In dieser Proseminararbeit wird das im Roman von Effi Briest verkörperte Phänomen Kindfrau psychoanalytisch betrachtet. Die psychoanalytische Literaturinterpretation deutet psychoanalytische Inhalte des Textes. Dabei wird psychischen Konflikten eine besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Bei der Tiefen-Lektüre wird analog zur Traumdeutung in einen manifesten und latenten Text unterteilt.
Der Literaturwissenschaftler, Soziologe und Linguist Thomas Anz unterscheidet zwischen fünf Formen der psychoanalytischen Methodik: Literarische Adaption psychoanalytischen Wissens, der historische Vergleich zwischen Literatur und Psychoanalyse, Therapiemodell, Rezeptions- und Gegenübertragungsanalyse, Kooperationsmodell psychoanalytischer Interpretation. Bei dieser Proseminararbeit spielt das Therapiemodell die wohl tragendste Rolle, denn es versucht die Hauptprotagonistin „auf die Couch zu legen“ und ihren psychischen Konflikten auf den Grund zu gehen.
1895 erscheint der Roman "Effi Briest" von Theodor Fontane, der beim zeitgenössischen Publikum großen Anklang findet. Obwohl es sich dabei um einen kunstvoll gebauten Text handelt, erfüllt er dennoch jegliche Erwartungen, die man an einen Unterhaltungsroman hat. Im Mittelpunkt steht das Drama um Effi Briest, um die man bangt und von deren Ende man berührt ist. Der Roman handelt von einer jungen Frau, die aus ihrem traditionellen Elternhaus in eine Ehe schlittert, scheitert und letzten Endes stirbt.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Das Phänomen Kindfrau
3. Effi Briest – eine Romanfigur zwischen „Naturkind“ und sozialen Normen
3.1. Erläuterungen zum Charakter Effi Briest
3.2. Effi Briest – die Kindfrau
4. Das Phänomen Kindfrau im Roman Effi Briest: Eine Passagenauswahl
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das literarische Phänomen der „Kindfrau“ anhand der Hauptfigur aus Theodor Fontanes Roman „Effi Briest“. Dabei wird mittels einer psychoanalytischen Literaturinterpretation analysiert, inwiefern Effi Briest diesem Typus entspricht, wie sie sich zwischen kindlicher Unreife und sozialen Normen bewegt und welche Rolle ihre spezifische Charakterisierung innerhalb der Erzählstruktur einnimmt.
- Definition und kulturhistorische Einordnung des „Kindfrau“-Phänomens.
- Psychoanalytische Betrachtung der Romanfigur Effi Briest.
- Spannungsfeld zwischen „Naturkind“ und gesellschaftlichen Konventionen.
- Analyse zentraler Romanpassagen zur Illustration der kindfraulichen Entwicklung.
- Vergleich der Effi-Figur mit anderen literarischen Kindfrauen-Typen.
Auszug aus dem Buch
3.2. Effi Briest – die Kindfrau
Bei genauerem Hinsehen wirkt Effi auf eine gewisse Art und Weise unstimmig, lebensunwahr und doch verkörpert sie einen bestimmten Typus, ein Ideal.
Sie ist, was man eine Kindfrau nennt, der Typus des jungen, persönlich unreifen, noch ganz auf sich selbst gerichteten ,süßen' Geschöpfes, dessen einziger entwickelter Zug die sexuelle Bedürftigkeit oder zumindest Zugänglichkeit ist. Dabei ist hier nicht zu entscheiden, ob es diesen Typus tatsächlich gibt oder ob er nicht lediglich ein Phantasiegebilde ist. Aber auch schon zu Fontanes Zeit hat ein Kritiker Effi eine mehr 'erdachte' Figur genannt und es für unglaubhaft erklärt, daß ein "wie sie erzogenes junges Weib so nebenbei zu Fall kommen" könne.
Im Vergleich zu Lulu und zahlreichen anderen Kindfrauen tritt sie in ihrer Kindfraulichkeit noch höchst dezent auf. Dies hat Effi den guten Ruf gesichert, den sie bis heute behalten hat. Fontane hat sie nicht nur mit dieser kindfraulichen Erotik, sondern auch mit Bildung, Geist, Gewandtheit und einem hohen Maß an Lebensweisheit ausgestattet. Andererseits hat die Tatsache, dass Lulu und ihre Schwestern dieses bürgerliche Kostüm abgelegt und ihre „Natur“ in unzüchtiger Direktheit zur Schau stellen die Kontrastwirkung verstärkt.
