Der mittelalterliche Minnesang nimmt eine wichtige Position in der Geschichte der deutschen Lyrik ein. Unter genauerer Betrachtung des Wortes ‚Minnesang‘ fällt auf, dass es sich nicht grundlegend um gesprochene oder schriftliche Lyrik, sondern um Gesänge handelt, die als Liebeslied vor einem Publikum vorgetragen wurden. Eine der Grundformen des Minnesangs, das Werbelied, wird meist von einem Mann vorgetragen, um der Frau, die er liebt, seine Liebe zu gestehen und sie für sich zu gewinnen. Hierbei gibt der Vortragende, der Minnesänger, seine eigensten Gefühle für eine gewisse Dame preis, die allerdings anonym bleibt. Nicht in allen Formen des Minnesangs bleibt die Angebetete stumm. Während im Dialoglied Mann und Frau direkt miteinander kommunizieren, sprechen die Liebenden im sogenannten Wechsel lediglich übereinander. Im Frauenmonolog ist es des Weiteren möglich, dass lediglich die Liebende sich äußert.
Weiterhin ist jedoch die Frage offen, warum der Minnesang für die deutsche Lyrik so wichtig ist. Aus den Überlieferungen ist zu schließen, dass der Vortrag gesanglich erfolgte. Dies stellten die Minnesänger teilweise selbst dar: „Minne gebiutet mir, daz ich singe“ , „...mînen hôhen sanc“ . Jedoch sind in der Vielzahl die Minnelieder lediglich textlich überliefert. Die zugehörige Melodie kann in den meisten Fällen nicht mehr nachvollzogen oder nur aus der textlichen und metrischen Form rekonstruiert werden. Aus diesem Grund sind die Lieder der Minnesänger vor allem für die Germanistik von großer Bedeutung.
Wie bereits dargestellt, gibt der Sänger seine Gefühle unmittelbar an das Publikum preis. Diese - besonders die Lyrik prägende - Charakteristik, findet der Rezipient im Minnesang allerdings in einer gewissen Art von Liedern nicht vor. Narrativ organisierte Lieder sind besonders in der Hochzeit des Minnesangs entstanden und sind teilweise von epischen Formen als auch erzählerischen Elementen geprägt, die in den bis dahin vorherrschenden Formen der Gesänge üblicherweise nicht zu finden waren. Besonders durch den Einsatz eines Erzählers distanziert sich der Minnesänger von seinem Vortrag und stellt eine Entwicklung in der Handlung und/oder in der Figurenkonstellation dar.
Ziel dieser Arbeit soll es nun sein, die Merkmale narrativ organisierter Minnelieder deutlich zu machen. Um im Ergebnis einen Überblick geben zu können, werden zwei Lieder gegenüber gestellt und ihre Gemeinsamkeiten im Hinblick auf die erzählerischen Elemente untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung in die Thematik
2. Analyse Went ir hœren von Reinmar
a. Überlieferung und Autor
b. Bestimmung der äußeren Struktur und metrischen Form
c. Inhaltliche Analyse
d. Erzähler- und Figurenkonstellation
3. Analyse Den morgenblic bî wahtæres sange erkôs von Wolfram v. Eschenbach
a. Überlieferung und Autor
b. Bestimmung der äußeren Struktur und metrischen Form
c. Inhaltliche Analyse
d. Erzähler- und Figurenkonstellation
4. Charakteristika narrativ organisierter Lieder
5. Schlussfolgerungen
Zielsetzung & Themen
Ziel dieser wissenschaftlichen Arbeit ist es, die Merkmale narrativ organisierter Minnelieder zu identifizieren und herauszuarbeiten. Dabei wird untersucht, inwiefern erzählerische Elemente und die Instanz des Erzählers die Struktur und Interpretation der ausgewählten Werke beeinflussen.
- Vergleichende Analyse von Reinmars "Went ir hœren" und Wolframs von Eschenbach "Den morgenblic bî wahtæres sange erkôs"
- Untersuchung der Erzähler- und Figurenkonstellation in der mittelalterlichen Lyrik
- Analyse der narrativen Organisation hinsichtlich Zeit, Modus und Stimme
- Identifikation von Gemeinsamkeiten und Gattungsmerkmalen narrativer Minnelieder
Auszug aus dem Buch
3. Analyse Den morgenblic bî wahtæres sange erkôs von Wolfram von Eschenbach
Dieses Tagelied von Wolfram von Eschenbach beschreibt die Situation eines Liebespaares nach der gemeinsam verbrachten Nacht im Schutze der Dunkelheit. Die Geliebte erwacht durch den Gesang des Wächters, der den Morgen ankündigt. Sie ist betrübt darüber, sich nun von ihrem Geliebten trennen zu müssen und in ihrer Traurigkeit vereinigen sich die Geliebten ein letztes Mal als der Tag anbricht.
