Die Novelle “Das Portrait” des russischen Schriftstellers Nikolaj Gogol, erstmals im Jahre 1835 erschienen, stellt die Figur des Künstlers und sein künstlerisches Werk in den Mittelpunkt der Betrachtung. Hierbei stellt der Gedanke des Religiösen eines der wichtigsten Leitideen des Werkes dar, was nicht zu letzt dazu führt, dass sowohl der Kunst als auch dem Künstler eine Aura des Religiösen anhaftet. Von diesem Aspekt des Werkes ausgehend, ist eine polarisierende Teilung der Kunst, in eine “wahre” und eine “falsche” Kunst unerlässlich. Die “wahre”, talentreiche Kunst wird dabei als von gottgegebenen Charakterzug verstanden, während die “falsche” Kunst, als Kunst ohne Leidenschaft aufzufassen ist, die nur persönlichen Vorzügen zu dienen hat.
Inhaltsverzeichnis
1. Religiöse Motivik in Nikolaj Gogols Novelle „Das Portrait“
1.1 Der Künstler und sein Werk als religiöser Leitgedanke
1.2 Die Polarität von „wahrer“ und „falscher“ Kunst
1.3 Das Portrait als „Antiikone“
1.4 Die Korrumpierung des Künstlers am Beispiel von Čartkov
1.5 Teuflische Eigenschaften und die Aura des Unheimlichen
1.6 Erscheinung des Wucherers und die Opposition von Eigenem und Fremdem
1.7 Die Verbindung von Glaube und Kunst als sakraler Schöpfungsakt
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Rolle religiöser Motivik in Nikolaj Gogols Novelle „Das Portrait“. Dabei wird analysiert, wie Gogol die Kunst in eine sakrale und eine dämonische Dimension unterteilt, wobei das Portrait des Wucherers als zentrales Bindeglied für die moralische Zersetzung und die spirituelle Entfremdung des Künstlers fungiert.
- Die Dichotomie zwischen „wahrer“, gottgegebener Kunst und „falscher“, leidenschaftsloser Malerei.
- Das Portrait als „Antiikone“, die das Gute zerstört und das Böse in den Betrachtern hervorruft.
- Die symbolische Funktion des Künstlers als Schöpfer in Anlehnung an göttliche Akte.
- Die Darstellung des Fremden als Verkörperung des Teuflischen im Kontext der Erzählung.
- Der Weg der Läuterung durch Askese als Rückkehr zur wahren künstlerischen Berufung.
Auszug aus dem Buch
Die „Antiikone“ und das unheilige Objekt
Die “Antiikone”, das Portrait, ist auch durch seine Darstellung in der Novelle ein durch und durch unheiliges Objekt. Dies wird sowohl durch den Aspekt der Käuflichkeit des Gemäldes signalisiert als auch durch die Materialisation des Teuflischen auf der physischen Ebene des Portraits, dessen Augen vor Lebendigkeit und Bösartigkeit sprühen. Die böse dreinblickenden Augen des abgebildeten Wucherers scheinen dabei die Grenze zwischen malerisch abgebildeten Realität und der Wirklichkeit zu überschreiten und offenbaren die unheilige Tatkraft des Gemäldes. Das Gemälde erwidert den Blick des Betrachters und kann auf diese Weise nicht mehr nur als Objekt betrachtet werden. Mehr noch: durch die Tatsache des Zurückblickens des Portraits, wird der abgebildete Wucherer selbst zum Subjekt und starrt sein Gegenüber durchdringend an, was das harmonische Innenleben des Gemäldes buchstäblich zerstört.
