Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem Abschnitt 521b – 541b aus Platons "Politeia". Inhalt dieses Abschnitts ist ein Dialog zwischen Sokrates und Glaukon über die Frage: „Was gäbe es also für eine Wissenschaft, mein Glaukon, die die Seele vom Werdenden zum Seienden ziehen könnte?“
Im ersten Kapitel soll die Frage nach der Wissenschaft präzisiert und die mögliche Richtung der Antwort angezeigt werden. Im zweiten Kapitel soll der Frage nachgegangen werden, welche Fächer Platon im Kanon seiner Wissenschaft verankern will. Hier werden die Fächer Arithmetik, Geometrie, Stereometrie, Astronomie und Harmonik in Bezug auf ihre Wissenschaftlichkeit dargestellt. Im Dritten Kapitel schließlich soll es um die Dialektik gehen. Hier wird sich die Frage stellen, in welchem Zusammenhang die Dialektik zu den übrigen Wissenschaftsfächern steht und ob sie selbst als ein solches Fach bezeichnet werden kann?
Wie die oben zitierte Frage von Sokrates andeutet, ist für die Frage nach der Wissenschaft, die Unterscheidung zwischen dem „Werdenden“ und dem „Seienden“ konstitutiv. Diese Prämisse Platonischen Denkens muss in allen eben genannten Kapiteln bedacht werden. Das lässt sich für jedes Kapitel als These formulieren.
Im ersten Kapitel wird die These aufgestellt, dass die Diskrepanz zwischen Werdendem und Seiendem überhaupt erst Wissenschaft nötig macht. Im zweiten Kapitel lautet die These: Erst ein Fach, welches am Werdenden das Seiende erweisen kann, verdient es, in den Kanon der Wissenschaften aufgenommen zu werden. Im letzten Kapitel soll die These bewiesen werden, dass Dialektik sowohl eine den übrigen Wissenschaften zugrunde liegenden Methode, als auch eine die übrigen Wissenschaften überblickende Meta-Wissenschaft genannt werden kann.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Was versteht Platon unter Wissenschaft?
2. Aus welchen Fächern setzt sich die Wissenschaft zusammen?
2.1 Arithmetik: Die Lehre von den Zahlen
2.2 Geometrie: Die Lehre von den Flächen
2.3 Stereometrie: Die Lehre von den dreidimensionalen Körpern
2.4 Astronomie und Harmonielehre: Die Lehre der Bewegung von Körpern und Tönen
3. Was versteht Platon unter Dialektik?
4. Grenzen und Chancen der Beschäftigung mit Platon
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den zentralen Abschnitt des siebten Buches von Platons Politeia (521b–541b), um die Rolle der Wissenschaft und der Dialektik beim Übergang vom Werdenden zum Seienden zu analysieren und kritisch zu reflektieren.
- Die begriffliche Bestimmung von Wissenschaft bei Platon
- Die Zusammensetzung des platonischen Bildungskanons (Arithmetik, Geometrie, Stereometrie, Astronomie, Harmonik)
- Die Funktion und Definition der Dialektik als Meta-Wissenschaft
- Die pädagogische Relevanz und die Auseinandersetzung mit der Kritik an Platon
Auszug aus dem Buch
3. Was versteht Platon unter Dialektik?
Im Folgenden soll der Frage nachgegangen werden, was Platon unter Dialektik versteht. Sokrates formuliert die Frage folgendermaßen: „Was gäbe es also für eine Wissenschaft, mein Glaukon, die die Seele vom Werdenden zum Seienden ziehen könnte?“ Platons Denken liegt demnach eine Unterteilung in zwei Sphären zugrunde: Es gibt die Sphäre des Seienden und die Sphäre des Werdenden. Das Werdende ist das Sichtbare, das Sinnlich-Wahrnehmbare. Hinter dem Sichtbaren vermutet Platon einen Bereich des Unsichtbaren. Aufgabe der Dialektik ist es, „vermittelst des reinen Denkens [...] dem Wesen eines jeden Dinges beizukommen“. Der Philosoph muss also den Schritt von der Sichtbaren in die unsichtbare (oder denkbare) Welt wagen. Dies wird ja auch im Höhlengleichnis illustriert.
Hier ergibt sich jedoch aus heutiger Sicht eine enorme Verstehensschwierigkeit. Es stellt sich die Frage nach dem „reinen Denken“. Dies klingt nach einer Geheim-Praxis, die nur wenigen zugänglich ist. Und so ist es im Staat ja auch der Fall. Nur die zukünftigen Philosophenherrscher sollen das „reine Denken“, die Kunst der Dialektik erlernen. Deshalb verwundert es auch nicht, weshalb Platon Methode und Ziel der Dialektik merkwürdig unbestimmt lässt. Glaukon fragt zwar: „Sage also, worin besteht die Kraft der Dialektik, in welche Arten zerfällt sie und über welche Wege verfügt sie?“ Sokrates aber antwortet nur: „Da wirst Du mein lieber Glaukon, schwerlich mehr folgen können“.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Arbeit führt in die zentrale Fragestellung Platons ein, wie die Seele vom Werdenden zum Seienden geführt werden kann, und skizziert den Aufbau der Untersuchung.
