In meiner Arbeit möchte ich die Bedeutung von Moraltheorien in der Bioethik am Beispiel des Schwangerschaftsabbruchs untersuchen und insbesondere einen Einblick in bioethische Überlegungen geben und ethische Argumentationen im Anwendungsbereich der Bioethik ermitteln. Die zentrale Fragestellung ist, ob die Bioethik in Bezug auf Moral in der Biowissenschaft eine Hilfe sein kann.
Hierzu werde ich eine Eingrenzung des Begriffs Bioethik vornehmen und versuchen, die Wichtigkeit bioethischer Fragen in Zusammenhang mit der gegenwärtigen Gesellschaft zu stellen. In einem weiteren Schritt wird die Rolle von Moraltheorien in der Bioethik näher erörtert, wobei auf eine Vielzahl verschiedener ethischer Moraltheorien und auf zu fällende Urteile höherer moralischer Reflexionsstufen in der Bioethik hinzuweisen ist.
Anschließend werden zwei ausgewählte ethische Positionen (Deontologie sowie Utilitarismus) präsentiert, welche in der Bioethik Anwendung finden und deren unterschiedliche Alternativen für moralische Handlungsbewertungen liefern.
Im Folgenden werden theoriegeleitete Vorstellungen zum Beginn des menschlichen Lebens und dessen Schutzwürdigkeit behandelt, wobei verschiedene Sichtweisen (naturwissenschaftliche, theologische sowie philosophische Vorstellungen) im Hinblick auf den Beginn menschlichen Lebens gegenübergestellt werden.
Daraufhin werden deutsche Rechtsgrundlagen für Schwangerschaftsabbrüche beleuchtet. Die moralische Beurteilung der Bioethik soll am Beispiel des Schwangerschaftsabbruchs als eines der meist diskutierten Themen der praktischen Philosophie, diskutiert werden. Im letzten Teil der vorliegenden Arbeit werden die beiden ausgewählten gegenwärtigen philosophischen Positionen des Utilitaristen Peter Singer und die Valuable-future-like-ours-Theorie von Don Marquis miteinander verglichen. Im Resümee werden schließlich die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst sowie ein Ausblick auf die mögliche Weiterentwicklung der Rolle der Moraltheorien in der Bioethik gegeben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zum Begriff „Bioethik"
3. Zunehmende Bedeutung der Bioethik
4. Die Rolle von Moraltheorien in der Bioethik
5. Zwei ausgewählte wichtige Moraltheorien - Wie begründet man moralisch richtiges Handeln?
5.1. Deontologie
5.2. Utilitarismus
6. Theoriegeleitete Vorstellungen zum Beginn des menschlichen Lebens und dessen Schutzwürdigkeit
6.1. Naturwissenschaftlich geprägte Vorstellungen
6.2. Theologische Vorstellungen ausgewählter Weltreligionen
6.3. Philosophische Vorstellungen zur Schutzwürdigkeit menschlichen Lebens
7. Deutsche Rechtsgrundlagen für den Schwangerschaftsabbruch
8. Gegenwärtige philosophische Positionen am Beispiel des Schwangerschaftsabbruchs
8.1. Die utilitaristische Position von Peter Singer
8.2. Don Marquis‘ Valuable-future-like-ours-Theorie
9. Schlussbemerkung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Bedeutung von Moraltheorien innerhalb der Bioethik, wobei der Schwangerschaftsabbruch als zentrales, kontroverses Anwendungsbeispiel dient. Ziel ist es zu analysieren, ob und wie bioethische Überlegungen und moralphilosophische Ansätze dabei helfen können, in einer pluralistischen Gesellschaft moralisch vertretbare Handlungsweisen in der Biowissenschaft zu begründen.
