Denken und Hoffen als elementare menschliche Kategorien stehen am Beginn jedes vernünftigen menschlichen Handelns. „Denken ist Überschreiten“, so formuliert es Ernst Bloch am Beginn seines Werkes "Atheismus im Christentum". So steht für den Menschen Denken am Beginn alles Zukünftigen, in einem erweiterten Sinn am Beginn jedes Fortschritts. Fortschritt hat etwas mit Hoffnung bzw. Erwartung an das Zukünftige zu tun. Deshalb ist es ein in allen systemischen Philosophien explizit oder implizit enthaltenes Thema.
Insbesondere seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wird es auch auf allgemein-wissenschaftlicher Ebene diskutiert. Besonders in den Momenten, in denen sich erwartete Entwicklungen, Verbesserungen nicht oder nicht im erwarteten Ausmaß einstellen, wird Fortschritt insgesamt thematisiert bzw. von der Gesellschaft oder einzelner Gruppen in Frage gestellt.
Was hat nun eben dieser für die menschliche Geschichte so elementare Begriff des Fortschritts mit dem Begriff des Fetisch zu tun ? Fetische als Zaubermittel, Machwerke oder Machtwerke bzw. der Fetischismus als dieVerehrung bestimmter Gegenstände im Glauben an übernatürliche Eigenschaften werden im Sinne eines „quasireligiösen dinglichen Verhältnisses zu Produkten“ sind Begriffe die in zahlreichen philosophischen bzw. anthropologischen Fragestellungen diskutiert werden.
Die Bedeutungskette ist umfassend. Man spricht vom alltäglichen Fetischismus oder vom Fetischismus im religiösen Umfeld. In beinahe jeder Religion gibt es Fetischobjekte. Freud führt in seinem 1905 erschienen Werk "Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie" den Begriff des sexuellen Fetischismus ein. Marx spricht bereits 50 Jahre früher vom Warenfetisch und er erweitert den Begriff später zusätzlich auf Geld bzw. Kapital. Und auch in vielen Theorien postmarxistischer Philosophen und Theoretiker findet sich der Begriff des Fetischs, etwa bei Ernst Bloch oder T.W. Adorno.
Auch in den Wirtschaftswissenschaften spricht man heute vom Fetisch, etwa vom Fetisch Wachstum. So formuliert die Sozialökologin Marina Fischer-Kowalski, Tochter von Ernst Fischer in einem Interview auf die Frage, ob die Vorstellung permanenten Wachstums ein Fetisch sei: “Ja, und ein gefährlicher noch dazu. Die Politik muss neue Visionen entwickeln.“ In einer Verallgemeinerung des Begriffs ist es nun durchaus angebracht vom Fortschritt als dem Fetisch jeder industriellen Gesellschaft zu sprechen.
Inhaltsverzeichnis
1. Der Fetisch Fortschritt.
2. Der Begriff des Fetischs.
2.1. Der Fetischbegriff bei Karl Marx
2.2. Der Fetisch im Werk von Georg Lukacs
2.3. Fetischismus bei Herbert Marcuse
2.4. Fetisch im technisch-philosophischen Umfeld
2.5. Die Abstraktion oder das Gemeinsame am Fetischbegriff
3. Der Fortschritt
3.1. Der Fortschrittsbegriff
3.2. Fortschritt bei Karl Marx
3.3. Fortschritt bei Herbert Marcuse
3.4. Fortschritt bei Ernst Bloch
3.5. Der Fetisch Fortschritt bei T.W. Adorno
4. Der Fortschritt als DER allgegenwärtige Fetisch einer industriellen Gesellschaft.
5. Die Denkunmöglichkeit eines alternativen Ansatzes
6. Anlage A
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit besteht darin, nachzuweisen, dass der Begriff des Fortschritts in modernen industriellen Gesellschaften alle wesentlichen Charakteristika eines Fetischs erfüllt. Die Forschungsfrage untersucht dabei, ob Fortschritt, unabhängig von kapitalistischen oder marxistischen Gesellschaftsmodellen, als zentraler, allgegenwärtiger Fetisch fungiert, der das Denken und Handeln der Menschen tiefgreifend prägt und strukturiert.
- Philosophische und historische Einordnung des Fetischbegriffs
- Analyse des Fortschritts als quasi-religiöses und sinnstiftendes Element
- Vergleichende Untersuchung der Fortschrittskritik bei Marx, Marcuse, Bloch und Adorno
- Untersuchung der strukturellen Parallelen zwischen Fetischismus und Fortschrittsglaube
- Diskussion über die Denkunmöglichkeit einer Gesellschaft ohne den Fetisch Fortschritt
Auszug aus dem Buch
1. Der Fetisch Fortschritt.
Denken und Hoffen als elementare menschliche Kategorien stehen am Beginn jedes vernünftigen menschlichen Handelns. Eingebettet in Raum und Zeit begleiten sie jedes menschliche Tun. „Denken ist Überschreiten“, so formuliert es Ernst Bloch am Beginn seines Werkes Atheismus im Christentum. Überschreiten von Grenzen, von scheinbaren oder tatsächlichen Einschränkungen am Übergang zu Neuem, zu Unbekanntem und bisher nicht Ge- oder bewussten. So steht für den Menschen, Denken am Beginn alles Zukünftigen, in einem erweiterten Sinn am Beginn jedes Fortschritts.
