Gleichermaßen unbeschwert, wie wir mit Worten wie "wundersam", "wunderbar" und "wunderschön" umgehen, sind wir sprachlos angesichts der neutestamentlichen Wundergeschichten. Vorliegende Arbeit zeigt auf, wie biblische Wundererzählungen im modernen Religionsunterricht schülerorientiert behandelt werden können.
Im Sinne eines schülerorientierten Unterrichts sollten die behandelten Themen für die SchülerInnen von Relevanz sein. Aufgabe der Lehrenden ist es, die Unterrichtsinhalte im Rahmen ihrer Vorbereitung daraufhin zu prüfen und sie anschließend auf eine Art und Weise im Unterricht zu behandeln, dass den Kindern und Jugendlichen die Bedeutung des Besprochenen für sie und ihr Leben bewusst werden kann.
Bei der Behandlung von biblischen Texten sollte das religionsunterrichtliche Handeln darauf abzielen, „die Schülerinnen und Schüler mit ihrer Erfahrungswelt einerseits und die biblische Tradition […] andererseits in einen produktiven Dialog zu bringen“.
Für viele LehrerInnen scheint dies hinsichtlich der neutestamentlichen Wundergeschichten eine kaum zu bewältigende Herausforderung darzustellen. Daraus resultiert vermutlich die von vielen AutorInnen konstatierte zunehmende unterrichtliche Vernachlässigung jener Texte.
Einigkeit besteht auch darüber, dass es sich bei den Wundererzählungen um eines der „anspruchsvollsten Themenfelder[] der Religionspädagogik“ handelt. Als hauptursächlich dafür darf der Umstand gelten, dass die Schilderungen der Wundertaten nicht mit unserem heutigen naturwissenschaftlichen, kausalen Denken vereinbar zu sein scheinen. Sowohl ReligionslehrerInnen als auch die SchülerInnen tun sich deshalb schwer im Umgang mit den geschilderten Wundertaten Jesu.
Doch gerade der Konflikt und das Ringen um Wahrheit, Wirklichkeit und Glaubwürdigkeit zwischen den Texten und gegenwärtigen Denkmustern stellt ein großes Potenzial für den Religionsunterricht dar.
Inhaltsverzeichnis
1 „Wunder gibt es immer wieder“? - Einleitung
2 „Jesus war ein guter Mann“ – Ethische Aspekte der Wundertexte
3 „Woran können wir glauben?“
3.1 „Die Zeit heilt alle Wunder“ – Das antike Weltbild
3.2 „Zeilen aus Gold“ – Das Anliegen der Evangelisten
3.3 „Wir dürfen nicht nur alles glauben, was wir sehen“
4 „Wovon sollen wir träumen, so wie wir sind?“
5 „Und du glaubst nicht an Wunder“? - Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das didaktische Potenzial neutestamentlicher Wundererzählungen im Religionsunterricht. Ziel ist es, Wege aufzuzeigen, wie Schülerinnen und Schüler trotz eines modernen, naturwissenschaftlich geprägten Weltbildes einen Zugang zu diesen Texten finden können, indem die Wunder nicht als naturgesetzliche Durchbrechungen, sondern als hoffnungsstiftende und existenziell bedeutsame Botschaften interpretiert werden.
- Didaktische Vermittlung von Wundergeschichten an heutige Jugendliche
- Konflikt zwischen antikem Weltbild und moderner Wissenschaft
- Ethische Relevanz und Handlungsanweisungen der Wunder Jesu
- Wundergeschichten als Fantasie-Erzählungen und Identifikationsangebote
- Umgang mit der Theodizeefrage und dem Leid in der Welt
Auszug aus dem Buch
3 „Woran können wir glauben?“
Viele, auch christlich sozialisierte, Menschen tun sich schwer im Umgang mit den Wundergeschichten Jesu, da sie unserem Weltbild so diametral zu widersprechen scheinen (vgl. Englert, 2005, S. 184). Während Grundschulkinder fantastischen und wunderhaften Geschichten noch sehr aufgeschlossen gegenüberstehen, nehmen ältere SchülerInnen zunehmend Anstoß daran (Kollmann, 2013, S. 202). Die von ihnen wahrgenommene „Unvereinbarkeit von Wunderglauben und einer von Wissenschaft und Technik geprägten modernen Lebenswelt“ (Märkt, Schnabel-Henke & Schweitzer, 2014, S. 61) äußert sich in Skepsis, möglicherweise verbunden mit einem Zweifeln „an der Bedeutung und Glaubwürdigkeit der Bibel insgesamt“ (ebd.).