Nichtsdestotrotz vermag das Portrait buchstäblich die Lebensenergie seines Besitzers für sich in Anspruch zu nehmen und übt auf diese Weise eine unheilige Macht auf den jeweiligen Menschen aus, der vom bösen Geist des Wucherers förmlich in Besitz genommen wird. Darüber hinaus ist es die Gesamterscheinung des Portraitierten, die den Betrachtern Furch einflößt. So wird der Wucherer von Betrachter als eine hochgewachsene Gestalt wahrgenommen, die durch glühende, bronzene Gesichtsfarbe und unverhältnismäßig dichten Brauen besonders auffällig zu sein scheint. Außerdem kommt stets das asiatisch anmutende Kostüm des Wucherers zur Sprache, der das südländische (bzw. fremdländische) Erscheinungsbild des Abgebildeten zu verstärken weiß. Auf diese Weise findet in Gogol`s Novelle eine Umsetzung der oppositionellen Gegenüberstellung vom Eigenen und Fremden statt, wobei das Fremde mit dem Teuflischen gegebenenfalls Unbekanntem gleichzusetzen ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Religiöse Motivik in Nikolaj Gogols Novelle „Das Portrait“: Einführung in das Werk und die zentrale These der religiös geprägten Kunstauffassung bei Gogol.
1.1 Der Künstler und sein Werk als religiöser Leitgedanke: Untersuchung der Verbindung zwischen künstlerischem Schaffen und der religiösen Überzeugung des Autors.
1.2 Die Polarität von „wahrer“ und „falscher“ Kunst: Analyse der Unterscheidung zwischen gottgegebener Leidenschaft und bloßer profaner Dienstleistung der Kunst.
1.3 Das Portrait als „Antiikone“: Erörterung der destruktiven Kraft des Gemäldes, die als Gegenstück zum sakralen Charakter einer Ikone fungiert.
1.4 Die Korrumpierung des Künstlers am Beispiel von Čartkov: Betrachtung der moralischen Zersetzung durch den materiellen Reichtum und den Verlust der künstlerischen Integrität.
1.5 Teuflische Eigenschaften und die Aura des Unheimlichen: Beschreibung der unheilvollen Ausstrahlung des Portraits und seiner rätselhaften Präsenz.
1.6 Erscheinung des Wucherers und die Opposition von Eigenem und Fremdem: Analyse der fremdartigen Physiognomie des Wucherers und deren Assoziation mit dem Dämonischen.
1.7 Die Verbindung von Glaube und Kunst als sakraler Schöpfungsakt: Fazit zur Rolle der Kunst als Glaubensbekenntnis und der Läuterung durch asketische Lebensführung.
Schlüsselwörter
Nikolaj Gogol, Das Portrait, religiöse Motivik, Antiikone, wahre Kunst, falsche Kunst, Čartkov, Wucherer, Dämonie, Ikonenmalerei, sakraler Schöpfungsakt, Fremdheit, Askese, moralische Korruption, russische Literatur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die religiöse Symbolik und die moralischen Dimensionen der Kunst in Gogols Novelle „Das Portrait“.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Fokus stehen die Dualität von „wahrer“ und „falscher“ Kunst, das Motiv der Antiikone sowie die Korrumpierung des Künstlers durch äußere Einflüsse.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Textes?
Die Arbeit fragt danach, wie Gogol das Verhältnis zwischen Kunst und Glaube definiert und welche Rolle die dämonische Kraft eines Portraits dabei einnimmt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse des Primärtextes unter Einbeziehung religiös-philosophischer Kontextualisierungen durchgeführt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Dort werden die Entfremdung des Künstlers, die unheilvollen Eigenschaften des Portraits und die symbolische Gegenüberstellung von Eigenem und Fremdem detailliert analysiert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen Ikonenmalerei, moralische Zersetzung, sakraler Schöpfungsakt, Askese und das Motiv der „Antiikone“.
Warum wird das Portrait in der Novelle als „Antiikone“ bezeichnet?
Weil es die Merkmale einer Ikone, die heiligen Ursprungs sein sollte, ins Gegenteil verkehrt und eine zerstörerische, unheilige Wirkung auf den Betrachter ausübt.
Inwiefern spielt der Künstler Čartkov für die Argumentation eine Rolle?
Er dient als exemplarisches Beispiel für den Verlust des künstlerischen Talents, da er sich für materiellen Wohlstand und gegen die „wahre“ Kunst entscheidet, was zu seinem moralischen Untergang führt.
- Quote paper
- Irina Frey (Author), 2012, Religiöse Motivik in Nikolaj Gogols Novelle “Das Portrait”, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/303232