- Grundlagen und Definition des Begriffs Bioethik
- Die Rolle und Notwendigkeit von Moraltheorien in ethischen Debatten
- Gegenüberstellung von Deontologie und Utilitarismus
- Theoriegeleitete Debatten über den Beginn menschlichen Lebens und dessen Schutzwürdigkeit
- Ethische Argumentationen von Peter Singer und Don Marquis zum Schwangerschaftsabbruch
Auszug aus dem Buch
8.1. Die utilitaristische Position von Peter Singer
Peter Singer als bedeutender Utilitarist rechtfertigt Abtreibungen mit der Behauptung, dass Ungeborene sowie Neugeborene keine Menschen seien und ihnen nur ein unverfügbares Lebensrecht zukomme. Nach ihm ist eine moralische Beurteilung an der gleichberechtigten Interessenabwägung aller Betroffenen durchzuführen (Präferenzutilitarismus), wobei zunächst überprüft werden muss inwieweit die Präferenzen durch Handlungskonsequenzen (nicht) erfüllt werden (Konsequenztialismus). Deshalb ist es seiner Ansicht nach für eine moralische Beurteilung irrelevant zu überprüfen ob und ab wann bei einem Fötus von einem menschlichen Wesen gesprochen werden kann, moralisch maßgeblich hingegen seien vielmehr mit der Ausbildung von Präferenzen einhergehende Charakteristika, wie „Rationalität, Selbstbewußtsein, Bewußtsein, Autonomie, Lust- und Schmerzempfinden und so weiter (Singer 1993:197)." Für Peter Singer ist der menschliche Embryo von Anfang an ein Mensch, jedoch noch keine Person. Singer benennt erst die Geburt sichtbare und selbstverständliche Grenze, „um ein sozial anerkanntes Lebensrecht zu markieren. (ebd.: 251).“
Bewusstsein sowie Schmerzempfinden kommen im Hinblick auf den Embryo bzw. den Fötus nicht in Betracht. Liegen diese vor, dann „sollte Abtreibung nicht leichtgenommen werden (ebd.: 197).“ Singer spricht in diesem Zusammenhang im Falle einer Abtreibung von der Beendigung einer Existenz, welcher er den gleichen moralischen Wert wie den höherer entwickelter Tiere zuspricht, weshalb „ein Schwangerschaftsabbruch in einem späten Stadium der Schwangerschaft aus den trivialsten Gründen [...] schwerlich zu verurteilen (ebd.: 197)“ ist. Solange Schmerzempfinden und Bewusstsein nicht bestehen beendet ein Schwangerschaftsabbruch in seinen Augen eine wertlose Existenz. Allerdings können andere Interessen im Hinblick auf das Leben des zukünftigen Kindes fakrutiert werden. Dennoch ist bei einem Schwangerschaftsabbruch davon auszugehen, dass die meisten Betroffenen (hier die potentiellen Eltern) den Abbruch tatsächlich befürworten. Völlig konsequent argumentiert Singer, dass sich Menschen ihrer Interessen bewusst sind und deshalb dem Leben von Embryonen übergeordnet werden können, weil Ungeborene sich ihrer selbst und ihres Interesses am Leben noch nicht bewusst sind (Vgl. im Folgenden ebd.: 199).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die wachsende Bedeutung der Bioethik aufgrund rasanter Fortschritte in den Biowissenschaften dar und umreißt die Zielsetzung der Arbeit, die Rolle von Moraltheorien am Beispiel des Schwangerschaftsabbruchs zu beleuchten.
2. Zum Begriff „Bioethik": In diesem Abschnitt wird die begriffliche Komplexität der Bioethik als interdisziplinäre Disziplin zwischen Medizin-, Tier- und Umweltethik sowie als angewandte Ethik der Life Sciences aufgearbeitet.
3. Zunehmende Bedeutung der Bioethik: Dieses Kapitel diskutiert die Gründe für die steigende gesellschaftliche Relevanz bioethischer Debatten, insbesondere im Kontext neuer Technologien, die den Menschen in den Mechanismus des Lebens eingreifen lassen.
4. Die Rolle von Moraltheorien in der Bioethik: Der Fokus liegt hier auf der notwendigen Einbindung moralphilosophischer Reflexionen, um bioethische Fragestellungen präskriptiv zu bewerten und einen Beitrag zur öffentlichen Debatte zu leisten.
5. Zwei ausgewählte wichtige Moraltheorien - Wie begründet man moralisch richtiges Handeln?: Es erfolgt die Einführung in die zentralen moralphilosophischen Ordnungsprinzipien der Deontologie und des Utilitarismus als Werkzeuge zur ethischen Urteilsbildung.