Albrecht (2008) beschreibt ein Überlegenheitsgefühl der Jugendlichen gegenüber den antiken Autoren und ihren Texten, welches dazu führe, dass die biblischen Schilderungen „entweder als bewusste Manipulationsversuche von Jesus-Anhängern oder naive Augenzeugenberichte ohne Realitätsbezug abgetan“ (ebd., S. 126) werden. In Anbetracht der zu erwartenden abwehrenden bzw. kritischen Haltung der SchülerInnen, erscheint es vielen LehrerInnen „einfacher, die Wunder fallen zu lassen“, vermutet Dressler (1999, S. 47). Dabei bietet diese Ausgangslage spannende Auseinandersetzungsmöglichkeiten für den Religionsunterricht. Es stellt eine große Chance dar, wenn die Jugendlichen, während sie sonst vielem desinteressiert oder meinungslos gegenüberstehen, in Bezug auf die Wundergeschichten von vornherein eine Haltung einnehmen und Stellung beziehen. Insofern sollten die Wunder Jesu als Herausforderung angesehen werden: Sie verlangen den Lehrenden ab, Zugänge zu Wundern „als fremde[n] Lebenswelten“ (Kollmann, 2013, S. 205) zu schaffen, mithilfe derer neue Deutungshorizonte aufgezeigt werden können, und fordern die Lernenden heraus, sich trotz (oder gerade wegen) aufkommender Widerstände darauf einzulassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 „Wunder gibt es immer wieder“? - Einleitung: Das Kapitel thematisiert die Herausforderung, Wundergeschichten schülerorientiert zu vermitteln, da sie naturwissenschaftlichen Denkmustern widersprechen.
2 „Jesus war ein guter Mann“ – Ethische Aspekte der Wundertexte: Hier wird aufgezeigt, wie Wundergeschichten als Impulsgeber für christliche Nächstenliebe und solidarische Praxis gegenüber Außenseitern dienen können.
3 „Woran können wir glauben?“: Dieses Kapitel analysiert die Skepsis der Jugendlichen gegenüber Wundergeschichten und erörtert, wie man diese Haltung als produktive Chance für den Unterricht nutzen kann.
3.1 „Die Zeit heilt alle Wunder“ – Das antike Weltbild: Der Abschnitt erläutert, dass im antiken Wirklichkeitsverständnis göttliches Wirken eine Selbstverständlichkeit war, was den Zugang zu den Texten erleichtert.
3.2 „Zeilen aus Gold“ – Das Anliegen der Evangelisten: Das Kapitel verdeutlicht, dass die Evangelisten keine neutralen Berichterstatter waren, sondern die Wunder zielgerichtet für ihre Verkündigung nutzten.
3.3 „Wir dürfen nicht nur alles glauben, was wir sehen“: Dieser Teil diskutiert die Notwendigkeit, zwischen historischem Kern und menschlicher Deutung zu unterscheiden, um Jugendliche zur tieferen Auseinandersetzung zu motivieren.
4 „Wovon sollen wir träumen, so wie wir sind?“: Das Kapitel beleuchtet Parallelen zwischen biblischen Wundern und moderner Fantasy-Literatur als Identifikationsangebote für Jugendliche.
5 „Und du glaubst nicht an Wunder“? - Schluss: Zusammenfassend wird betont, dass die Wunderthematik aufgrund ihres enormen didaktischen Potenzials ein fester Bestandteil religiöser Bildung bleiben muss.
Schlüsselwörter
Religionsunterricht, Wundergeschichten, Jesus, Bibeldidaktik, Glaube, Antikes Weltbild, Schülerorientierung, Ethik, Nächstenliebe, Theodizeefrage, Hermeneutik, Identifikationsprozesse, Wissenschaft, Moderne, Grenzüberwindung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Umgang mit neutestamentlichen Wundergeschichten im heutigen Religionsunterricht und wie diese trotz naturwissenschaftlicher Vorbehalte vermittelt werden können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die didaktische Aufbereitung biblischer Wunder, die Differenz zwischen antiken und modernen Weltbildern, die ethische Dimension Jesu Wirkens sowie die Identifikationsmöglichkeiten für Jugendliche.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, das didaktische Potenzial der Wundertexte zu erschließen und Strategien aufzuzeigen, wie Lehrerinnen und Lehrer diese Texte lebendig und relevant für die heutige Lebenswelt der Schüler machen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine Analyse religionspädagogischer Fachliteratur sowie die Einbeziehung rezeptionsästhetischer und historisch-kritischer Perspektiven auf die biblischen Texte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil behandelt die ethische Bedeutung der Wunder, die historische Kontextualisierung durch das antike Weltbild, die Intention der Evangelisten sowie den Vergleich mit moderner Fantasy-Literatur zur Förderung von Identifikationsprozessen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Religionsunterricht, Bibeldidaktik, Wundergeschichten, Glaube, Ethik, Identifikation und das antike Weltbild.
Wie kann das Spannungsfeld zwischen Glaube und Wissenschaft im Unterricht aufgelöst werden?
Die Arbeit schlägt vor, Wunder nicht als Faktenberichte, sondern als existentielle Mutmach-Geschichten zu verstehen, die den Blick für das Unberechenbare und Hoffnungsfrohe im Leben schärfen.
Warum spielt das Genre der Fantasy-Literatur in der Argumentation eine Rolle?
Fantasy-Geschichten bieten den Schülern vertraute Erzählstrukturen über Grenzüberwindung; durch den Vergleich mit Wundertexten können Jugendliche leichter einen Zugang zum „Geheimnisvollen“ finden.
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- Anonym (Author), 2015, Die Wunder Jesu und ihr didaktisches Potential. Neutestamentliche Wundergeschichten im modernen Religionsunterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/315863