berechtigterweise aufkommen. Interessanter ist jedoch die Frage, ob nicht ebenso Nicht-Wissen eine Form der Verantwortung mit sich bringt, die auf den ersten Blick eventuell weniger offensichtlich erscheint.
Im Folgenden geht es primär um die Frage der Verantwortung des eigenen Handelns und dessen Folgen gegenüber moralischen (und evtl. auch rechtlichen) Ansprüchen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Struktur von Verantwortung
3. Wissen und Nicht-Wissen in der Gesellschaft
4. Rollenverteilung in der Wissensgesellschaft: Wissenschaft und Politik
5. Die erweiterte Verantwortungssphäre
Zielsetzung und Themen
Das Hauptziel dieser essayistischen Betrachtung ist die Untersuchung des komplexen Zusammenhangs zwischen Wissen, Nicht-Wissen und der individuellen sowie gesellschaftlichen Verantwortung. Die zentrale Forschungsfrage fokussiert darauf, ob und inwiefern auch Nicht-Wissen eine ethische Verantwortlichkeit begründet und wie sich diese Verantwortung im Kontext einer zunehmend technisierten Wissensgesellschaft gegenüber moralischen und rechtlichen Ansprüchen rechtfertigen lässt.
- Die dreistellige Grundstruktur des Verantwortungsbegriffs.
- Die Korrelation zwischen Wissenszuwachs und der Zunahme bewussten Nicht-Wissens.
- Die besondere Verantwortung von Wissenschaftlern und Politikern in der Wissensgesellschaft.
- Die ethische Notwendigkeit der aktiven Informationsbeschaffung zur Reduktion von Nicht-Wissen.
- Die Transformation der Verantwortung im Hinblick auf prospektives Handeln.
Auszug aus dem Buch
Die erweiterte Verantwortungssphäre
Es stellt sich somit die Frage, ob Nicht-Wissen nicht etwa ein Zustand ist, der, aufgrund des Wissens möglicher Folgen des eigenen Nicht-Wissens, verändert werden kann und muss, welcher also bewusst beibehalten wird. Eine Person könnte am Zustand des Nicht-Wissens etwas ändern, da ihr bewusst sein sollte, dass ihre Entscheidung nicht nur durch vorhandene Informationen, sondern auch durch fehlenden Informationen mit beeinflusst wird. Das Kriterium wäre demnach nicht unbedingt absolut zu sehen im Sinne von: „was wusste die Person?“ sondern „was hätte die Person wissen können?“ - oder wenigstens „hat die Person versucht, sich umfassend zu informieren und ihr Nicht-Wissen möglichst weit einzuschränken?“. Auch auf die juristische Fragestellung der Zurechnungsfähigkeit lässt sich dies übertragen und es ergibt sich die grundlegende Frage, ob der handelnden Person eine Veränderung ihres Nicht-Wissens zugemutet werden könnte. Wenn ja, so ist sie auch trotz Nicht-Wissens für ihre Folgen verantwortlich zu machen.
Auch Helmut Schmidt befasst sich mit der Frage nach Verantwortung von Wissen und Nicht-Wissen der eigenen Handlungsfolgen und schreibt: „Da bleibt das Schlupfloch, dass derjenige nicht wirklich verantwortlich und nicht wirklich moralisch haftbar gemacht werden könne, der nicht in der Lage war, den Überblick über die möglichen Folgen seines Tuns zu haben. Mir scheint dieses Schlupfloch weniger eine Entlastung, sondern vielmehr die Herausforderung zu sein, sich den Überblick über mögliche Folgen des eigenen Handelns zu verschaffen.“ Es ist demnach Aufgabe und Verantwortung eines jeden mündigen Bürgers, sich im Rahmen seiner Möglichkeiten Wissen anzueignen und sein Nicht-Wissen zu reduzieren, um die Folgen und Konsequenzen des eigenen Handelns bestmöglich zu antizipieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der Verantwortung im Kontext von Wissen und Nicht-Wissen ein, illustriert durch klassische Beispiele wie die Entwicklung der Atombombe.
