In der vorliegenden Arbeit soll der von Astrid Lindgren verfasste Roman „Die Brüder Löwenherz“, anhand diverser Kennzeichen nach Michael Titzmann, dahingehend analysiert werden, inwiefern es sich bei der Geschichte um eine Initiationsgeschichte im Sinne der Definition handelt.
Der Strukturalist und Wissenschaftler Michael Titzmann bildete dazu eine Definition heraus, die auf der Theorie von van Genneps basiert. In Hinblick auf Erzähltexte der Goethezeit und unter Einbezug Genneps Theorien etabliert Michael Titzmann den Begriff „Initiationsgeschichte“. Dabei hat Titzmann „Erzählmuster vorgeschlagen, die strukturell einer Initiation gleichen.“
Damit der Prozess der Initiation in Anlehnung an Titzmann als erfolgreich gilt, müssen drei Schritte im Roman stattfinden. Die erste Phase zeichnet sich durch eine Ablösung von einem sozialen Ausgangssystems aus. Ein soziales Ausgangssystem im Roman kann beispielsweise die Herkunftsfamilie darstellen. Im zweiten Schritt findet die Phase des Experimentierens statt, wobei hier „der Initiand jedoch der Gefahr des Scheiterns ausgesetzt“ ist und der Initiand gleichzeitig entweder eine Selbstfindung oder einen Selbstverlust erlebt. Der Endzustand und somit die letzte Phase in einer Initiationsgeschichte bildet die soziale Reintegration, nachdem sich der Initiand „kurzzeitig in einen außersozialen Zustand“ begeben hat.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Handlung
3. Erzähltextstruktur
4. Zentrale Figuren
4.1 Karl Löwe (Krümel)
4.2 Jonathan Löwe (Löwenherz)
4.3 Bewertung und Einordnung weiterer Figuren
5. Motive und Symbolik
6. Topographie und semantische Räume
7. Initiationsmuster im Roman
7.1 Phase der Ablösung vom sozialen Ausgangssystem
7.2 Phase des Experimentierens
7.3 Soziale Reintegration
8. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den Roman "Die Brüder Löwenherz" von Astrid Lindgren mit dem Ziel zu analysieren, inwieweit das Werk als Initiationsgeschichte nach der Definition von Michael Titzmann klassifiziert werden kann. Dabei wird insbesondere der Fokus auf die semantischen Räume und die strukturellen Charakteristika der Romanhandlung gelegt, um zu prüfen, ob die drei Phasen der Initiation (Ablösung, Experimentieren, Reintegration) im Textverlauf vollständig abgebildet sind.
- Analyse der narrativen Erzähltextstruktur und der Erzählsituation.
- Charakterisierung und Bewertung der zentralen Identifikationsfiguren.
- Untersuchung von Motiven, Symboliken und deren gegensätzlicher Bedeutung im Kontext von Gut und Böse.
- Topographische Analyse semantischer Räume zur Differenzierung von Lebenswelten.
- Anwendung des theoretischen Modells der Initiationsgeschichte auf den Handlungsverlauf.