Fontane, der in seinen Werken in der Regel Frauenfiguren darstellt, die selbstbestimmt wirken, bricht mit Effi Briest auf zu neuen Ufern. Doch wieso tut er das? Der Altersunterschied wird hier zu einem tragenden Faktum. Die emotionale Gleichgültigkeit verspricht dem älteren Mann erotische Empfindungen. Dass ein älterer Mann eine sehr junge Frau hat oder für sich zu gewinnen versucht, wurde von Fontane in Effi Briest nicht zum ersten Mal aufgegriffen. Bereits in der Ladalinski-Geschichte in Vor dem Sturm, L´Adultera, in Cecile und auch in Unwiederbringlich treten ähnliche Konstellationen auf. Doch dennoch unterscheidet sich Effi von allen anderen Frauenfiguren. Sidonie verlässt Ladalinski, Melanie verlässt van der Straaten, Cecile würde auch St. Arnaud verlassen, wenn Gordon es ihr ermöglichen würde und Ebba verlässt Graf Holk. Bei Effi fehlt dieses leidenschaftliche Erwachen, sie bleibt ihrer Rolle der Kindfrau treu. Ihren Liebhaber gewinnt sie nicht aus Liebe, sondern nur aus Langeweile für sich.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Einleitung in das Thema, Vorstellung des Romans und Erläuterung der psychoanalytischen Methodik, die in der Arbeit angewandt wird.
2. Das Phänomen Kindfrau: Definition des Begriffs der Kindfrau und Abgrenzung zu anderen literarischen Typen wie der „Lolita“ oder der „femme fatale“.
3. Effi Briest – eine Romanfigur zwischen „Naturkind“ und sozialen Normen: Untersuchung der Entwicklung von Effi Briest, beginnend bei ihrer unbeschwerten Kindheit bis hin zu ihrem gereiften, aber durch gesellschaftliche Konventionen eingeschränkten Leben.
3.1. Erläuterungen zum Charakter Effi Briest: Vertiefende Analyse von Effis Wesen, ihrer psychischen Konflikte und ihrem ambivalenten Verhältnis zu ihren Eltern und ihrem Ehemann Instetten.
3.2. Effi Briest – die Kindfrau: Spezifische Analyse von Effi als Repräsentantin des Kindfrau-Ideals und ihre Sonderstellung im Vergleich zu anderen Fontane-Figuren.
4. Das Phänomen Kindfrau im Roman Effi Briest: Eine Passagenauswahl: Zusammenstellung und Interpretation exemplarischer Textstellen, die das Wesen der Figur Effi besonders verdeutlichen.
Schlüsselwörter
Effi Briest, Theodor Fontane, Kindfrau, Psychoanalyse, Frauenbild, Romananalyse, Literaturwissenschaft, Kindweib, Emanzipation, soziale Normen, femme fatale, Lolita, Charakterentwicklung, Ehebruchsgeschichte, Literatur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Hauptfigur Effi Briest aus dem gleichnamigen Roman von Theodor Fontane unter dem speziellen Aspekt des „Kindfrau“-Phänomens.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die literarische Typisierung der Kindfrau, die psychoanalytische Deutung der Romanfigur sowie das Spannungsfeld zwischen weiblichem Naturwesen und den strengen gesellschaftlichen Normen der wilhelminischen Ära.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Fontane das Ideal der Kindfrau in Effi Briest verkörpert und inwiefern diese Figur sich trotz ihrer Rolle als „Kindfrau“ von anderen zeitgenössischen literarischen Archetypen unterscheidet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf die psychoanalytische Literaturinterpretation, wobei insbesondere das „Therapiemodell“ angewandt wird, um die psychischen Konflikte der Protagonistin zu ergründen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Begriffsbestimmung, eine detaillierte Charakteranalyse von Effi Briest und eine interpretative Auswahl zentraler Romanpassagen, die ihre Entwicklung und ihr Scheitern illustrieren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Effi Briest, Kindfrau, Psychoanalyse, soziale Normen, Emanzipation und Literaturgeschichte charakterisiert.
Warum wird Effi Briest als „Kindfrau“ bezeichnet?
Sie verkörpert laut der Arbeit den Typus des unreifen, „süßen“ Geschöpfes, dessen Reiz in einer Mischung aus kindlicher Unschuld und einer latenten sexuellen Zugänglichkeit liegt, ohne dass sie jedoch die bewusste Berechnung einer „femme fatale“ besitzt.
Welche Rolle spielt die Szene mit den Zwillingen für die Interpretation?
Der Ruf „Effi, komm“ fungiert als wichtige Vorausdeutung, die das gesamte Romangeschehen umrahmt und Effi symbolisch an die Kreuzung zwischen ihrer Kindheit und der Zivilisation bzw. Konvention stellt.
- Arbeit zitieren
- Melanie Binder (Autor:in), 2012, Das Phänomen Kindfrau in Fontanes Roman "Effi Briest". Eine Romanfigur zwischen "Naturkind" und sozialen Normen, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/320953