Anaphern referieren auf vorangegangene Entitäten. Dies kann innerhalb eines Satzes erfolgen, aber auch über die Satzgrenzen hinweg. Im zweiten Fall hat es den Effekt, dass aus einzelnen Teilsätzen ein inhaltlich zusammenhängender (kohärenter) Text entsteht.
Anaphern referieren dabei auf unterschiedliche Weise auf den Referenten. Bezeichnet wird dies bei direkten Anaphern als Antezedent und bei indirekten Anaphern als Anker. Die Referenzmittel, die für die Textkohärenz dienlich sind, machen aber auch gerade durch die Referenz auf das Vorerwähnte den Text als solches verständlicher. Die Referenzmittel bilden lediglich einen Faktor neben anderen Einflussfaktoren, die sich auf die Verarbeitung sprachlicher Inhalte auswirken. Das verwendete Vokabular und das Thema des Textes können neben der Verwendung anaphorischer Ausdrücke die Verständlichkeit eines Textes beeinflussen. Die Eigenschaften des Rezipienten spielen dabei eine wichtige Rolle. Der Intellekt, die Motivation und die Lesekompetenz nehmen dabei Einfluss, ob der Text verstanden wird oder nicht.
Die Grundannahme der bevorstehenden Untersuchung ist, dass durch referentielle Beziehungen, wie beispielsweise die zwischen Anaphern und Antezedenten entstehenden Textstrukturen, der Zugriff auf bereits aktivierte Informationen erleichter wird, wodurch ein schnelleres und gegebenenfalls besseres Textverständnis möglich ist.
Um dieser Annahme nachzugehen werden im Folgenden zwei Textsorten miteinander verglichen. Im ersten Schritt erfolgt die Untersuchung eines Zeitungsartikels, der über ein lokales Ereignis berichtet. Im zweiten Schritt erfolgt die Untersuchung eines wissenschaftlichen Beitrags, der in einer fachwissenschaftlichen Zeitung veröffentlicht wurde. Beide Texte liegen als Anlagen der Untersuchung bei. Durch eine komparative Untersuchung der Intentionen und Untersuchungsergebnisse soll die vorangegangene These auf ihre Gültigkeit hin überprüft werden. In einem Resümee werden die Erkenntnisse erläutert.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zeitungsartikel
2.1 Nominale Anaphern
2.2 Pronominale Anaphern
2.3 Zwischenfazit
3. Wissenschaftlicher Text
3.1 Pronominale Anaphern
3.2 Nominale Anaphern
3.3 Komplexanaphern
3.4 Zwischenfazit
4. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle referentieller Beziehungen, insbesondere von Anaphern, für die Textkohärenz und das Textverständnis, indem sie die Anaphernhäufigkeit und -struktur in einem Zeitungsartikel mit der in einem wissenschaftlichen Text vergleicht.
- Analyse der Textkohärenz durch referentielle Anbindungen
- Vergleich von Zeitungsberichten und wissenschaftlichen Fachtexten
- Untersuchung von nominalen, pronominalen und Komplexanaphern
- Einfluss der Textsorte auf die Informationsdichte und Referentenanzahl
- Bedeutung von Lesekompetenz und Weltwissen für die Textverarbeitung
Auszug aus dem Buch
3.1 Pronominale Anaphern
Es wurde in Kap. 2.2 bereits in Erfahrung gebracht, dass pronominale Anaphern schneller verarbeitet werden, da sie den geringsten semantischen Gehalt besitzen und nur durch syntaktische Merkmale dem Antezedenten zuordnen sind. Die einzige Gefahr besteht lediglich bei ihrem Einsatz, dass bei größeren Distanzen und komplexeren Sätzen sie dem falschen Antezedenten zugeordnet werden können. Es fällt in dem wissenschaftlich geprägten Text auf, dass im Vergleich zum Zeitungsbericht, das für ein breiteres Publikum geschrieben wurde, häufiger zu pronominalen Anaphern gegriffen wird. Gerade bei nicht Muttersprachlern kann es bei der Verarbeitung der pronominalen Anaphern zu größeren Reaktionszeiten kommen, wenn sie den Genus und den Kasus des Antezedenten schwer entschlüsseln können:
Sprachpolitisch wird [dem Deutschen]1 [in Afrika]6 generell [[der Status] [einer Fremdsprache]2]7 zugewiesen. Daher wird [es]1 dort meistens nicht erworben, sondern erlernt.
Bevor das Pronomen es verarbeitet werden kann, muss der Rezipient erkennen, dass es sich auf die Phrase dem Deutschen bezieht und nicht eine Kürzung und Flektion der NP „die deutsche Sprache“ repräsentiert, sondern im Nominativ das Deutsche heißt. Erst durch diese Erkenntnis kann die pronominale Anapher auf den Antezedenten referieren. Relativpronomen stellen nicht nur eine semantische Kohärenz dar, sondern verknüpfen zwei Sätze zu einem und stellen dadurch eine syntaktische Kohäsion:
[Die Deutschlernenden]4+1 kommen in [die afrikanischen Germanistik-Abteilungen]3 mit [Deutschkenntnissen]9+1, [die]9+1 [sie]4+1 generell drei bis fünf Jahre lang [in der Sekundarstufe]11 erworben haben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert die Bedeutung von Anaphern für die Textkohärenz und stellt die Grundannahme auf, dass referentielle Beziehungen den Zugriff auf Informationen erleichtern.
