Dieser Essay versucht, zu unterstreichen, wie die ethische Beziehung mit dem absolut Anderen einen Beitrag bei der hermeneutischen Beziehung zwischen dem Leser und einem literarischen Text leistet. In diesem Aufsatz werde ich argumentieren, dass die ethische Wende innerhalb der abendländischen Philosophie, wofür wir Emmanuel Lévinas dankbar sind, auch zur Bereicherung des Begriffs „Verstehen (eines literarischen Textes)“ führt.
Nach dem WW II wurde die Frage nach der Definition, Funktion und Erkenntniswert der Literatur wieder zum Thema gemacht und wurde von verschiedenen Perspektiven zur Debatte gestellt. Theodor W. Adorno schrieb in seinem Aufsatz „Kulturkritik und Gesellschaft“, dass es barbarisch sei, nach Ausschwitz Gedichte zu schreiben.
Diese ethische Wende innerhalb der Literatur führte zur Entgrenzung ästhetischer, ethischer und philosophischer Kompetenz des Menschen. Diese Wende hatte auch einen Einfluss auf die Subjekt-Objekt Beziehung innerhalb der Philosophie und Literaturwissenschaft zugleich.
Inhaltsverzeichnis
A. Theo-Logik statt Theologie
B. Das Andere bei Lévinas: „Begehren ohne Befriedigung“
C. Von der „Frage nach dem Anderen“ zur „Infragestellung des Selben“
D. Antlitz bei Lévinas: „Bedeutung ohne Kontext“
E. Gedicht als ‚Gesicht‘
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die ethische Philosophie von Emmanuel Lévinas und setzt diese in einen fruchtbaren Dialog mit der Literaturwissenschaft, insbesondere mit dem Werk von Paul Celan und der hermeneutischen Gesprächstheorie von Hans-Georg Gadamer. Das zentrale Ziel ist es zu erörtern, wie Lévinas’ Konzept der ethischen Wende, die den Vorrang der Ethik vor der Ontologie postuliert, zur Bereicherung des Verständnisses literarischer Texte beitragen kann.
- Die philosophische Grundlegung des Begriffs „Anderheit“ und des „absolut Anderen“.
- Die Dekonstruktion der Subjekt-Objekt-Beziehung im Akt des Verstehens.
- Die phänomenologische Bedeutung des „Antlitzes“ als ethische Begegnung jenseits von Erkenntnis.
- Die Anwendung dieser ethischen Parameter auf die Lyrik, exemplifiziert an Paul Celans Gedichten.
Auszug aus dem Buch
Antlitz bei Lévinas: „Bedeutung ohne Kontext“
Bei Levinas wird das Andere das absolut Andere. Wie schon erwähnt, ist dieses Andere metaphysisch, das nur begehrt werden kann. Das Ich, das begehrt, ist aber sterblich. Das Ergebnis dieser Begegnung ist das Antlitz. Lévinas antwortet:
„Ich weiβ nicht, ob man von einer „Phänomenologie“ des Antlitzes sprechen kann, denn die Phänomenologie beschreibt das, was erscheint. Auch frage ich mich, ob man von einem Blick sprechen kann, der auf das Antlitz gerichtet wäre, denn der Blick ist Erkenntnis, Wahrnehmung. Ich denke vielmehr, daβ der Zugang zum Antlitz von vornherein ethischer Art ist. Wenn Sie eine Nase, Augen, eine Stirn, ein Kinn sehen und sie beschreiben können, dann wenden Sie sich dem Anderen wie einem Objekt zu.“ (EU 64)
Das Selbe und das Andere bei Lévinas hat keine solche Subjekt-Objekt Beziehung, wo das Objekt von dem Subjekt betrachtet wird, um zur Erkenntnis zu gelangen. Deswegen kann es hier keinen Blick geben, der auf das Antlitz gerichtet wird. Das Antlitz des absolut Anderen ist kein passives Objekt. Zwei bemerkenswerte Eigenschaften von Antlitz, die an einer Stelle in „Totalität und Unendlichkeit“ artikuliert werden, sind seine Unabhängigkeit von der Initiative des Ich und die Unmittelbarkeit der Begegnung. Das Gesicht existiert, ohne mein Interesse an ihm. Überdies geht dem Gesicht meine Sinneserfahrung voraus.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Theo-Logik statt Theologie: Dieses Kapitel verortet Lévinas’ Philosophie im Spannungsfeld zwischen religiöser Tradition (Judentum) und abendländischer Philosophie und betont die Notwendigkeit einer säkularisierten „Theo-Logik“.
