Die Verfassung der Vereinigten Staaten ist nicht nur die erste Verfassung moderner Prägung, sondern auch die bekannteste. Mit dem 1787 geschaffenen und 1788 ratifizierten Dokument schufen die Delegierten der Einzelstaaten ein Verfassungswerk, das zahlreiche staatsphilosophische Theorien der damaligen Zeit aufgriff und mit den Ideen der Gründungsväter verband. Heraus kam eine Grundordnung, die zum Vorbild vieler anderer Staaten auf deren Weg zur Demokratie wurde. Nicht umsonst nimmt sie in der politischen Systemlehre eine herausragende Stellung ein. Ein wesentliches Merkmal der seit nunmehr über 200 Jahren gültigen amerikanischen Verfassung ist die Stellung der Justiz. Die Installation einer unabhängigen Judikative, die im Machtgefüge der Gewaltenteilung eine gleichberechtigte Rolle neben Legislative und Exekutive spielt, gehört mit zu den revolutionärsten Eigenschaften der Verfassung. Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, wie die Richter des Supreme Courts, der obersten Instanz des amerikanischen Rechtswesens, die ihnen zugefallene Rolle interpretierten und mit Leben füllten. Es soll untersucht werden, welchen Einfluss der Supreme Court im Verlauf der amerikanischen Geschichte auf die Geschicke der Nation nahm und welcher Mittel er sich dabei bediente. Nach einem kurzen Überblick über die Diskussion des Verfassungskonventes über die Ausgestaltung der Judikative zeigt die Arbeit anhand des historischen Ablaufs wie das Selbstverständnis der Supreme Court Richter, ihr Verhältnis zu den anderen zwei Gewalten und ihre Machtposition sich im Laufe der Zeit veränderte. Des besseren Überblicks wegen teilt die Arbeit die Geschichte des Supreme Courts dazu in mehrere Phasen auf.1 1 Die vorgenommene Unterteilung findet sich so auch häufig in der Literatur, sie ist jedoch umstritten. Die Generalthemen der jeweiligen Epochen wurden auch zu anderen Zeiten behandelt. In die einzelnen Zeitabschnitte fällt lediglich ein Großteil der Entscheidungen, darunter die wichtigsten Grundsatzsprüche.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Historischer Abriss der Entwicklung des Supreme Courts
2.1 Der Verfassungskonvent: Die Geburtsstunde des Supreme Courts
2.2 Die erste Dekade (1790 – 1800)
2.3 Der Aufstieg des Supreme Court zur gleichberechtigten Gewalt
2.4 Konsolidierung der Union (bis zum Bürgerkrieg)
2.5 Bürgerkrieg und Reconstruction (1861 – 1890)
2.6 Verteidigung der Wirtschaft gegen staatliche Einflüsse (1890 – 1937)
2.7 Stärkung der Bürger- und individuellen Freiheitsrechte (ab 1954)
2.8 Aktuelle Tendenzen des Gerichts
3. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die historische Entwicklung des Supreme Court der Vereinigten Staaten von Amerika. Dabei steht die zentrale Frage im Fokus, wie die Richter des obersten Gerichts ihre Rolle im Machtgefüge der Gewaltenteilung interpretierten und welchen Einfluss sie im Verlauf der amerikanischen Geschichte auf die Geschicke der Nation nahmen.
- Die Entstehung und Etablierung des Supreme Court im Zuge des Verfassungskonvents
- Die Entwicklung der Normenkontrolle ("judicial review") als Machtinstrument
- Die Rolle des Gerichts in wirtschaftspolitischen Konflikten und im Kontext des "New Deal"
- Die aktive Gestaltung der Bürger- und Freiheitsrechte durch den Warren-Court
- Das Spannungsfeld zwischen richterlicher Unabhängigkeit und politischem Druck
Auszug aus dem Buch
2.3: Der Aufstieg des Supreme Court zur gleichberechtigten dritten Gewalt
Das Jahr 1800 bedeutete in der noch jungen amerikanischen Demokratie eine einschneidende Zäsur: Die zerstrittenen Federalists verloren sowohl die Wahlen zum Kongress als auch die Präsidentschaft an die democratic republicans um Thomas Jefferson. Der scheidende Präsident Adams nutzte die Zeit bis zur Amtsübergabe an Jefferson, um mit John Marshall einen bekennenden Federalist zum Chief Justice zu berufen. Der Supreme Court sollte dadurch als Bastion der Federalists erhalten bleiben. Unter Marshalls Vorsitz (1801-1835) baute der Supreme Court seine Machtstellung kontinuierlich aus und wurde zu einem entscheidenden Faktor auf dem Feld amerikanischer Politik. Den größten Schritt tat der Court im Jahre 1803 als er sich das Recht der Normenkontrolle („judicial review“) erkämpfte.
Der zugrunde liegende Fall Marbury vs. Madison hat eine heikle Vorgeschichte: Nach seiner Wahlniederlage hatte Präsident Adams noch schnell mehrere Friedensrichter für den District of Columbia eingesetzt, deren Ernennungsurkunden vom zuständigen secretary of state John Marshall (!) jedoch nicht mehr zugestellt werden konnten. Marshalls Nachfolger in diesem Amt, James Madison, weigerte sich, dies nachzuholen. Dagegen klagte einer der Übergangenen, William Marbury, zusammen mit drei Mitstreitern und forderte vom Supreme Court einen richterlichen Vollzugsbefehl („writ of mandamus“). Marshall wies die Klage zurück. Er argumentierte, dass derjenige Teil des 1789 erlassenen „judiciary act“ (regelte die Ausgestaltung des Gerichtswesens), der den Supreme Court zur Ausstellung eines writ of mandamus berechtigte, nicht mit der Verfassung vereinbar sei.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Bedeutung der US-Verfassung und die Fragestellung nach der Rolle des Supreme Court innerhalb des Gewaltenteilungssystems.