Auszug aus dem Buch
4.1 Karl Löwe (Krümel)
Protagonist und Ich-Erzähler der Geschichte ist der zehnjährige Karl, der von seinem älteren Bruder liebevoll Krümel genannt wird. Krümel ist schwer krank und weiß, dass er bald sterben wird. Er findet sein Äußeres hässlich und fühlt sich dumm, während er seinen größeren Bruder Jonathan sehr bewundert und liebt, weil er hübsch und klug ist und aus der Sicht von Krümel alles kann. Karl erhält von Jonathan den Namen Krümel „weil er Kuchenkrümel sehr gern möge, besonders Krümel wie mich.“ Da Krümel todkrank und sehr ängstlich ist, macht er sich große Sorgen, dass das Leben nach dem Tod ohne seiner Bezugsperson Jonathan unerträglich wird. Um Krümel die Angst vor dem Sterben zu nehmen, erzählt ihm Jonathan vom Land Nangijala, in das er nach dem Tod kommen würde und das „noch die Zeit der Lagerfeuer und der Sagen“ sei. Jonathan verspricht außerdem, dass Krümel in Nangijala wieder gesund sein wird, denn „[d]as ist was anderes als im Bett liegen und husten und krank sein und nie spielen können.“ Jonathan versucht seinem Bruder auch die Angst vor der Einsamkeit im Nangijala Land zu nehmen, indem er ihm versichert, dass er dort auch nicht lange auf ihn warten müsse. Obwohl Krümel Angst hat, dass sein Bruder 90 Jahre alt werden könnte, tröstet Jonathan ihn damit, dass in diesem Land die Zeit viel schneller vergehen würde und er sich höchstens zwei Tage gedulden müsse.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik des Sterbens im Werk von Astrid Lindgren und Darlegung der forschungsleitenden Frage zur Initiationsgeschichte.
2. Handlung: Zusammenfassung der Geschehnisse um die Brüder Karl und Jonathan im Diesseits und im Jenseits (Nangijala).
3. Erzähltextstruktur: Analyse der Ich-Erzählsituation und der narrativen Ebenen des Romans nach narratologischen Kriterien.
4. Zentrale Figuren: Charakterisierung der Hauptfiguren Krümel und Jonathan sowie Einordnung weiterer wichtiger Protagonisten wie Sophia, Hubert und Tengil.
5. Motive und Symbolik: Untersuchung der Bindung zwischen den Brüdern und der Bedeutung von Trennung und Wiedersehen als Leitmotiv.
6. Topographie und semantische Räume: Untersuchung der verschiedenen Welten und Orte im Roman sowie deren moralische Aufladung durch das Spannungsfeld von Gut und Böse.
7. Initiationsmuster im Roman: Anwendung des Modells von Michael Titzmann auf die drei Phasen der Entwicklung von Krümel.
8. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse und Beantwortung der Frage nach der Eignung des Modells für den untersuchten Roman.
Schlüsselwörter
Astrid Lindgren, Die Brüder Löwenherz, Initiation, Initiationsgeschichte, Michael Titzmann, Krümel, Jonathan, Nangijala, semantische Räume, Gut und Böse, Erzähltextstruktur, Kinder- und Jugendliteratur, Symbolik, Identitätsfindung, Tod.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Astrid Lindgrens Roman "Die Brüder Löwenherz" unter literaturwissenschaftlichen Gesichtspunkten, insbesondere im Hinblick auf seine Struktur als Initiationsgeschichte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen die Erzählstruktur, die Charakterisierung der Hauptfiguren, die Symbolik von Gut und Böse sowie die topographische Einteilung der Handlungsräume.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage zielt darauf ab, zu bestimmen, ob der Handlungsverlauf des Romans die Kriterien einer klassischen Initiationsgeschichte nach Michael Titzmann erfüllt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die strukturalistische Narratologie und das theoretische Modell der Initiation nach Michael Titzmann, um den Text systematisch zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine inhaltliche Zusammenfassung, eine Analyse der erzählerischen Mittel, eine detaillierte Figurencharakterisierung und eine Untersuchung der symbolischen Raumsemantik.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Initiation, Nangijala, Identitätsfindung, Gut und Böse, Symbolik sowie die narratologische Struktur des Werkes.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle von Jonathan Löwenherz?
Jonathan wird als zentrale Bezugsperson und Vorbild für Krümel identifiziert, der durch sein opferbereites Handeln eine Heldenfigur darstellt.
Zu welchem Schluss kommt die Untersuchung hinsichtlich des Initiationsmusters?
Das Fazit stellt fest, dass das Modell der Initiationsgeschichte nur teilweise zutrifft, da die dritte Phase – die soziale Reintegration – im Roman nicht vollständig durchlaufen wird.
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- Anonym (Author), 2015, Astrid Lindgrens "Die Brüder Löwenherz". Eine Initiationsgeschichte?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/318416