B. Das Andere bei Lévinas: „Begehren ohne Befriedigung“: Es wird die Unterscheidung zwischen dem endlichen Bedürfnis und dem unendlichen, metaphysischen Begehren nach der „Anderheit“ erläutert, welche sich jeder Inbesitznahme entzieht.
C. Von der „Frage nach dem Anderen“ zur „Infragestellung des Selben“: Dieses Kapitel expliziert die ethische Wende, bei der die Gegenwart des Anderen die Spontaneität des Ich in Frage stellt und die Ontologie als „Philosophie der Macht“ kritisiert.
D. Antlitz bei Lévinas: „Bedeutung ohne Kontext“: Hier wird der zentrale Begriff des Antlitzes analysiert, der eine ethische Begegnung beschreibt, die jenseits von Erkenntnis, Sinneswahrnehmung und Subjekt-Objekt-Struktur liegt.
E. Gedicht als ‚Gesicht‘: Abschließend wird diskutiert, inwiefern literarische Werke, insbesondere die Gedichte Paul Celans, als „Antlitz“ fungieren können, das den Leser ethisch herausfordert und das „Selbe“ erschüttert.
Schlüsselwörter
Emmanuel Lévinas, Ethik, Erste Philosophie, Das Andere, Antlitz, Paul Celan, Hans-Georg Gadamer, Ontologie, Intersubjektivität, Literaturwissenschaft, Hermeneutik, Subjekt-Objekt-Beziehung, Metaphysik, Nicht-Verstehen, Sprache
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das philosophische Werk von Emmanuel Lévinas mit einem Fokus auf die Ethik als „erste Philosophie“ und deren Potenzial, das Verständnis von Literatur theoretisch neu zu fundieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder umfassen die Definition des „Anderen“, die Kritik an der Ontologie, das Phänomen des Antlitzes sowie die Auseinandersetzung mit hermeneutischen Modellen und moderner Lyrik.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die ethische Wende bei Lévinas als Werkzeug zu nutzen, um den Begriff des „Verstehens“ in der Literaturwissenschaft kritisch zu erweitern und von einem rein kognitiven Akt in eine ethische Begegnung zu überführen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine philosophisch-hermeneutische Analysemethode, indem sie Originaltexte von Lévinas mit literaturtheoretischen Ansätzen (Gadamer) und literarischen Beispielen (Celan) in einen textimmanenten Dialog setzt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition von Anderheit, die Analyse der ethischen Infragestellung des Selbst sowie die Anwendung der Phänomenologie des Antlitzes auf das Gedicht als einem Ort der Begegnung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie „Anderheit“, „Antlitz“, „Ethik“, „Ontologie“ und „Nicht-Verstehen“ charakterisiert.
Warum bezieht sich die Arbeit explizit auf Paul Celan?
Celans Werk dient als konkretes Beispiel für eine Dichtung, die sich der einfachen Vereinnahmung durch das Verständnis entzieht und dadurch – im Sinne Lévinas’ – als „Antlitz“ fungiert, das den Leser in die Verantwortung nimmt.
Inwiefern unterscheidet sich die „Anderheit“ bei Lévinas von einer rein philosophischen Kategorie?
Die Anderheit bei Lévinas ist keine bloße abstrakte Kategorie, sondern eine metaphysische Erfahrung, die durch die radikale Trennung zwischen dem Selben und dem Anderen gekennzeichnet ist und die jede Form von Systematisierung oder Erkenntnisgewinn sprengt.
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- Maithilee Gatne (Author), 2014, Nicht-Verstehen als Verstehen. Eine Einführung in die Philosophie von Emmanuel Lévinas, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/312060