6. Theoriegeleitete Vorstellungen zum Beginn des menschlichen Lebens und dessen Schutzwürdigkeit: Hier werden naturwissenschaftliche, theologische und philosophische Ansätze einander gegenübergestellt, um zu untersuchen, ab wann menschliches Leben als schutzwürdig einzustufen ist.
7. Deutsche Rechtsgrundlagen für den Schwangerschaftsabbruch: Dieser Abschnitt bietet einen Überblick über die aktuelle Rechtslage in Deutschland, insbesondere im Hinblick auf den §218 StGB und die geltenden Ausnahmeregelungen.
8. Gegenwärtige philosophische Positionen am Beispiel des Schwangerschaftsabbruchs: Im Hauptteil werden die konträren Ansätze von Peter Singer (Utilitarismus) und Don Marquis (zukunftsorientiertes Verbot) exemplarisch erläutert und kritisch verglichen.
9. Schlussbemerkung und Ausblick: Die Arbeit resümiert die theoretischen Herausforderungen, betont die Bedeutung eines komplementären Einsatzes verschiedener ethischer Ansätze und skizziert die Notwendigkeit fortwährender bioethischer Diskussionen.
Schlüsselwörter
Bioethik, Moraltheorien, Schwangerschaftsabbruch, Deontologie, Utilitarismus, angewandte Ethik, Lebensbeginn, Schutzwürdigkeit, Menschenwürde, Peter Singer, Don Marquis, biomedizinische Ethik, Interessenabwägung, praktische Philosophie, normative Dimension.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Spannungsverhältnis zwischen wissenschaftlichem Fortschritt und ethischen Normen im Kontext der Bioethik, wobei der Schwangerschaftsabbruch als konkretes Fallbeispiel dient.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zu den Schwerpunkten gehören die Definition der Bioethik, die Gegenüberstellung von deontologischen und utilitaristischen Theorien sowie die philosophischen und rechtlichen Debatten über den Beginn und die Schutzwürdigkeit menschlichen Lebens.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Moraltheorien dazu beitragen können, die komplexe moralische Urteilsbildung bei bioethischen Fragestellungen in einer pluralistischen Gesellschaft zu strukturieren und zu fundieren.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit nutzt die Analyse und Gegenüberstellung verschiedener moralphilosophischer Theorien und Positionen sowie die Auswertung von Rechtsgrundlagen und bioethischer Fachliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die theoretischen Grundlagen (Bioethik, Moraltheorien) gelegt, anschließend die verschiedenen Vorstellungen zum Lebensbeginn diskutiert und schließlich die spezifischen philosophischen Argumentationen von Peter Singer und Don Marquis zum Schwangerschaftsabbruch analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit wird maßgeblich geprägt durch Begriffe wie Bioethik, Moraltheorien, Schwangerschaftsabbruch, Deontologie, Utilitarismus und Schutzwürdigkeit des menschlichen Lebens.
Wie definiert Peter Singer den moralischen Status des Embryos?
Singer unterscheidet zwischen dem biologischen Menschsein und dem Personstatus; er betrachtet den Embryo als Mensch, aber noch nicht als Person, und knüpft das Lebensrecht erst an die Geburt.
Worin begründet Don Marquis die moralische Unzulässigkeit von Abtreibungen?
Marquis argumentiert mit dem Konzept einer „wertvollen Zukunft“; da ein Fötus eine Zukunft ähnlich der eines Erwachsenen hat, sei die Tötung ein Raub dieser Möglichkeiten und damit moralisch verwerflich.
Welche Rolle spielt der deutsche Gesetzgeber in der bioethischen Debatte?
Die Arbeit verdeutlicht am Beispiel des §218 StGB, dass auch die deutsche Rechtsgrundlage keine einheitliche Antwort bietet, sondern eine Gratwanderung zwischen dem Schutz des ungeborenen Lebens und der Autonomie der Frau vornimmt.
- Arbeit zitieren
- Jennifer Herdt (Autor:in), 2013, Das Spannungsverhältnis von Bioethik und Moraltheorien anhand des Schwangerschaftsabbruchs, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/302316