Nach aktuellem wissenschaftlichem Stand gehen Forscher davon aus, dass jeder Mensch nicht eine feste, starre Identität besitzt, sondern sich die Identität des Menschen aus unterschiedlichen Facetten zusammensetzt, die das ganze Leben im Wandel sind. Identität wächst sozusagen mit dem Menschen und korreliert verstärkt mit den jeweils gegenwärtigen Interessen und Vorlieben. Diese Seminararbeit untersucht Ulrich Bräker und dessen Autobiografie „Lebensgeschichte und natürliche Ebentheuer des armen Mannes im Tockenburg“. Dabei wird überprüft inwiefern und ob sich eine Identitätsentwicklung in Bräkers Lebenslauf, anhand der Autobiografie, belegen lässt und wie sich diese äußert.
Besonderer Fokus wird dabei auf die Aspekte Religion und Literatur gelegt, die getrennt voneinander nachfolgend betrachtet werden. Besonders hervorheben lässt sich leider keine wissenschaftliche Arbeit, da dieses Themengebiet bisher wenig Aufmerksamkeit genossen hat, was das Interesse an der Autobiografie noch verstärkt hat. Einige der Arbeiten finden sich in dieser Untersuchung wieder. Ulrich Bräker wird eher in Verbindung mit seinen Tagebüchern untersucht, die jedoch in dieser Seminararbeit nicht berücksichtigt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. ENTWICKLUNG DER IDENTITÄT DURCH DEN GLAUBEN
1.1. RELIGION ALS ERZIEHUNGSINSTRUMENT
1.2. REFLEXION DES GLAUBENSBEGRIFFS
2. ENTWICKLUNG DER IDENTITÄT DURCH LITERATUR
2.1. LITERATUR ALS AUSEINANDERSETZUNGSMEDIUM MIT DER EIGENEN PERSON
2.2. LITERATUR ALS HORIZONT-ERWEITERUNG
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Identitätsentwicklung von Ulrich Bräker anhand seiner Autobiografie „Lebensgeschichte und natürliche Ebentheuer des armen Mannes im Tockenburg“. Das primäre Ziel besteht darin, aufzuzeigen, wie Religion und Literatur als zentrale Einflussfaktoren den Wandel seiner Identität vom einfachen Bauern zu einem intellektuell gereiften Autor geprägt haben.
- Die Rolle der Religion als Erziehungsinstrument und normativer Kompass.
- Die Reflexion und der Wandel des persönlichen Glaubensbegriffs.
- Literatur als Medium der Selbstreflexion und der persönlichen Identitätssuche.
- Die Funktion von Literatur zur Horizont-Erweiterung und als Trost in Krisenzeiten.
- Der Konflikt zwischen gesellschaftlicher Erwartung und individuellem intellektuellem Anspruch.
Auszug aus dem Buch
2.1. Literatur als Auseinandersetzungmedium mit der eigenen Person
Das Aufkeimen der Sexualität und die folgenden Studien seines Büchleins (siehe 1.1.) lassen sich auch damit erklären, dass er mit niemandem über seine Gefühle sprechen konnte. Vor seinen Eltern fühlt er sich schuldig und von den Kameraden soll er sich fernhalten. Da scheint das Buch das einzige adäquate Mittel zu sein, mit dem er die aufgekommenen Fragen reflektieren kann: „Erstmals entdeckt Bräker in dieser Zeit das Buch als Mittel zur Auseinandersetzung mit der eigenen Person. Durch die Lektüre, so fühlt er, kann man soziale Isolierung aufheben (...)“ Durch die Briefkorrespondenz mit einem Kameraden konnte Bräker, neben der Verfestigung seiner Bibelkenntnisse, sich auch über triviale kindliche Themen austauschen:
Bisweilen schrieben wir einander von allen Thieren, welche uns die liebsten seyen; dann von allerhand Speisen, welche uns die beßten dünken; dann wieder von Kleidungsstücken, Zeug und Farben, welche uns die angenehmsten wären, u.s.f. Und da bemühte sich je einer den andern an Anmuth zu übertreffen. Oft mocht' ich's kaum erwarten, bis wieder so ein Brieflin von meinem W. kam. Er war mir darin noch viel lieber als in seinem persönlichen Umgang (LET 46)
Seine besondere Beziehung zum geschriebenen Wort lässt sich daran belegen, dass ihm die Briefe wichtiger waren, als der soziale Kontakt mit dem Jungen per se. Weiterhin „macht es den Eindruck, müssen das Lesen und Schreiben Bräker ersetzen, was das Leben nicht zu bieten vermag.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. ENTWICKLUNG DER IDENTITÄT DURCH DEN GLAUBEN: Dieses Kapitel analysiert den Einfluss der streng religiösen Erziehung und den darauffolgenden Prozess, in dem Bräker ein reflektierteres, persönlicheres Verhältnis zu Gott entwickelt.