Fortschritt hat etwas mit Hoffnung bzw. Erwartung an das Zukünftige zu tun. Deshalb ist es ein in allen systemischen Philosophien explizit oder implizit enthaltenes Thema. Insbesondere seit den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wird es auch auf allgemein-wissenschaftlicher Ebene diskutiert. Besonders in den Momenten, in denen sich erwartete Entwicklungen, Verbesserungen nicht oder nicht im erwarteten Ausmaß einstellen, wird Fortschritt insgesamt thematisiert bzw. von der Gesellschaft oder einzelner Gruppen in Frage gestellt.
Was hat nun eben dieser für die menschliche Geschichte so elementare Begriff des Fortschritts mit dem Begriff des Fetisch zu tun ?
Fetische als Zaubermittel, Machwerke oder Machtwerke bzw. der Fetischismus als die Verehrung bestimmter Gegenstände im Glauben an übernatürliche Eigenschaften werden im Sinne eines „quasireligiösen dinglichen Verhältnisses zu Produkten“ sind Begriffe die in zahlreichen philosophischen bzw. anthropologischen Fragestellungen diskutiert werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Der Fetisch Fortschritt.: Einführung in die thematische Verknüpfung von menschlichem Denken, Hoffnung und dem Fortschrittsbegriff unter der Fragestellung seiner Fetischisierung.
2. Der Begriff des Fetischs.: Philosophische und historische Herleitung des Fetischbegriffs, insbesondere in Bezug auf die marxistische Tradition, Warenform und Projektion.
3. Der Fortschritt: Umfassende Untersuchung der Fortschrittsdimensionen und dessen philosophischer Behandlung bei Theoretikern wie Marx, Marcuse, Bloch und Adorno.
4. Der Fortschritt als DER allgegenwärtige Fetisch einer industriellen Gesellschaft.: Synthese der vorangegangenen Kapitel zum Nachweis der These, dass Fortschritt die Charakteristika eines modernen Fetischs in vollem Umfang teilt.
5. Die Denkunmöglichkeit eines alternativen Ansatzes: Kritische Reflexion über die Schwierigkeit, sich aus den Strukturen des Fortschrittsglaubens zu befreien, und die Systemimmanenz dieses Fetischs.
6. Anlage A: Mathematische bzw. systemtheoretische Formalisierung des Fortschrittsbegriffs als n-stellige Relation.
Schlüsselwörter
Fetisch, Fortschritt, Marx, Marcuse, Adorno, Bloch, Abstraktion, Verdinglichung, Industriegesellschaft, Warenfetisch, Technik, Kapitalismus, Philosophie, Rationalisierung, Sinnstiftung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch den Stellenwert des Fortschritts in modernen Industriegesellschaften und vertritt die These, dass dieser Begriff die Rolle eines Fetischs einnimmt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Philosophiegeschichte des Fetischbegriffs, die verschiedenen Dimensionen des Fortschritts sowie die Untersuchung dessen, warum Fortschritt als alternativlos wahrgenommen wird.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist der Nachweis, dass der Begriff des Fortschritts in unserer Gesellschaft die Merkmale eines modernen Fetischs aufweist und somit tiefgreifend projektiv und sinnstiftend wirkt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine philosophie-historische und systemtheoretische Analyse angewandt, die durch die Auseinandersetzung mit den Werken marxistischer und post-marxistischer Theoretiker fundiert ist.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet die Definitionen und Ambivalenzen des Fortschritts und stellt diese den theoretischen Konzepten von Autoren wie Marx, Lukacs, Marcuse, Bloch und Adorno gegenüber.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Fetisch, Fortschritt, Abstraktion, Verdinglichung und die kritische Analyse der industriellen Gesellschaft.
Wie unterscheidet sich horizontaler von vertikalem Fortschritt?
Horizontaler Fortschritt bezeichnet eine quantitative Ausweitung (z. B. mehr Märkte, Globalisierung), während vertikaler Fortschritt eine qualitative Verbesserung oder Entwicklung neuer Eigenschaften impliziert.
Warum hält der Autor einen alternativen Ansatz für denkunmöglich?
Der Autor argumentiert, dass das Denken in unserer Tradition linear strukturiert ist und der moderne Mensch auf sinnstiftende Orientierung angewiesen ist, was den Fetisch Fortschritt systemimmanent macht.
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- Mag.Mag.Ing. Christian Zwickl-Bernhard (Author), 2014, Fortschritt. Der Fetisch der modernen Industriegesellschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/311040