Eine Untersuchung zur Rezeption der Goldenen Bulle bis in die Gegenwart sowie zu ihrer rechtsgeschichtlichen Bedeutung.
Vor nunmehr 653 Jahren wurde auf dem Reichstag in Metz der zweite und letzte Teil der Goldenen Bulle verabschiedet. Ein Reichsgrundgesetz, das 450 Jahre lang bestand hatte und dessen Anteil an der Beständigkeit des Heiligen Römischen Reiches nicht groß genug eingeschätzt werden kann. Im Laufe der Jahrhunderte veränderte sich die Sicht der Rezipienten auf dieses Gesetzeswerk immer wieder. Allein in den Werken des wohl bekanntesten Autors der je über die Goldene Bulle schrieb, in Goethes Werken nämlich, lassen sich mehrere Phasen ausmachen. Deshalb sollen in dieser Hausarbeit Rezeption und Nachwirkung der Goldenen Bulle Kaiser Karls IV. behandelt werden, um eine Übersicht über die verschiedenen Stadien ihrer Wahrnehmung zu bieten.
Den Anfang wird dabei die zeitgenössische Chronistik bilden. Mit Hilfe von neuen Erkenntnissen, die in der historischen Kommunikationsforschung gewonnen wurden, wird dabei die bisherige Sicht, die Goldene Bulle sei kaum oder nur am Rande rezipiert worden, widerlegt beziehungsweise relativiert werden. Weiterhin wird von Interesse sein, wie sich das Bild welches die betroffenen Gruppen von dem Gesetzeswerk hatten, wandelte. Dafür werden die verschiedenen Überlieferungskonstellationen herangezogen. Im Folgenden soll ein Blick in die juristische Fachliteratur zwischen dem Ende des 15. und 18.Jahrhunderts Aufschluss darüber geben, welche Bedeutung die Goldene Bulle in der Bewertung durch die Rechtswissenschaft einnahm, die naturgemäß zu den wichtigsten Rezipienten gehört. Hier sollen vor allem die Entwicklungen, die zwischen Peter von Andlau und Stephan Pütter im Umgang mit dem Gesetzeswerk stattfanden, kurz dargestellt werden.
Abschließend werden die Nachwirkungen der Bulla Aurea unter verschiedenen Aspekten beleuchtet. Welche Folgen ergaben sich für Innen- und Außenpolitik des Reiches? Fand die Wirkung der Goldenen Bulle mit dem Ende des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nationen 1806 ebenfalls ein Ende oder war sie darüber hinaus präsent? Um diese Fragen zu beantworten wird neben den einschlägigen Quellen das aktuellste Werk „Die Goldene Bulle: Politik, Wahrnehmung, Rezeption“ (hg. v. Ulrike Hohensee u.a.) als Sekundärliteratur dienen, das interessante neue Forschungsansätze bietet. Auch die bekannten Beiträge von Bernd-Ulrich Hergemöller, Karl Zeumer und Erlin Ladewig Petersen werden herangezogen.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. ZEITGENÖSSISCHE REZEPTION
3.A) BEDEUTUNGSZUNAHME UND BEDEUTUNGSWANDEL NACH 1400
3.B) REZEPTION DER GOLDENEN BULLE IN DER RECHTSWISSENSCHAFT
4. NACHWIRKUNG
5. FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rezeption und Nachwirkung der Goldenen Bulle Kaiser Karls IV. über mehrere Jahrhunderte hinweg, um die verschiedenen Stadien ihrer Wahrnehmung – von der zeitgenössischen Chronistik bis zur juristischen Fachliteratur der Frühen Neuzeit – zu analysieren und ein besseres Verständnis für ihre Rolle als Reichsgrundgesetz zu entwickeln.
- Analyse der zeitgenössischen Wahrnehmung durch mittelalterliche Chronisten
- Untersuchung des Bedeutungswandels der Goldenen Bulle nach 1400
- Betrachtung der Rezeption in der juristischen Fachliteratur vom 15. bis 18. Jahrhundert
- Bewertung der langfristigen Nachwirkungen auf die Reichsverfassung
- Reflektion über die Rolle der Goldenen Bulle für das Ende des Heiligen Römischen Reiches
Auszug aus dem Buch
2. Zeitgenössische Rezeption
Es gibt mehrere Chroniken, die uns von dem Hoftag in Metz, auf dem der zweite Teil der Goldenen Bulle verabschiedet wurde, berichten. Sie alle haben eins gemeinsam: Nicht das Gesetzeswerk, welches bis 1806 in Kraft war und als eine Art „Reichsgrundgesetz“ fungierte, sondern Pracht, Prunk und Persönlichkeiten stehen im Vordergrund. Mathias von Neuenburg schreibt Erat enim sollempnior curia, quam de aliquo imperatore scribitur temboribus retroactis multis und steht mit dieser auf den ersten Blick oberflächlichen Betrachtung des Geschehens nicht alleine. Auch Jacob Twinger von Königshofen äußert sich in seiner Chronik ähnlich. Wenn überhaupt auf inhaltliche Aspekte des Hoftages eingegangen wurde, geschah dies meist nur im Hinblick auf spezielle Aspekte, die dem Chronisten aus seiner Perspektive besonders bedeutsam erschienen.
