Wie lässt sich der Begriff "Kompetenz" in den pädagogisch-erziehungswissenschaftlichen Diskurs um Bildung, Erziehung und Lernen einbringen?
Um diese und weitere Fragen zu beantworten, wird zu Beginn der Arbeit der Kompetenzbegriff und dessen Fokussierung durch die europäische Lissabon-Strategie erläutert. Hierfür werden einzelne Beispiele und Maßnahmen herausgenommen (z.B. der Europäische Qualifikationsrahmen), um einen allgemeinen Überblick über Funktionen der Wissensgesellschaft in der EU zu geben und deutlich werden zu lassen, warum es hierbei so stark um Kompetenzen geht und warum der Begriff hierdurch eine breite Aufmerksamkeit errungen hat.
Im dritten Kapitel wird darauf aufbauend die Kritik an den erläuterten Maßnahmen und damit die Kritik an der Kompetenzorientierung erläutert. Es soll deutlich werden, was kritisiert wird und welche Folgen diese Kritik (für den Kompetenzbegriff und den Bildungsbegriff) hat. Des Weiteren wird das traditionelle deutsche Dilemma um Bildung erörtert, um deutlich werden zu lassen, wie die beiden Begriffe "Bildung" und "Kompetenz" zueinander stehen. Was sind Gemeinsamkeiten, was Unterschiede und was Paradoxe der beiden Begriffe?
Im letzten Teil soll dann die Vereinbarkeit zwischen Bildung und Kompetenz erläutert werden, um die Frage zu beantworten, ob beide sich ausschließen oder miteinander gebraucht werden können? Wie kann sich hierbei die Pädagogik als wissenschaftliche Disziplin verorten und beide Begriffe ver- und anwenden, um als Disziplin Anerkennung und Fortschritt im Sinne von wissenschaftlichem Fortschritt zu fördern? Es folgt ein Resumée der Arbeit.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Kompetenzbegriff und die EU
2.1 Fokussierungen auf Kompetenz in der Wissensgesellschaft
2.2 Der Europäische und deutsche Qualifikationsrahmen und das Lebenslange Lernen
3. Kompetenz als ökonomisierte Bildung?
3.1 Ökonomie und Humankapital
3.2 Bildungsideal und Wunschdenken
4. Dichotomie der beiden Begriffe Bildung und Kompetenz?
5. Kompetenz - Chance für den erziehungswissenschaftlich-pädagogischen Diskurs
6. Abschluss
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, das Spannungsfeld zwischen dem Kompetenzbegriff und dem klassischen Bildungsbegriff innerhalb der pädagogischen Disziplin kritisch zu beleuchten und eine mögliche Aussöhnung der beiden Konzepte im Kontext der modernen Wissensgesellschaft zu erörtern.
- Die Rolle des Kompetenzbegriffs im Rahmen der Lissabon-Strategie und EU-Bildungspolitik.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Ökonomisierung von Bildung und dem Humankapitalansatz.
- Die historische und theoretische Fundierung des deutschen Bildungsbegriffs.
- Die Analyse der vermeintlichen Dichotomie zwischen zweckfreier Bildung und funktionaler Kompetenzorientierung.
- Das Potenzial einer integrativen Perspektive für den erziehungswissenschaftlichen Diskurs.
Auszug aus dem Buch
3. Kompetenz als ökonomisierte Bildung?
Mit dem Aufkommen und der Festigung des Kompetenzbegriffes in vielen Bereichen der Bildungs(politik) der EU (Schule, Weiterbildung etc.) kam auch zunehmend Kritik gegen den Begriff auf. Ob im Bereich der Schule und der PISA Studie, dem Bolognaprozess auf Hochschulebene oder dem Kompetenzmanagement im Weiterbildungsbereich, stets lautet der Vorwurf Ökonomisierung und Verwahrlosung von Bildung und damit Verwahrlosung der Disziplin Pädagogik.
So interpretiert beispielsweise Jochen Krautz (2009), von der Gesellschaft Bildung und Wissen e.V., die gesamte Kompetenzorientierung als reine Ökonomieorientierung. Die Bildungsdiskussion sei in Deutschland nur durch wirtschaftliche Interessen und Lobbygruppen bestimmt. Diese geben einen Forderungskatalog vor, damit Bildung ein profitables Geschäft werde. Er erläutert, dass deshalb der Kompetenzbegriff den Bildungsbegriff ablöse. Für ihn ist Kompetenz ökonomisch funktional und zielt auf die Vereinnahmung der Persönlichkeit des einzelnen. Die Wirtschaft wolle lebenslange Persönlichkeitsprofile von zukünftigen Arbeitnehmern erstellen, um somit Anpassung der Individuen an ökonomisch verursachte Situationen zu gewährleisten. „Das Kompetenzkonzept dient der Vereinnahmung der Person für ökonomische Zwecke.“ (Krautz 2009, S. 94). Die Kompetenzorientierung dient als Kontrollsystem um den Homo oeconomicus zu produzieren. Es folgt eine Ökonomisierung der sozialen Beziehungen, die sogar soweit geht, dass die Erziehung Selbstregulierung unterworfen ist und stets seine Effektivität und seine Leistung steigern muss, da das Kapital des Subjekts in seiner Persönlichkeit selbst verborgen liegt (vgl. Klingovsky 2009, S. 120/121).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die inflationäre Verwendung des Kompetenzbegriffs in Politik und Wirtschaft und formuliert die Fragestellung nach dessen Verhältnis zum Bildungsbegriff.
