Wie nicht nur Beispiele aus der Literatur des 20. Jahrhunderts zeigen, manifestiert sich das Phänomen »mobiler, multipler, selbstreflexiver« werdender Identität besonders in der Literatur und Literaturtheorie – ob in der Moderne bei Rilke, Ehrenstein, Einstein oder Musil zu Beginn des 20. Jahrhunderts, ob in der Postmoderne und Gegenwart bei Brecht, Handke, Hilbig oder auch Sebald. Ihnen allen ist die Auseinandersetzung mit dem Problem der personalen Identität, das heißt der Dialektik von Beständigkeit und Wandelbarkeit, gemein.
So scheint die Tatsache, daß eine stetig wachsende Menge vor allem an Ich-Erzählern die eigenen Geschichten samt der mit der Begreiflichkeit des Ichs verbundenen Probleme schildert, Odo Marquard in diesem Punkt zu bestätigen: »Wer auf das Erzählen verzichtet, verzichtet auf seine Geschichten; wer auf seine Geschichten verzichtet, verzichtet auf sich selber.« Oder mit Fernando Pessoa: »Sich bewegen heißt leben, sich in Worte fassen heißt überleben.« Für Findung, Erfindung, Kohärenz und Kontinuität der eigenen Identität – trotz Veränderungen – scheint das Erzählen notwendig. Zu diesem Ergebnis kommt auch Paul Ricoeur mit seiner Konzeption narrativer Identität, derzufolge das Individuum durch das Erzählen und Rezipieren seiner und anderer (Lebens-)Geschichten zu einer Bestimmung seiner eigenen Identität finden kann.
Dieses Konzept wird im Verlauf dieser Arbeit näher erläutert und anhand von Beispielen aus der zeitgenössischen Literatur veranschaulicht.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 (Post-)Moderne Grundprobleme
2.1 Ricoeur und die Philosophische Anthropologie
2.2 Erzählen und Sich-selbst-Erzählen
3 Idemität und Ipseität
3.1 Der Fall »Tubutsch«
3.2 Der Ausweg Selbstheit
4 Narrative Identität
5 Resümee
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen Beständigkeit und Wandelbarkeit personaler Identität. Das primäre Ziel ist es, unter Rückgriff auf Paul Ricoeurs Konzept der narrativen Identität aufzuzeigen, wie das Individuum durch das Erzählen und Rezipieren von Geschichten zu einer Bestimmung seines Selbst gelangen kann, selbst angesichts postmoderner Krisenphänomene.
- Die Dialektik von Beständigkeit und Wandelbarkeit des Individuums
- Paul Ricoeurs Konzept der narrativen Identität (Idemität vs. Ipseität)
- Die Funktion von Mimesis in der Literatur
- Das Phänomen der Selbstfindung und Selbsterfindung im Erzählen
- Analyse zeitgenössischer literarischer Beispiele (u.a. Hilbig, Handke, Johnson)
Auszug aus dem Buch
Der Ausweg Selbstheit
Das Problem besteht Ricoeur zufolge einerseits in einer falschen Auffassung des Beständigen als substanziell in dem Sinne, in dem Kant die Substanz als »das Beharrliche in der Zeit« bezeichnet hat. Mag dies in physischer Hinsicht zutreffen, so erweist sich Substantialismus in Bezug auf das pragmatische, interagierende menschliche Wesen jedoch als fehlgehend. Dementsprechend braucht es ein Konzept, das Identität als dem Bereich der Praxis Zugehöriges versteht.
Ricoeur macht in diesem Zusammenhang auf die semantische Zweideutigkeit aufmerksam, die mit dem Begriff der Identität verbunden sei: dem Verständnis von Identität als Selbigkeit und Identität als Selbstheit – der Dialektik von idem und ipse. Dabei meint die Selbigkeit (Idemität) das Beständige einer Sache, »die Dauerhaftigkeit einer unveränderlichen Substanz, welche die Zeit nicht berührt«. Identisch sei in diesem Sinne gleichbedeutend mit »äußerst ähnlich« oder »gleichartig«, was eine Unveränderlichkeit in der Zeit impliziere. Die Selbstheit (Ipseität) hingegen begreife auch »Veränderung und Bewegtheit im Zusammenhang eines Lebens« ein, impliziere jedoch »an sich keinerlei Festlegung in Bezug auf die Permanenz«.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Dialektik von Beständigkeit und Wandelbarkeit personaler Identität in der Literatur der Moderne und Postmoderne und führt Paul Ricoeurs Ansatz der narrativen Identität als Lösungsansatz ein.
