In Heinrich von Kleists Lustspiel "Amphitryon" werden die Thematik der Erkenntnis des Ichs als Identitätskonflikt und Probleme des Erkennens verhandelt. Der dramatische Schwerpunkt der Komödie liegt dabei in der Frage nach dem generellen Charakter des Ichs. Zunächst findet jede der dramatis personae ihre Wahrheit und Identität in der beglaubigenden anerkennenden Wertschätzung oder Liebe einer anderen Figur. Hans Robert Jauß spricht in diesem Fall von einem intersubjektiven Identitätsbegriff oder von einer reflektierten Einheit mit sich selbst im Anderen. Diese Wahrheit wird jedoch fraglich nach dem Einfall der göttlichen Doppelgänger. Die Identität des Ichs wird unsicher.
Im Rahmen dieser Hausarbeit soll die These belegt werden, dass die Theophanie Jupiters und Merkurs einen Ausnahmezustand generiert, in dem die Identitäten der handelnden Figuren sukzessive unsicher werden. Dieser Ausnahmezustand des Ichs manifestiert sich in einer politisch-gewalttheoretischen Dimension, einer sprachtheoretischen sowie einer epistemologischen Dimension, die eine kritische Subversion von zeitgenössischen religiösen Vorstellungen inkludiert. Dieser umfassende Ansatz bietet sich durch die Betonung der spielerischen Selbstreflexion des Dramas an, die die drei verschiedenen Dimensionen des Dramentextes verbindet.
In einem ersten Schritt soll aufgezeigt werden, dass die Theophanie und das damit verbundene Doppelgängerspiel einen Ausnahmezustand erzeugt, in dessen Verlauf durch die Täuschungen der Götter die handelnden Figuren, einschließlich der Götter, eine je unterschiedlich nuancierte Krise ihrer Identität erfahren, die in einem Ausnahmezustand des Ichs kulminiert. Jupiter verhängt einen Ausnahmezustand, in dessen Verlauf ihm die souveräne Verfügungsgewalt über diesen sukzessive wieder entgleitet. Jupiters Machtverlust als Souveränitätseinschränkung führt zu einer spezifischen Form von Biopolitik, die zugleich eine Veränderung des Verhältnisses zwischen Menschen und Göttern, Herrschern und Untertanen impliziert.
In einem zweiten Schritt soll dann die sprachtheoretische und epistemologische Dimension des Ausnahmezustands untersucht werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Politisch-gewalttheoretische Dimension des Ausnahmezustands
2.1. Jupiters Ausnahmezustand und Notstand
2.2. Hetzjagd der Sprache - Die Szene II/5
2.3. Herakles-Mythos als biopolitische Herrschaft
3. Sprachtheoretische und epistemologische Dimension des Ausnahmezustands
3.1. Krise der Zeichen und gestörte Kommunikation
3.2. Enteignung des Ichs als Erste-Person-Perspektive
3.3. Kritische Subversion religiöser Vorstellungen
4. Schlussbetrachtungen
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, inwiefern die Theophanie in Heinrich von Kleists Lustspiel Amphitryon einen Ausnahmezustand erzeugt, der die Identität der Figuren nachhaltig erschüttert und eine kritische Auseinandersetzung mit zeitgenössischen religiösen und machttheoretischen Vorstellungen erzwingt.
- Politisch-gewalttheoretische Analyse des Ausnahmezustands nach Carl Schmitt und Giorgio Agamben.
- Sprachtheoretische Untersuchung zur Krise der Zeichen und der gestörten Kommunikation.
- Epistemologische Reflexion über die Enteignung der Erste-Person-Perspektive und Identitätsverlust.
- Religionskritische Subversion des Soter-Mythos und des christlichen Erlösungsversprechens.
- Analyse des Dramas als Tragikomödie mit schwarzer Ironie.
Auszug aus dem Buch
2. Politisch-gewalttheoretische Dimension des Ausnahmezustands
Der Einfall der göttlichen Doppelgänger erzeugt einen Ausnahmezustand, in dessen Verlauf die dramatis personae eine je unterschiedlich nuancierte Krise ihrer Identität erfahren, die in einem Ausnahmezustand des Ichs kulminiert. Jupiter verhängt einen Ausnahmezustand, in dessen Verlauf ihm die souveräne Verfügungsgewalt über diesen sukzessive wieder entgleitet. Jupiters Machtverlust als Souveränitätseinschränkung führt zu einer spezifischen Form von Biopolitik, die zugleich eine Veränderung des Verhältnisses zwischen Menschen und Göttern, Herrschern und Untertanen impliziert.