1.1. RELIGION ALS ERZIEHUNGSINSTRUMENT: Hier wird untersucht, wie der Vater Bräkers die Religion nutzte, um moralische Maßstäbe zu setzen und den Sohn vor der "Verführung der Welt" zu bewahren.
1.2. REFLEXION DES GLAUBENSBEGRIFFS: Dieser Abschnitt beleuchtet Bräkers Ringen mit Glaubenszweifeln und seine Transformation zu einem mündigeren Verständnis von Religion als Begleiter statt als reinem Strafinstrument.
2. ENTWICKLUNG DER IDENTITÄT DURCH LITERATUR: Der Fokus liegt hier auf der Bedeutung des Lesens und Schreibens für Bräkers Identitätsbildung als Mittel zur Selbstauseinandersetzung und Trost.
2.1. LITERATUR ALS AUSEINANDERSETZUNGSMEDIUM MIT DER EIGENEN PERSON: Dieses Kapitel zeigt auf, wie Bräker das geschriebene Wort nutzt, um soziale Isolation zu überwinden und seine inneren Konflikte sowie seine Leidenschaften zu reflektieren.
2.2. LITERATUR ALS HORIZONT-ERWEITERUNG: Hier wird dargelegt, wie die Lektüre und die Mitgliedschaft in der Moralischen Gesellschaft Bräkers Horizont über seinen Bauernstand hinaus erweiterten, obwohl er gesellschaftlich weiterhin zwischen den Stühlen stand.
Schlüsselwörter
Ulrich Bräker, Identitätsentwicklung, Autobiografie, Religion, Literatur, Aufklärung, Selbstreflexion, Toggenburg, Moralische Gesellschaft, Wissbegierigkeit, Identität, Soziale Herkunft, Glaube, Autorschaft, Lebensgeschichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Entwicklung der Identität von Ulrich Bräker anhand seiner Autobiografie und analysiert dabei den Einfluss von Religion und Literatur auf seinen Lebensweg.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der Wandel des Glaubensverständnisses, die Bedeutung des geschriebenen Wortes als Selbstreflexionsmedium und der soziale Aufstieg eines Bauern durch Bildung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es zu belegen, dass Bräkers Identität nicht statisch war, sondern durch eine permanente Auseinandersetzung mit religiösen Normen und literarischer Bildung geprägt wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer textnahen Analyse der Autobiografie unter Einbeziehung von Sekundärliteratur zu Ulrich Bräker und zur literarischen Autobiografie um 1800.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in zwei Abschnitte, die getrennt untersuchen, wie Religion als Erziehung und Literatur als Medium der Horizonterweiterung Bräkers Charakter formten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Ulrich Bräker, Identitätsentwicklung, Autobiografie, Religion, Literatur und Aufklärung.
Inwiefern beeinflusste die "Moralische Gesellschaft" Bräkers Identität?
Die Mitgliedschaft ermöglichte ihm den Zugang zu einer Fülle an Literatur und bildete ihn intellektuell weiter, brachte ihn jedoch in ein Dilemma, da er sich zwischen seinem Bauernstand und den Intellektuellen nicht zugehörig fühlte.
Wie unterscheidet sich Bräkers religiöser Glaube zu Beginn und am Ende seiner Entwicklung?
Zu Beginn war sein Glaube von der Angst vor göttlicher Strafe und strengem Gehorsam geprägt, während er später ein aufgeklärteres Bild entwickelte, in dem er Gott eher als Begleiter sah und Eigenverantwortung übernahm.
Welche Rolle spielt die Schriftstellerei für Bräkers Selbstverständnis?
Das Schreiben seiner eigenen Lebensgeschichte diente ihm zur Dokumentation und Selbstvergewisserung, wobei er sich durchaus seiner Autorschaft bewusst war und sein Werk stolz, wenn auch mit ironischem Unterton, in Bezug zu anderen großen Autoren setzte.
- Quote paper
- Anonym (Author), 2014, Die Entwicklung einer Identität durch Religion und Literatur. Ulrich Bräkers „Lebensgeschichte und Natürliche Ebentheuer des Armen Mannes im Tockenburg“, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/323159