Alles in allem fallen die zeitgenössischen Reaktionen auf die Goldene Bulle also eher bescheiden aus und die Rezeption beschränkt sich auf das Zeremoniell. Diese Tatsache ist in der Forschung schon lange bekannt und führte zu dem Schluss, dass den Zeitgenossen die Bedeutung der Goldenen Bulle nicht klar gewesen sei und unterstellte ihnen mangelndes Interesse.
Neuere Forschungen zur Kommunikationsgeschichte gehen allerdings davon aus, dass die Visualisierung der Inhalte als Bestandteil mittelalterlicher Urkundenproduktion anzusehen ist und sich erst in der Präsentation der Abschluss des Verfahrens findet. Betrachtet man die Überlieferungen unter Einbeziehung dieses Aspektes, so kann davon ausgehen werden, dass sich den Zeitgenossen der Inhalt der Goldenen Bulle durchaus über das Zeremoniell erschloss.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung stellt die Goldene Bulle als bedeutendes Reichsgrundgesetz vor und skizziert das methodische Vorgehen, welches historische Kommunikationsforschung und juristische Fachliteratur kombiniert.
2. ZEITGENÖSSISCHE REZEPTION: Dieses Kapitel zeigt, dass die Zeitgenossen die Goldene Bulle primär über das Zeremoniell und visuelle Inszenierungen wahrnahmen, anstatt sich auf den schriftlichen Gesetzestext zu konzentrieren.
3.A) BEDEUTUNGSZUNAHME UND BEDEUTUNGSWANDEL NACH 1400: Nach der Absetzung Wenzels wandelte sich die Wahrnehmung des Dokuments von einer bloßen Privilegiensammlung hin zu einem Instrument zur Legitimation von Machtansprüchen.
3.B) REZEPTION DER GOLDENEN BULLE IN DER RECHTSWISSENSCHAFT: Hier wird dargelegt, wie Gelehrte vom 15. bis zum 18. Jahrhundert die Goldene Bulle intensiv rechtshistorisch kommentierten und emanzipierten.
4. NACHWIRKUNG: Das Kapitel beleuchtet die langfristigen Auswirkungen der Goldenen Bulle auf die Friedenssicherung im Reich und ihre Rolle bei der Ausbildung deutscher Territorialstrukturen.
5. FAZIT: Das Fazit fasst die verschiedenen Deutungswandlungen zusammen und unterstreicht die bleibende Bedeutung des Gesetzes für das Verständnis der deutschen Geschichte bis 1806.
Schlüsselwörter
Goldene Bulle, Kaiser Karl IV., Reichsgrundgesetz, Mittelalter, Rezeption, Rechtswissenschaft, Reichspublizistik, Zeremoniell, Kurfürsten, Verfassungsgeschichte, Frieden, Wahlsystem, Territorialisierung, Heiliges Römisches Reich, Rechtsgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Rezeption, Wahrnehmung und die langfristige historische Nachwirkung der Goldenen Bulle Kaiser Karls IV. vom 14. Jahrhundert bis zum Ende des Alten Reiches.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die zeitgenössische Wahrnehmung durch Chronisten, der Wandel der Bedeutung des Textes nach 1400 sowie die juristische Auseinandersetzung mit den Regelungen in der späteren Fachliteratur.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, eine Übersicht über die verschiedenen Stadien der Wahrnehmung zu bieten und zu erklären, warum sich die Diskrepanz zwischen der tatsächlichen Bedeutung des Werkes und seiner zeitgenössischen Rezeption ergab.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die historische Kommunikationsforschung, wertet zeitgenössische Chroniken aus und analysiert die juristische Fachliteratur sowie Überlieferungszusammenhänge von Abschriften.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die zeitgenössische Sicht, der Bedeutungswandel nach 1400, die rechtswissenschaftliche Analyse durch Gelehrte und schließlich die Auswirkungen auf die Reichsverfassung detailliert analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Goldene Bulle, Reichsgrundgesetz, Rechtsgeschichte, Verfassungsgeschichte, Karl IV., Rezeption und das Heilige Römische Reich.
Wie interpretierte Karl IV. seine eigene Position im Zeremoniell?
Durch eine erhöhte Sitzposition bei Hofe und symbolische Akte manifestierte Karl IV. seine Rolle als Zentrum des Reiches und als oberster Richter, oft zu seinen Gunsten.
Warum war die Goldene Bulle für Städte und Adel wichtig?
Sie suchten in dem Gesetzeswerk Rechtssicherheit für ihre jeweiligen Interessen, weshalb Abschriften der Bulle in zahlreichen Kanzleien aufbewahrt wurden.
Welche Rolle spielte die "Prachthandschrift" bei der Absetzung Wenzels?
Die Prachthandschrift wurde gezielt genutzt, um die Rechtmäßigkeit von Ansprüchen in einer Zeit politischer Instabilität zu demonstrieren und die Machtverhältnisse zwischen Kaiser und Kurfürsten zu visualisieren.
- Quote paper
- Jens Löffler (Author), 2009, Der Bedeutungswandel der "Goldenen Bulle". Rezeption und Nachwirkung in der Rechtswissenschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/303013