Dieses spezifische Sub-Genre ist bekanntermaßen die Meisterdisziplin des Minnesängers Wolfram von Eschenbach. Das Tagelied hat grundsätzlich einen episch-erzählenden Charakter, das stets die Situation eines Paares am Morgen nach der gemeinsam verbrachten Nacht (die erfüllte Sexualität ist Voraussetzung) darstellt. Der Unterschied zu anderen Su-Genre der Minne besteht vor allem darin, dass das konzeptualisierte Liebe-Leid-Thema erst nach der „gewünschten Liebesvereinigung“ steht und nicht davor.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung in die Thematik: Das Kapitel erläutert die Grundlagen des Minnesangs und führt in das Konzept der narrativ organisierten Lieder ein, um das Forschungsinteresse zu begründen.
2. Analyse Went ir hœren von Reinmar: Hier erfolgt eine detaillierte Untersuchung von Reinmars Erzähllied unter Berücksichtigung von Überlieferung, Struktur, Inhalt und Erzählerrolle.
3. Analyse Den morgenblic bî wahtæres sange erkôs von Wolfram v. Eschenbach: Dieses Kapitel analysiert das Tagelied von Wolfram von Eschenbach hinsichtlich seiner narrativen Charakteristika und der dargestellten Figurenkonstellation.
4. Charakteristika narrativ organisierter Lieder: In diesem Kapitel werden die beiden untersuchten Lieder auf Basis erzähltheoretischer Kategorien vergleichend gegenübergestellt.
5. Schlussfolgerungen: Die Ergebnisse der Analyse werden zusammengeführt und die zentralen Gemeinsamkeiten hinsichtlich der narrativen Organisation bestätigt.
Schlüsselwörter
Minnesang, Erzähler, Reinmar, Wolfram von Eschenbach, Narrativität, Tagelied, Erzähllied, Literaturwissenschaft, Mittelalter, Figurenkonstellation, Liebeslyrik, Erzähltheorie, Frauenklage, Gattungsinterferenzen, Minnekommunikation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der erzählerischen Dimension des mittelalterlichen Minnesangs und analysiert, wie diese Form der Dichtung narrativ organisiert ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Untersuchung der Erzählstruktur, die Rolle des Erzählers im Minnelied sowie die vergleichende Analyse spezifischer Werke von Reinmar und Wolfram von Eschenbach.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die spezifischen Merkmale zu identifizieren, die ein Minnelied als "narrativ organisiert" ausweisen und sich so von anderen, nicht-narrativen Formen der Gattung abgrenzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine detaillierte textimmanente Analyse sowie auf erzähltheoretische Kategorien von Martínez und Scheffel zur Untersuchung von Zeit, Modus und Stimme.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Einzelanalysen der Lieder "Went ir hœren" und "Den morgenblic bî wahtæres sange erkôs" sowie einen vergleichenden Teil, der die theoretischen Charakteristika herausarbeitet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Narrativität, Erzähltheorie, Minnesang, Frauenklage und die spezifischen poetischen Strukturen der behandelten Autoren.
Warum ist das Lied von Wolfram von Eschenbach als Tagelied für diese Untersuchung relevant?
Es dient dazu zu überprüfen, ob auch Texte, die primär als Tagelied klassifiziert werden, die Merkmale einer narrativen Organisation aufweisen, die über eine bloße Zustandsbeschreibung hinausgeht.
Welche Rolle spielt die Mehrdeutigkeit in Reinmars Lied?
Die Mehrdeutigkeit ist essenziell, da sie unterschiedliche Interpretationen der Erzählerrolle zulässt, was für die narrative Komplexität des Liedes von zentraler Bedeutung ist.
Wie unterscheidet sich die Frauenfigur in den untersuchten Werken?
Während beide Lieder durch eine starke Frauenrede geprägt sind, variiert die Darstellung zwischen der Rache planenden Ehefrau bei Reinmar und der Abschied nehmenden Geliebten bei Wolfram.
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- Susann Greve (Author), 2016, Der Erzähler im Minnelied. Elemente der narrativen Organisation, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/334367