Eine breite, wohl integrierte, wachsende Mittelschicht gilt als Merkmal der modernen Wohlfahrtsgesellschaften. Die zunehmende Technologisierung und Informatisierung hat neue Bedingungen am Arbeitsmarkt geschaffen, die auch die Machtpotentiale der neuen Mittelschicht verändern. Der gesellschaftliche Diskurs zeigt, dass das Bestehen des Fundaments der modernen Wohlstandsgesellschaft in Frage gestellt wird.
Aber wie lässt sich dieses Segment der Gesellschaft wissenschaftlich fassen? Wie kommt es dazu, dass es der Mittelschicht möglich ist sich zwischen die Dualität von Arbeiterklasse und Bourgeoisie zu drängen? Läuft der Mittelstand Gefahr durch die Fortschritte von Wissenschaft und Technik seine besondere Stellung zu verlieren?
Um diese Fragen zu beantworten, soll zunächst darauf eingegangen werden, was die Mittelschicht ist und wie sie sich zur Arbeiterklasse abgrenzt. Im nächsten Schritt sollen die Machtpotentiale eben jener Gesellschaftsgruppe näher untersucht werden, um zu verstehen, wie es möglich ist, dass die Mittelschicht ihre Position im Klassenspektrum einnimmt. Schlussendlich soll mithilfe der gewonnenen Erkenntnisse versucht werden zu erkennen, ob die Mittelschicht durch einen Verfall ihrer Machtpotentiale in Gefahr steht ihre privilegierte Position innerhalb der Gesellschaft zu verlieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die neue Mitte
2.1. Wo ist die Mitte?
2.2. Die Professional-Managerial-Class
2.3. Antagonismus der Klassen – Das Machtpotential der Mittelschicht
3. Die neue Mittelschicht Im Informationszeitalter
3.1. Die kapitalistische Offensive
3.2. Die Informatisierung der Arbeitswelt
3.3. Die Erosion der Mittelschicht
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie sich die Bedingungen im Informationszeitalter auf die Machtpotentiale und die Stabilität der sogenannten „neuen Mittelschicht“ auswirken, wobei insbesondere die Professional-Managerial-Class (PMC) im Fokus steht.
- Theoretische Grundlagen zur Definition und Abgrenzung der Mittelschicht
- Analyse der Professional-Managerial-Class nach Ehrenreich
- Untersuchung von Machtverhältnissen durch das Prinzip der Ausbeutung nach Wright
- Auswirkungen der fortschreitenden Informatisierung auf die Organisation von Kopfarbeit
- Herausarbeitung der Erosion vormals privilegierter Machtpositionen durch neue Arbeitsformen
Auszug aus dem Buch
3.2. Die Informatisierung der Arbeitswelt
Im Mittelpunkt dieser Veränderung der Arbeitswelt (3.1) steht die Informatisierung der Arbeitswelt. Informatisierung kann als ein sozialer Prozess des Sammelns von Informationen und ihrer Verwaltung in Informationssystemen begriffen werden. Geistige Tätigkeiten werden von ihren Urhebern geschieden und anderen in überindividuell nutzbaren Informationen und Informationssystemen zugänglich gemacht (vgl. BOES et al. 2014: 6). Informatisierung ist elementar für die Entwicklung von Arbeit und Gesellschaft. Sie schafft eine neue Handlungsebene, die es ermöglicht Wissensarbeit bzw. Kopfarbeit als eine eigenständige Form menschlicher Arbeit rational zu betreiben. Informatisierung hat nicht erst durch Digitalisierung, Computer und Internet Einzug in die Arbeitswelt genommen, sondern ist vielmehr die logische Konsequenz, der immer komplexer werdenden Arbeitsprozesse.