2. Historischer Abriss der Entwicklung des Supreme Courts: Darstellung der Entwicklungsetappen des Gerichts, von seiner Gründung bis zu aktuellen Tendenzen.
2.1 Der Verfassungskonvent: Die Geburtsstunde des Supreme Courts: Analyse der Ursprünge und der anfänglichen Unsicherheit über die Rolle der Judikative.
2.2 Die erste Dekade (1790 – 1800): Betrachtung der frühen Jahre, in denen das Gericht eher als verlängerter Arm der Exekutive wahrgenommen wurde.
2.3 Der Aufstieg des Supreme Court zur gleichberechtigten dritten Gewalt: Analyse der Stärkung des Gerichts durch die Etablierung des Rechts auf Normenkontrolle unter John Marshall.
2.4 Konsolidierung der Union (bis zum Bürgerkrieg): Untersuchung der Rolle des Gerichts bei der Stärkung der Bundeskompetenzen und der verhängnisvollen Dred-Scott-Entscheidung.
2.5 Bürgerkrieg und Reconstruction (1861 – 1890): Beschreibung der Phase politischer Schwäche des Courts während und nach dem Sezessionskrieg.
2.6 Verteidigung der Wirtschaft gegen staatliche Einflüsse (1890 – 1937): Dokumentation der konservativen, wirtschaftsfreundlichen Ausrichtung und des Konflikts mit Roosevelts New Deal.
2.7 Stärkung der Bürger- und individuellen Freiheitsrechte (ab 1954): Fokus auf die liberale Ära unter Chief Justice Earl Warren und den Kampf gegen Rassentrennung.
2.8 Aktuelle Tendenzen des Gerichts: Erörterung der Entwicklung unter den Vorsitzenden Burger und Rehnquist, die zwischen Zurückhaltung und Aktivismus schwankte.
3. Fazit: Resümee über die Wandlung des Supreme Court zu einem mächtigen politischen Akteur und dessen stete Abhängigkeit von politischen Rahmenbedingungen.
Schlüsselwörter
Supreme Court, USA, Verfassung, Judikative, Normenkontrolle, Judicial Review, Gewaltenteilung, Bürgerrechte, Marbury vs. Madison, Reconstruction, New Deal, politische Macht, Rechtsgeschichte, Warren-Court, US-Politik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Seminararbeit?
Die Arbeit analysiert die historische Entwicklung des US-Supreme Court von der Gründung bis in die moderne Zeit und beleuchtet dessen Rolle innerhalb des amerikanischen politischen Systems.
Welche Themenfelder werden zentral behandelt?
Die Arbeit behandelt die Entwicklung der richterlichen Macht, die Etablierung der Normenkontrolle, den Einfluss auf wirtschaftliche und gesellschaftliche Prozesse sowie die Interaktion des Gerichts mit Legislative und Exekutive.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuvollziehen, wie das Gericht seine Rolle im Machtgefüge interpretierte, welche Mittel es zur Durchsetzung seines Einflusses nutzte und wie sich diese Position historisch gewandelt hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Die Arbeit nutzt eine historisch-analytische Methode, um anhand von Meilensteinen der Rechtsprechung das Selbstverständnis und die politische Stellung des Gerichts zu verdeutlichen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert die Geschichte des Gerichts in chronologische Phasen, von der Konstituierung über die Ära Marshall und die wirtschaftsdominierte Zeit bis hin zur Stärkung der Bürgerrechte unter dem Warren-Court.
Welche Begriffe charakterisieren diese Arbeit besonders?
Zentrale Begriffe sind die Normenkontrolle (Judicial Review), das 14. Amendment, die Gewaltenteilung (Checks and Balances) sowie die sich wandelnde Rolle zwischen juristischer Auslegung und politischem Mitgestalter.
Warum war der Fall Marbury vs. Madison so bedeutend?
Dieser Fall war der Ursprung des "judicial review", da das Gericht sich hier das Recht erkämpfte, Gesetze auf ihre Verfassungsmäßigkeit zu prüfen, was die Machtbasis des Gerichts massiv erweiterte.
Welche Rolle spielte der Warren-Court bei der gesellschaftlichen Entwicklung?
Der Warren-Court agierte als Reformkraft, die insbesondere die Rassentrennung für verfassungswidrig erklärte und maßgeblich zur Stärkung der Bürgerrechte beitrug.
Ist der Supreme Court in seinen Entscheidungen völlig unabhängig?
Nein, die Arbeit stellt dar, dass das Gericht trotz seiner Macht ständigem politischen Druck ausgesetzt ist, etwa durch die Ernennungspraxis der Präsidenten oder die Kontrolle der Finanzmittel durch den Kongress.
- Quote paper
- Steffen Becker (Author), 2001, Geschichtliche Entwicklung des US-Supreme Court, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/30672