Nach Carl Schmitt ist Souverän derjenige, der den Ausnahmezustand verhängt. Die Frage nach der Beeinflussung des Geschehens im Ausnahmezustand ist für Schmitt für eine Zuerkennung von Souveränität als Befähigung zum Verhängen des Ausnahmezustandes sekundär.
Der zweite Aspekt des verhängten Ausnahmezustands liegt in der Verdoppelung des Amphitryon und seines Dieners Sosias. Deutlich wird die Auswirkung des Doppelgängerspiels in einer systematischen Identitätszerstörung. Die "Entsosiatisierung" und "Entamphitryonisierung" beginnt mit dem Kampf um die "Feste" des Bewusstseins, in deren Verlauf nicht nur die Namen, sondern das Ich geraubt wird. Die Intentionalität dieses mit latentem Sadismus getriebenen Spiels wird gleich zu Anfang des Dramas in der Szene I/2 deutlich.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Identitätskrise im Amphitryon ein und formuliert die These, dass die göttliche Theophanie einen Ausnahmezustand schafft, der Identität und religiöse Gewissheiten untergräbt.
2. Politisch-gewalttheoretische Dimension des Ausnahmezustands: Dieses Kapitel analysiert das Wirken Jupiters als souveränen Akteur, der die Figuren in einen Notstand versetzt, welcher ihre soziale Identität zerstört und biopolitische Herrschaftsstrukturen offenlegt.
3. Sprachtheoretische und epistemologische Dimension des Ausnahmezustands: Der Fokus liegt hier auf der Sprachskepsis, der Unzuverlässigkeit von Zeichen und der daraus resultierenden epistemologischen Krise, die das Selbstverständnis des Ichs als Erste-Person-Perspektive fundamental infrage stellt.
4. Schlussbetrachtungen: Das Fazit fasst zusammen, dass Kleist das Stück als tragikomisches Spiel mit einer bitteren Ironie entwirft, in dem die Identität erschüttert bleibt und Gott als täuschende Instanz subvertiert wird.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Amphitryon, Theophanie, Ausnahmezustand, Identitätskrise, Souveränität, Biopolitik, Sprachskepsis, Erste-Person-Perspektive, Religionskritik, Soter, Doppelgänger, Epistemologie, Machtverlust, Tragikomödie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit beschäftigt sich mit der Analyse von Heinrich von Kleists Amphitryon unter dem Aspekt der Theophanie als Ausnahmezustand, der Identität, Sprache und religiöse Weltbilder destabilisiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Machttheorie (Souveränität), Biopolitik, Sprachtheorie (Zeichenkrise) und Religionskritik innerhalb des Dramas.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu belegen, dass die Theophanie einen systemischen Ausnahmezustand erzeugt, der die handelnden Figuren in eine existenzielle Identitätskrise stürzt und religiöse Vorstellungen kritisch subvertiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die durch politisch-philosophische Konzepte (Carl Schmitt, Giorgio Agamben) und sprachtheoretische Ansätze gestützt wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine politisch-gewalttheoretische Untersuchung der Herrschaft Jupiters, eine sprachtheoretische Analyse der Kommunikationsstörungen und eine epistemologische Betrachtung der Ich-Enteignung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Ausnahmezustand, Identitätskrise, Souveränität, Sprachskepsis, Biopolitik und Soter-Typologie.
Wie interpretiert der Autor das berühmte "Ach!" am Ende des Stücks?
Der Autor deutet das "Ach!" als Ausdruck einer tiefen Identitätszerstörung und als Zeichen für das Ende einer eindeutigen Kommunikation, das das Stück dauerhaft im Schwebezustand lässt.
Welche Rolle spielt Jupiter in dieser Analyse?
Jupiter wird nicht als gütiger Gott, sondern als täuschender Akteur ("deus malignus") gesehen, dessen Handeln eine narzisstische Komponente hat und dessen Scheitern in einer biopolitischen Herrschaftsgeste mündet.
Was bedeutet "Entsosiatisierung" und "Entamphitryonisierung" im Kontext der Arbeit?
Diese Begriffe beschreiben die durch das Doppelgängerspiel verursachte systematische Zerstörung des Identitätsbewusstseins, bei der nicht nur soziale Rollen, sondern das innere Ich der Figuren geraubt wird.
- Quote paper
- Thomas Franz (Author), 2013, Theophanie und Mythos in Heinrich von Kleists "Amphitryon". Der Einfall der Götter als Ausnahmezustand des Ichs, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/316987