Als ein hervorstechendes Merkmal der Literatur Heinrich Kaufringers wird der Grobianismus angeführt, eine Form des Anstößigen und des Extremen. Auch das Märe „Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar“, das in der vorliegenden Arbeit als Bestandteil einer Analyse der frühneuzeitlichen Ehenormen dienen soll, zeugt von eben jenen charakteristischen Merkmalen der Literatur des Autors. Nicht zuletzt auf seiner Irrfahrt auf der Suche nach einem vermeintlich harmonisch zusammenlebenden Ehepaar wird darin die Person eines Kaufmanns zweimalig Zeuge einer Perversion an abstrusen Vorstellungen der „rechten“ Ehe in der Frühen Neuzeit. In dieser Arbeit soll in einem ersten Teil ein historisches Abbild der idealen Ehe und die damit verbundene Anforderung an die Frau skizziert werden, deren Illusionen auch Kaufringers Hauptcharakter unterliegt.
In einem zweiten Teil erfolgt die Desillusionierung eben jener Ideale durch die abstrakten Beispiele einer abstrusen Eheführung bei Kaufringer. „List und Verschleierung, Heimlichkeiten und Betrug, das ist genau das Bild, das sich Zeitgenossen von den Aktivitäten der Frauen machten.“ Vitentexte, Hagiographen und rechtspraktische Quellen des 12. und 13. Jahrhunderts schildern gleichermaßen eben jene Strategien, welche eine Ehefrau „als gesellschaftlich und körperlich Unterlegene wählte[...], das sie sich nicht auf Macht und Ansehen berufen konnte[...],“ um dennoch ihre Stellung und ihre Rechte im Familiengefüge einzufordern. Der Ehealltag wurde in der historischen Forschung jedoch bislang nur wenig und kaum ausführlich erfasst.
Im Hinblick auf strukturelle als auch auf individuelle Aspekte wird dabei gerade in den letzten Jahren das Fehlen einer akteurszentrierten Erforschung frühneuzeitlicher Ehen formuliert.
Die hier vorliegende Arbeit will es sich dennoch zur Aufgabe machen, aus den wenigen Ressourcen zu schöpfen, um in einer analytischen Herangehensweise die Ideale einer frühneuzeitlichen Ehe zu sondieren. Als Quellen wurden in der Sekundärliteratur in erster Linie Gerichtsakten herangezogen, die durch die Verhandlung ehelicher Konflikte ein detailgetreues Abbild der Frühen Neuzeit zeichnen.
Inhaltsverzeichnis
1. VERPFLICHTUNGEN IN EINER RECHTEN EHE
1.1 THEORIE DER IDEALEN EHEFRAU
1.2 INNEREHELICHE MACHTBALANCE
1.3 GRENZEN DER EHEHERRLICHEN GEWALT
2. DISKREPANZ VON IDEAL UND WIRKLICHKEIT
2.1 DIFFERENZEN ZWISCHEN ÖFFENTLICHER WAHRNEHMUNG UND „HAIMLICHER“ ENTZWEIUNG – AUFEINANDERTREFFEN MIT DEM ERSTEN EHEPAAR
2.2 FUNKTION DER EHE ALS LEGITIMER ORT SEXUELLER, REPRODUKTIVER UND ÖKONOMISCHER AKTIVITÄTEN – AUFEINANDERTREFFEN MIT DEM ZWEITEN EHEPAAR
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand von Heinrich Kaufringers Märe „Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar“, wie das frühneuzeitliche Ideal einer harmonischen Ehe durch die Darstellung von Ehekonflikten und paradoxen Lebensentwürfen dekonstruiert wird. Das Ziel ist es, die Diskrepanz zwischen theoretischen Normen und der alltäglichen Wirklichkeit der Ehe zu beleuchten, wobei der Fokus auf der Erkenntnis des Protagonisten liegt, dass Ideale oft Illusionen sind und ein Zusammenleben Nachsicht gegenüber individuellen Schwächen erfordert.