1. Was versteht Platon unter Wissenschaft?: Dieses Kapitel beleuchtet unter Bezugnahme auf Paul Natorp die Notwendigkeit, Phänomene in mathematische Begriffe zu fassen, um das Wandelbare zu überwinden.
2. Aus welchen Fächern setzt sich die Wissenschaft zusammen?: Hier wird der Bildungskanon analysiert, wobei der Fokus auf Fächern liegt, die zur denkenden Betrachtung auffordern und das Wesen hinter dem Schein ergründen.
2.1 Arithmetik: Die Lehre von den Zahlen: Die Arithmetik dient als erstes Mittel der Erziehung, da sie die Seele dazu nötigt, sich von veränderlichen Wahrnehmungen auf unveränderliche Werte zu konzentrieren.
2.2 Geometrie: Die Lehre von den Flächen: Die Geometrie wird als Erkenntnis des immer Seienden charakterisiert und unterstützt die Entwicklung einer philosophischen Denkart.
2.3 Stereometrie: Die Lehre von den dreidimensionalen Körpern: Trotz ihrer praktischen Schwierigkeiten wird die Stereometrie aufgrund ihres inhärenten Bildungsreizes in den Kanon aufgenommen.
2.4 Astronomie und Harmonielehre: Die Lehre der Bewegung von Körpern und Tönen: Diese Wissenschaften zielen auf das Verstehen der wahren Bewegungen und Proportionen durch den Verstand ab, statt lediglich den Sinneseindruck zu verfolgen.
3. Was versteht Platon unter Dialektik?: Die Dialektik wird als die höchste Disziplin dargestellt, die mit Voraussetzungen aufräumt und als Metawissenschaft den Überblick über alle anderen Wissensgebiete ermöglicht.
4. Grenzen und Chancen der Beschäftigung mit Platon: Diese Reflexion setzt sich kritisch mit Vorwürfen der autoritären Pädagogik auseinander und betont den bleibenden Wert der Auseinandersetzung mit Platons Texten.
5. Schluss: Das Fazit fasst die dialektische Zusammenschau zusammen und würdigt die Herausforderung, trotz der Unerreichbarkeit absoluten, voraussetzungslosen Wissens stets das Fragen zu beginnen.
Schlüsselwörter
Platon, Politeia, Dialektik, Wissenschaft, Bildung, Werdendes, Seiendes, Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Harmonielehre, Philosophie, Metawissenschaft, Erkenntnistheorie, Pädagogik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit untersucht Platons Konzeption von Wissenschaft und Dialektik im siebten Buch der Politeia, um aufzuzeigen, wie diese Disziplinen zur geistigen Entwicklung und zur Erkenntnis des Seienden beitragen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind der Bildungskanon Platons, die Differenz zwischen dem sinnlich Wahrnehmbaren (Werdenden) und dem Denkbaren (Seienden) sowie die Bedeutung der Dialektik als höchste Erkenntnisform.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, Platons Darlegungen zur Dialektik in Bezug auf die anderen Wissenschaften zu klären und zu prüfen, inwieweit diese für moderne pädagogische Überlegungen relevant sind.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Arbeit nutzt die hermeneutische Textanalyse und setzt sich in kritischer Auseinandersetzung mit der Sekundärliteratur (insb. Natorp und Wiersing) mit den Primärquellen Platons auseinander.
Was genau wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition von Wissenschaft, die detaillierte Vorstellung des Bildungskanons (Arithmetik, Geometrie etc.) sowie eine fundierte Auseinandersetzung mit der Dialektik und der pädagogischen Kritik am Platonismus.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt am besten charakterisieren?
Zu den prägenden Begriffen zählen Platon, Dialektik, Erkenntnistheorie, Bildungskanon, Seiendes, Werdendes und philosophische Pädagogik.
Warum betrachtet Platon die Arithmetik als essenziell für die Erziehung?
Platon sieht in der Arithmetik ein Werkzeug, das die Seele zwingt, sich von der veränderlichen sinnlichen Wahrnehmung abzuwenden und sich dem reinen, unveränderlichen Denken zuzuwenden.
Welche Rolle spielt die Dialektik innerhalb der platonischen Wissenschaften?
Die Dialektik agiert als Schlussstein des gesamten Wissensgebäudes; sie dient als Metawissenschaft, die alle anderen Disziplinen zusammenführt und kritisch hinterfragt, um zum Ur-Anfang der Erkenntnis zu gelangen.
- Quote paper
- Lutz Hermann (Author), 2009, Platons Darlegungen zur Dialektik im siebten Buch der "Politeia" (521b-541b), Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/305203