2. Der Kompetenzbegriff und die EU: Dieses Kapitel erläutert die Genese des Kompetenzbegriffs in der Wissensgesellschaft und dessen Implementierung durch europäische Rahmenwerke.
2.1 Fokussierungen auf Kompetenz in der Wissensgesellschaft: Hier werden die historische Entwicklung des Begriffs und der Wandel zur globalisierten Wissensgesellschaft analysiert.
2.2 Der Europäische und deutsche Qualifikationsrahmen und das Lebenslange Lernen: Das Kapitel untersucht die Zielsetzungen und Instrumente der EU zur Vergleichbarkeit von Lernergebnissen.
3. Kompetenz als ökonomisierte Bildung?: Dieser Abschnitt widmet sich der Kritik an der Kompetenzorientierung und deren vermeintlicher Funktionalisierung für ökonomische Zwecke.
3.1 Ökonomie und Humankapital: Der Fokus liegt auf der Instrumentalisierung des Individuums als Humankapital und der damit verbundenen ökonomischen Verwertung von Bildungsprozessen.
3.2 Bildungsideal und Wunschdenken: Die theoretische Herleitung des deutschen Bildungsbegriffs aus dem Neuhumanismus wird dem modernen Diskurs gegenübergestellt.
4. Dichotomie der beiden Begriffe Bildung und Kompetenz?: Es wird die Frage nach der Konkurrenz zwischen zweckfreier und zweckgebundener Bildung sowie die Definition von Kompetenz als Disposition selbstorganisierten Handelns diskutiert.
5. Kompetenz - Chance für den erziehungswissenschaftlich-pädagogischen Diskurs: Die Arbeit argumentiert, dass eine Integration des Kompetenzbegriffs unter pädagogischen Kriterien eine bereichernde Synthese darstellen kann.
6. Abschluss: Im Fazit werden die Ergebnisse zusammengefasst und die Forderung nach einer Überwindung der stigmatisierenden Trennung von Bildung und Kompetenz bekräftigt.
Schlüsselwörter
Kompetenz, Bildung, Wissensgesellschaft, Lissabon-Strategie, Pädagogik, Ökonomisierung, Qualifikationsrahmen, Lebenslanges Lernen, Humankapital, Bildungsdilemma, Selbstorganisation, Neuhumanismus, Berufsbildung, Kompetenzmessung, Diskursethik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen dem modernen Kompetenzbegriff und dem klassischen deutschen Bildungsbegriff innerhalb der Pädagogik.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den zentralen Themen gehören die EU-Bildungspolitik, die Ökonomisierung von Bildung, bildungstheoretische Diskurse sowie das Konzept des Lebenslangen Lernens.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu klären, ob sich Bildung und Kompetenz ausschließen oder ob eine Aussöhnung beider Begriffe für die Pädagogik fruchtbar gemacht werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Die Arbeit basiert auf einer kritischen Literaturanalyse und einer theoretischen Diskursreflexion bildungswissenschaftlicher Positionen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Implementierung von Kompetenzvorgaben durch die EU, die Kritik an der ökonomischen Verwertung von Bildung sowie die theoretische Fundierung des Bildungsbegriffs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind Kompetenz, Bildung, Ökonomisierung, Wissensgesellschaft, Humankapital und die erziehungswissenschaftliche Reflexion dieser Leitkategorien.
Inwiefern spielt der Europäische Qualifikationsrahmen eine Rolle?
Der EQR dient als Beispiel für eine administrative Umsetzung der Kompetenzorientierung, welche die Vergleichbarkeit von Lernergebnissen auf europäischer Ebene fördern soll.
Wie bewertet der Autor die Kritik an der Ökonomisierung?
Der Autor hinterfragt die radikale Abgrenzung der Pädagogik von funktionalen Bildungsaspekten und plädiert dafür, Kompetenz als notwendiges Bindeglied anstatt als Feindbild zu begreifen.
Was versteht man in der Arbeit unter dem „Bildungsdilemma“?
Das Dilemma beschreibt das Spannungsverhältnis der Pädagogik zwischen dem idealistischen Anspruch der zweckfreien Bildung und den realen, oft zweckgebundenen Anforderungen der modernen Gesellschaft.
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- Stephan Schmider (Author), 2014, Kompetenz und Bildung, Leitbegriffe der Pädagogik?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/314562