Vor allem im Zuge der Industrialisierung wurde die Voraussetzung und Notwendigkeit der Kontrolle und Steuerung der Produktionsprozesse durch vielschichtige Informationssysteme geschaffen. Durch ‚objektive Informationen‘ soll unter Verwendung wissenschaftlicher Methoden ein rationalisierbarer ‚objektiver‘ Prozess entwickelt werden. Dies bezieht sowohl Kopfarbeit mit ein, welche die Rationalisierungsschübe der Handarbeit vorantreibt, als auch die Weiterentwicklung der Werkzeuge der Informatisierung selbst, durch Kopfarbeit als sich selbst verstärkender Prozess (vgl. ebd.: 7f.). Die globale Verbreitung neuer Informations- und Kommunikationsnetze, Computer und das Internet treiben diesen Prozess zu seinem bisherigen Höhepunkt. Vor allem das weltweit zugängliche World Wide Web, mit dem daraus entstandenen globalen Informationsraum, bringt eine fundamentale Veränderung der Gesellschaft, Arbeit und einen enormen Anstieg der Produktivkraft mit sich. Der Informationsraum des Internets ist die Zukunft der Arbeit im 21. Jahrhundert (vgl. ebd.: 9). Die zentrale Basisinfrastruktur und Bezugsebene von Arbeit findet für immer mehr Beschäftigte online in einem Netzwerk von wechselseitig interagierenden Menschen statt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet das wachsende Krisenbewusstsein und die subjektive Verunsicherung der Mittelschicht und stellt die Forschungsfrage nach deren Stabilität im Informationszeitalter.
2. Die neue Mitte: Dieses Kapitel erörtert verschiedene Definitionen der Mittelschicht und führt das Konzept der Professional-Managerial-Class sowie Wrights Theorie zu Machtverhältnissen und Ausbeutung ein.
3. Die neue Mittelschicht Im Informationszeitalter: Hier wird analysiert, wie die neoliberale Politik, globale Arbeitsmarktveränderungen und die zunehmende Informatisierung die bisherigen Privilegien der Mittelschicht untergraben.
4. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Informatisierung zu einer Erosion der Machtpotentiale führt, wobei sich die neue Mittelschicht in einer Situation des „Abstiegs im Aufstieg“ befindet.
Schlüsselwörter
Mittelschicht, Professional-Managerial-Class, Informatisierung, Kopfarbeit, Machtpotentiale, Arbeitswelt, Ausbeutung, Expertenmodus, Skill Rent, Loyalty Rent, Rationalisierung, industrielle Beziehungen, Strukturwandel, Wissensarbeit, Gesellschaftsmodell.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Situation der „neuen Mittelschicht“ im Informationszeitalter und untersucht, ob und warum deren privilegierte Stellung durch technologische und organisatorische Veränderungen gefährdet ist.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die theoretische Definition der Mittelschicht, das Konzept der Professional-Managerial-Class, die Dynamik von Machtverhältnissen im Kapitalismus sowie die Auswirkungen der Informatisierung auf moderne Wissensarbeit.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt danach, wie sich die Machtpotentiale der Mittelschicht im Informationszeitalter verändern und ob diese Gruppe Gefahr läuft, ihre privilegierte Position durch einen Verfall dieser Potentiale zu verlieren.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit nutzt theoretische Klassentypologien (insbesondere von Barbara und John Ehrenreich sowie Erik Olin Wright) und verknüpft diese mit soziologischen Analysen zur Informatisierung der Arbeitswelt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil wird zunächst die Mittelschicht soziologisch verortet, dann werden die theoretischen Machtgrundlagen der Professional-Managerial-Class erörtert und abschließend die negativen Auswirkungen von Informatisierung und Prozessorientierung auf diese Gruppe detailliert dargelegt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere die neue Mittelschicht, Informatisierung, Kopfarbeit, Machtpotentiale, der Expertenmodus sowie das von der Arbeit geprägte Konzept des „Abstiegs im Aufstieg“.
Wie unterscheidet sich die Rolle des modernen Managers von der eines klassischen Betriebsleiters?
Während der klassische Betriebsleiter im 19. Jahrhundert oft Eigentümer und direkter Entscheider war, agiert der moderne Manager innerhalb komplexer Befehlsstrukturen, kontrolliert jedoch spezialisierte Prozesse, ohne zwangsläufig die Produktionsmittel selbst zu besitzen.
Was genau bedeutet der Begriff „Expertenmodus“ im Kontext der Informatisierung?
Der „Expertenmodus“ beschreibt eine Arbeitsform, bei der hochqualifizierte Kopfarbeiter durch die Einbindung ihrer individuellen Expertise eine geschützte „Insel“ gegenüber Rationalisierungsprozessen genießen konnten, die jedoch durch moderne IT-gestützte Prozessorientierung zunehmend aufgelöst wird.
- Quote paper
- Stefan Raß (Author), 2016, Abstieg im Aufstieg? Die 'Neue Mittelschicht' im Informationszeitalter, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/315930