2. Zeitungsartikel: Dieses Kapitel analysiert die Anaphernstruktur eines Zeitungsartikels über ein lokales Ereignis und beleuchtet die sprachlichen Strategien für ein breites Publikum.
2.1 Nominale Anaphern: Hier wird der bevorzugte Einsatz von Nominalphrasen im Zeitungsartikel zur Vermeidung von Fehlbezügen untersucht.
2.2 Pronominale Anaphern: Dieses Kapitel thematisiert die geringe Nutzung von Pronomen im Zeitungsartikel und die Gründe für die bewusste Vermeidung potenzieller Ambiguitäten.
2.3 Zwischenfazit: Zusammenfassung der Ergebnisse des Zeitungsartikels, wobei die geringe Anzahl der Referenten und das Fehlen komplexer Anaphern hervorgehoben werden.
3. Wissenschaftlicher Text: Untersuchung eines wissenschaftlichen Beitrags zur Situation des Deutschunterrichts, wobei die höhere fachliche Komplexität des Textes analysiert wird.
3.1 Pronominale Anaphern: Analyse des häufigeren Gebrauchs pronominaler Anaphern im wissenschaftlichen Kontext und der kognitiven Herausforderungen bei der Auflösung.
3.2 Nominale Anaphern: Erläuterung der Spezifikationsanaphern, die im wissenschaftlichen Text zur präziseren Informationsvermittlung beitragen.
3.3 Komplexanaphern: Diskussion der Funktion von Komplexanaphern als Mittel zur Erfassung komplexer propositionaler Einheiten in Fachtexten.
3.4 Zwischenfazit: Feststellung, dass wissenschaftliche Texte aufgrund ihrer Intention zur Wissensvermittlung eine höhere Anzahl an Referenten und komplexeren Anaphern aufweisen.
4. Resümee: Synthese der Untersuchungsergebnisse mit der Erkenntnis, dass für das Textverständnis primär die Anzahl der Referenten und weniger die Anzahl der Bezüge ausschlaggebend ist.
Schlüsselwörter
Anaphern, Textkohärenz, Textverständnis, Antezedent, Referenzmittel, Nominalanaphern, Pronominalanaphern, Komplexanaphern, Textsorte, Informationsvermittlung, Sprachwissenschaft, Spezifikationsanaphern, Kohäsion, Fachsprache, Kognitive Verarbeitung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie verschiedene Textsorten – konkret ein Zeitungsartikel und ein wissenschaftlicher Text – Anaphern einsetzen, um Kohärenz zu erzeugen und dem Leser das Verständnis zu erleichtern.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die linguistische Analyse von Referenzmitteln, die Unterschiede in der Informationsdichte zwischen populären und wissenschaftlichen Texten sowie kognitive Aspekte der Textverarbeitung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Hypothese zu überprüfen, ob referentielle Beziehungen durch eine bestimmte Anaphernstruktur tatsächlich den Zugriff auf Informationen beschleunigen und verbessern.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine komparative linguistische Untersuchung durchgeführt, bei der zwei Texte ähnlicher Wortlänge in Bezug auf ihre Referentenanzahl und die Art der verwendeten Anaphern analysiert und verglichen werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse des Zeitungsartikels und des wissenschaftlichen Textes, wobei jeweils verschiedene Anapherntypen (nominal, pronominal, komplex) im Detail untersucht werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Textkohärenz, Anaphern, Referenzmittel, Textsortenvergleich und kognitive Textverarbeitung definieren.
Warum verwendet der Zeitungsartikel seltener Pronomen?
Der Autor verzichtet zugunsten der Eindeutigkeit auf Pronomen, um bei der breiten, heterogenen Leserschaft Fehlbezüge zu vermeiden, die bei längerer satzübergreifender Distanz entstehen könnten.
Was zeichnet Komplexanaphern im wissenschaftlichen Kontext aus?
Komplexanaphern referieren nicht nur auf einzelne Entitäten, sondern auf ganze Sachverhalte oder propositionale Einheiten, was die kognitive Anforderung an den Rezipienten erhöht.
Ist eine hohe Anzahl an Bezügen entscheidend für besseres Textverständnis?
Das Resümee kommt zu dem Schluss, dass nicht die Menge der referentiellen Bezüge entscheidend ist, sondern vielmehr die Anzahl der eingeführten Referenten selbst.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2015, Pragmatische Textanalyse. Besseres Textverständnis durch Anaphorik?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/313660