Im Ritual der Hinrichtung gibt es, so Foucault, "etwas Karnevaleskes, das die Rollen vertauscht, die Gewalten verhöhnt und die Verbrecher heroisiert". Über die begriffliche Ähnlichkeit hinaus stellt er damit eine semantische Nähe zu Michail Bachtins Konzept des volkstümlichen Karnevals her, der durch die Herabsetzung der religiösen und staatlichen Autoritäten Ambivalenz schafft und gesellschaftliche Hierarchien überwirft.
Das antagonistische Verhältnis der Foucault'schen Disziplinen zu Bachtins Karnevalskultur wird anhand ihrer zentralen Rituale, sowie den ihnen eigenen Körperbildern untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Karnevaleske Hinrichtungen
3. Die Disziplin und ihre Körper
4. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die theoretischen Schnittstellen zwischen Michel Foucaults Analyse der Strafpraxis in "Überwachen und Strafen" und Michail Bachtins Konzepten der volkskulturellen Lachkultur. Ziel ist es, aufzuzeigen, inwieweit die öffentliche Hinrichtung des Mittelalters als karnevalesker Akt verstanden werden kann, der die offizielle Ordnung der Macht durch Exzentrizität, Rollentausch und Profanation unterwandert, bevor er schließlich durch die rationalisierte, disziplinierende Macht des Gefängnisses ersetzt wird.
- Analyse der karnevalesken Elemente in mittelalterlichen öffentlichen Hinrichtungen
- Gegenüberstellung von staatlicher Disziplinarmacht und anarchischer Lachkultur
- Untersuchung der Bedeutung des "grotesken Körpers" als Gegenentwurf zum disziplinierten Individuum
- Reflektion über den Übergang von öffentlicher Marter hin zu geschlossenen Gefängnissystemen
- Kritische Würdigung der Ambivalenz kultureller Praktiken im Strafvollzug
Auszug aus dem Buch
2. Karnevaleske Hinrichtungen
In Rabelais und seine Welt versucht Bachtin das Werk Francois Rabelais’, das dem modernen Leser seiner derben Körperlichkeit wegen befremdlich erscheinen muss, durch die Einbindung in den Kontext volkstümlicher rituell-szenischer Praktiken zu erschliessen. Ihre reinste Ausprägung haben Volks- und Lachkultur im mittelalterlichen Karneval, der sich in seinen verschiedenen Ausformungen über Europa und speziell die romanischen Länder verbreitet. Bachtin hebt vier Karnevals-Kategorien hervor: 1. einen intim-familiären zwischenmenschlichen Kontakt, der sich der Aufhebung sozialer Hierarchien und anderer Ungleichheiten zwischen den Menschen verdankt. 2. Exzentrizität, die der unterschwelligen Seite der menschlichen Natur einen konkret sinnlichen Ausdruck gestattet. „Benehmen, Geste und Wort lösen sich aus der Gewalt einer jeden hierarchischen Stellung (des Standes, der Rangstufe, des Alters, des Besitzstandes), von der sie außerhalb des Karnevals voll und ganz bestimmt wurden“.
3. karnevalistische Mesalliance; Figuren und Motive tragen beide Pole der Oppositionen, die im offiziellen Leben streng getrennt sind (Geburt und Tod, Heiliges und Profanes, Hohes und Niedriges, Törichtes und Weises). 4. Profanation; alles Hohe und mit Autorität Besetzte wird erniedrigt. Flüche, unanständige Reden und Gesten verweisen auf die Zeugungskraft der Erde und ihre Erneuerung. Für diese Arbeit ist besonders die in allen vier Kategorien prominente Aufhebung der Hierarchien von Bedeutung, die sich im familiären Kontakt, wie auch im exzentrischen Verhalten, niederschlägt. Die im Karneval stattfindende zeitlich begrenzte Befreiung von der herrschenden Weltordnung ist nicht von der Aufhebung der Hierarchien zu trennen, im Gegenteil sind diese zentraler Teil der herrschenden Ordnung. In der daraus resultierenden Vermischung der Menschen ohne Rücksicht auf Stand und Herkunft hat der Karneval sein utopisches Moment: „Die Entfremdung wurde aufgehoben. Der Mensch kehrte zu sich selbst zurück und fühlte sich als Mensch unter seinesgleichen“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Verknüpfung von Foucaults Strafanalyse und Bachtins Lachkultur ein und formuliert die Forschungsfrage nach dem Verhältnis von ordnender Disziplin und anarchischem Karneval.