2 (Post-)Moderne Grundprobleme: Dieses Kapitel verortet das Individuum in einer exzentrischen, künstlichen Existenzform nach Plessner und untersucht, wie das Selbst durch das Erzählen und soziale Bezüge überhaupt erst konstituiert wird.
3 Idemität und Ipseität: Hier wird anhand des literarischen Beispiels »Tubutsch« die Problematik starrer Identitätskonzepte erörtert und Ricoeurs Unterscheidung zwischen Idemität (Selbigkeit) und Ipseität (Selbstheit) als dynamisches Modell eingeführt.
4 Narrative Identität: Dieses Kapitel erläutert Ricoeurs Konzept der dreifachen Mimesis und zeigt auf, wie durch den poetischen Prozess der Konfiguration disparate Lebenserfahrungen in eine narrativ vermittelte Identität integriert werden.
5 Resümee: Die Zusammenfassung unterstreicht, dass Identität ein dynamischer, unabschließbarer Prozess der Selbstreferenzialität ist, in dem das Individuum durch das fortwährende Erzählen die eigene Identität immer wieder neu erzeugt.
Schlüsselwörter
Identität, Narrative Identität, Paul Ricoeur, Idemität, Ipseität, Selbsterzählung, Mimesis, Postmoderne Literatur, Personalität, Selbstfindung, Lebensgeschichte, Autonomie, Subjektivität, Diskurs, Hermeneutik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der philosophischen und literaturtheoretischen Frage, wie personale Identität konstruiert wird, wenn das klassische, substanzielle Selbstbild durch die moderne Erfahrung von Wandelbarkeit und Kontingenz infrage gestellt wird.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentral sind die Dialektik zwischen Beständigkeit (Idemität) und Veränderlichkeit (Ipseität), die Rolle des Erzählens als Mittel der Selbstkonstruktion und die literarische Auseinandersetzung mit der Krise des Ichs.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Das Ziel ist der Nachweis, dass durch Paul Ricoeurs Konzept der narrativen Identität ein dynamisches Selbstverständnis ermöglicht wird, das Wandelbarkeit nicht als Identitätsverlust, sondern als integralen Bestandteil eines lebenslangen, erzählerischen Selbstbezugs begreift.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit nutzt eine hermeneutische Vorgehensweise, indem sie philosophische Theorien von Paul Ricoeur, Helmuth Plessner und anderen auf konkrete literarische Texte der Moderne und Postmoderne anwendet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Grundlegung (Ricoeurs Anthropologie, Mimesis-Konzept) und die Anwendung auf literarische Beispiele wie Albert Ehrensteins »Tubutsch«, Peter Handkes »Der kurze Brief zum langen Abschied« und Uwe Johnsons »Jahrestage«.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Narrative Identität, Idemität, Ipseität, Mimesis, Selbstfindung, Selbsterzählung, Beständigkeit, Wandelbarkeit und das narrative Selbst.
Inwiefern spielt der Begriff der »Mimesis« eine Rolle für das Verständnis von Identität?
Nach Ricoeur ermöglicht die dreifache Mimesis – Präfiguration, Konfiguration und Refiguration – die Umwandlung kontingenter, unverbundener Ereignisse eines Lebens in eine sinnhafte, konfigurierte erzählerische Einheit.
Was ist das Besondere an der Analyse der Erzählung »Tubutsch«?
»Tubutsch« dient als Gegenbeispiel für eine wohlgeformte Erzählung; hier scheitert der Protagonist an der Sinnstiftung und Rekonstruktion seiner Biografie, was das Problem einer bloßen »Aushöhlung« der Identität verdeutlicht.
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- Melanie Zimmermann (Author), 2014, Wider den Selbstverzicht! "Identitätskrisen-Prävention" mit Paul Ricoeur, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/304290