2. Die Struktur von Verantwortung: Es wird die dreistellige Grundstruktur der Verantwortung (Subjekt, Objekt, Instanz) erläutert und zwischen retrospektiver Zuschreibung und prospektivem Verantwortlichsein unterschieden.
3. Wissen und Nicht-Wissen in der Gesellschaft: Dieses Kapitel erörtert die Natur von Wissen als partielles, situationsabhängiges Phänomen und zeigt auf, wie jeder Wissenszuwachs zwangsläufig ein größeres Ausmaß an Nicht-Wissen generiert.
4. Rollenverteilung in der Wissensgesellschaft: Wissenschaft und Politik: Hier wird die besondere moralische Rolle von Wissenschaftlern als Wissensvermittler und von Politikern als Entscheidungsträgern bei der Umsetzung von Erkenntnissen analysiert.
5. Die erweiterte Verantwortungssphäre: Das abschließende Kapitel fordert dazu auf, Nicht-Wissen nicht als Ausrede zu nutzen, sondern als Ansporn für ein verantwortungsbewusstes Handeln und eine kontinuierliche Wissensaneignung zu begreifen.
Schlüsselwörter
Verantwortung, Wissen, Nicht-Wissen, Wissensgesellschaft, Ethik, Handlungsfolgen, Wissenschaft, Politik, Moral, Verantwortungszuschreibung, Handlungsfähigkeit, Information, Zurechnungsfähigkeit, Hans Jonas, Helmut Schmidt
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der ethischen Dimension von Wissen und Nicht-Wissen und untersucht, wie moderne Menschen Verantwortung für die Folgen ihres Handelns übernehmen können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Definition von Verantwortung, die Dynamik von Wissenszuwachs und die daraus resultierende Notwendigkeit, das eigene Nicht-Wissen aktiv zu reduzieren.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Nicht-Wissen keine moralische Entlastung darstellt, sondern vielmehr eine Verpflichtung zur Information und zur reflexiven Lebensführung begründet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine essayistische Betrachtung, die philosophische Ansätze mit gesellschaftspolitischen Reflexionen verknüpft.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Rollen von Wissenschaftlern und Politikern und erörtert, wie Wissen in konkrete Handlungskonsequenzen und gesellschaftliche Pflichten übersetzt werden kann.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich besonders durch Begriffe wie Verantwortung, Wissen, Nicht-Wissen, Ethik und Wissensgesellschaft charakterisieren.
Wie unterscheidet sich die prospektive von der retrospektiven Verantwortung?
Die retrospektive Verantwortung betrachtet das bereits Geschehene, während die prospektive Verantwortung die moralische Determination zukünftigen Handelns und die Vorsorge bezüglich möglicher Konsequenzen fokussiert.
Warum ist das Internet relevant für die Thematik?
Das Internet fungiert als Katalysator, der den Zugang zu Informationen massiv erleichtert und somit die Hürden für die individuelle Wissensaneignung senkt, was wiederum die moralische Erwartungshaltung an den Einzelnen erhöht.
Welche Rolle spielt Hans Jonas in diesem Essay?
Hans Jonas wird zitiert, um den Aspekt der prospektiven Verantwortung zu untermauern, insbesondere die Anerkennung der eigenen Unwissenheit als bewussten Bestandteil des Handelns.
Gilt das Prinzip der Verantwortung für alle Menschen gleichermaßen?
Die Arbeit argumentiert, dass zwar jeder Mensch ein Minimum an Verantwortung besitzt, sich dieses jedoch durch den Zugang zu mehr Wissen und gesellschaftliche Stellungen individuell differenziert und ausweitet.
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- Niclas Niemann (Author), 2016, Die Verantwortung von Wissen und Nichtwissen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/334669