2. Karnevaleske Hinrichtungen: Dieses Kapitel erläutert die vier zentralen Karnevals-Kategorien nach Bachtin und analysiert, wie öffentliche Hinrichtungen als karnevaleske Ereignisse die offizielle Herrschaftsordnung durch Rollentausch und Profanation kurzzeitig aushebeln konnten.
3. Die Disziplin und ihre Körper: Hier wird der Prozess der Verdrängung der rituellen Volkskultur durch die Disziplinarmacht des 17. und 18. Jahrhunderts untersucht, wobei das Konzept des "grotesken Körpers" der kontrollierten Individualisierung gegenübergestellt wird.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und stellt fest, dass die Disziplin als Antiprinzip zum Karneval fungiert, wobei sie die Ambivalenz der Macht durch Vereinheitlichung und Isolation der Körper dauerhaft zu stabilisieren versucht.
Schlüsselwörter
Foucault, Bachtin, Karneval, Disziplin, öffentliche Hinrichtung, Marter, grotesker Körper, Macht, Rabelais, Herrschaft, Widerstand, Ambivalenz, Strafpraxis, Volkskultur, Normalisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkung zwischen dem mittelalterlichen Karneval und der historischen Entwicklung der Bestrafungspraktiken, wobei sie zwei einflussreiche Denker, Michel Foucault und Michail Bachtin, theoretisch miteinander in Dialog bringt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die historische Analyse der Machtausübung, die volkskulturelle Lachkultur, das Konzept der Körperlichkeit im Mittelalter versus der Moderne und die Transformation von öffentlichen Hinrichtungen hin zum modernen Gefängniswesen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt nach dem Verhältnis zwischen der ordnenden Disziplinarmacht und der anarchischen, grenzauflösenden Kraft des Karnevals und untersucht, inwiefern die öffentliche Hinrichtung als Ort dieses Konflikts zu verstehen ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretisch-analytische Arbeit, die primär literarische und historische Quellen (insbesondere Werke von Foucault und Bachtin) vergleichend auswertet und synthetisiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des "karnevalesken" Charakters öffentlicher Marterhandlungen und die darauffolgende Analyse der Disziplinierungsprozesse, die zur Verdrängung dieser Volkskultur und zur Etablierung des modernen Individuums führten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Karnevalisierung, Disziplinarmacht, grotesker Körper, Machttechnologie, Ambivalenz und gesellschaftliche Transformation charakterisieren.
Wie unterscheidet sich der „groteske Körper“ vom modernen Körperkonzept?
Während der groteske Körper bei Bachtin als unfertig, grenzüberschreitend und mit der Welt verschmolzen beschrieben wird, ist der moderne Körper im Sinne Foucaults individualisiert, isoliert und innerhalb einer normierenden Hierarchie streng abgegrenzt.
Warum spielt die Figur des Henkers eine besondere Rolle in dieser Analyse?
Der Henker ist eine ambivalente Figur, die einerseits als Repräsentant der souveränen Macht auftritt, sich aber durch sein Handeln mimetisch an den Verurteilten annähert, wodurch die Trennung von Macht und Ohnmacht auf dem Schafott verschwimmt.
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- Michael Steimel (Author), 2007, Karnevaleske Hinrichtung und disziplinierter Körper. Kulturelle Praktiken bei Bachtin und Foucault, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/304156