- Frühneuzeitliche Ehenormen und Geschlechterrollen
- Innereheliche Machtbalance und Gewalt als Konfliktlösung
- Kritik an idealisierten Vorstellungen von Ehe und Tugend
- Die Rolle von Sexualität und ökonomischen Faktoren im Ehegefüge
- Literarische Dekonstruktion von Idealen durch Abstraktion
Auszug aus dem Buch
1.2 Innereheliche Machtbalance
Das Eheleben im 13. Jahrhundert unterlag einer klaren Vorstellung und Machtbalance innerhalb des Familiengefüges. Hierbei wurde dem Ehemann in der Theorie die alleinige Vormachtstellung zuteil. Die Ehefrau hingegen hatte sich ihrem Mann zu unterwerfen und anzupassen, diesem waren durch Recht und Konvention Entscheidungsbefugnisse und Kontrollpflichten über seine Frau aufgegeben, die gestützt wurden durch Züchtigungsrecht und Verfügungsgewalt über Leib, Leben und Eigentum der Ehefrau.
Damit unterlag eine jede Ehefrau der Herrschaft ihres Mannes, welcher die Ehe dominierte. Denn dem Ehemann war auch das Recht gegeben, seine Frau bei Bedarf durch körperliche Gewalt zu züchtigen.
Nach den Akten des Bischöflichen Gerichts in Paris stehen Misshandlungen von Frauen an erste Stelle in der Reihe der innerehelichen Rechtsstreitigkeiten, gefolgt vom Vorwurf der selbstherrlichen „Verschwendung“ von Familienbesitz seitens des Ehemanns.
Zusammenfassung der Kapitel
1. VERPFLICHTUNGEN IN EINER RECHTEN EHE: Dieses Kapitel erläutert die normativen Anforderungen an Ehefrau und Ehemann sowie die Machtverhältnisse und rechtlichen Grenzen innerhalb einer frühneuzeitlichen Ehe.
2. DISKREPANZ VON IDEAL UND WIRKLICHKEIT: Hier wird anhand von zwei konkreten Beispielen aus Kaufringers Märe aufgezeigt, wie der Protagonist bei der Suche nach einem Idealpaar scheitert und die Kluft zwischen öffentlicher Wahrnehmung und privater Entzweiung erkennt.
Schlüsselwörter
Heinrich Kaufringer, Märe, Ehe-Ideal, Frühe Neuzeit, Machtbalance, Ehefrau, Geschlechterrollen, Ehediskurs, Konfliktlösung, Tugend, Sparsamkeit, Realität, Illusion, Ehealltag, Sozioökonomik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Darstellung von Ehekonflikten und die damit verbundene Destruktion frühneuzeitlicher Ehe-Ideale in Heinrich Kaufringers Märe „Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar“.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den Kernbereichen zählen die Machtverhältnisse zwischen Eheleuten, gesellschaftliche Erwartungen an Frauen und Männer sowie das Spannungsfeld zwischen theologischen Idealen und der sozialen Wirklichkeit.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Es soll untersucht werden, wie Kaufringer durch die „Absurdität“ seiner Erzählbeispiele die Ideale einer „rechten Ehe“ hinterfragt und welche Erkenntnis der Protagonist aus seiner Reise zieht.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt einen literaturwissenschaftlichen Analyseansatz unter Einbeziehung von Sekundärliteratur zu frühneuzeitlichen Ehenormen und sozialen Kontexten des Mittelalters.
Was wird im Hauptteil der Arbeit thematisiert?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Verpflichtungen in der Ehe (Theorie) und die anschließende Konfrontation des Protagonisten mit der widersprüchlichen Lebenswirklichkeit der von ihm beobachteten Ehepaare.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Ehe-Ideal, Destruktion, Machtbalance, Geschlechterrollen, karkheit (Sparsamkeit) und die Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit.
Welche Rolle spielt der Begriff „karkheit“ für den Protagonisten?
Die „karkheit“ (Sparsamkeit) der Ehefrau wird anfangs vom Kaufmann als negativer Wesenszug gewertet, erst am Ende der Reise erkennt er sie als eine notwendige Tugend an.
Warum sucht der Protagonist überhaupt nach einem glücklichen Ehepaar?
Er ist mit seiner eigenen Ehe unzufrieden, da er diese an starren Idealen misst und glaubt, in der Welt ein harmonischeres Vorbild finden zu müssen, um seine eigene Ehe besser bewerten zu können.
- Quote paper
- Lisa Lindner (Author), 2014, Heinrich Kaufringers „Die Suche nach dem glücklichen Ehepaar“. Zur Destruktion eines Ehe-Ideals in der Frühen Neuzeit, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/302898