Schon vor 1970 gab es Studien die das Labor aus technologischer und organisatorischer Perspektive betrachteten. Doch gegen Ende der Siebziger und in den achtziger Jahren begann sich die Perspektive auf das wissenschaftliche Labor zu verändern. Es ist in den Fokus wissenssoziologischer Analysen und ethnologischer Studien geraten, die einen neuen Blick auf die Forschungspraxis im Labor werfen sollten.
Bruno Latour, seinerzeit weder Soziologe noch Anthropologe, leistete neben anderen Theoretikern einen besonderen Beitrag zu diesen neuen Science Studies, auch Laborstudien genannt. Wo andere Theoretiker zuvor die Organisationsstruktur des Labors und die „normative Struktur wissenschaftlichen Arbeitens“ genauer betrachten, leistet Latour einen anderen Beitrag. Für ihn steht im Mittelpunkt zu analysieren wie aus anthropologischer Sichtweise wissenschaftliches Wissen etabliert wird. Auch interessiert es ihn herauszufinden, welche Praktiken verwendet werden, um wissenschaftliche Tatsachen zu konstruieren.
Diese neue Denkweise versucht nicht die Ergebnisse in den Mittelpunkt aller Diskussionen zu stellen, sondern fokussiert sich auf die Produktion von Tatsachen. In seinen frühen Werken "Laboratory Life" und "Science in Action" erfindet Latour einen anthropologischen Beobachter, der das Labor aus kulturtheoretische Sicht betrachtet. Dieser Beobachter überblickt alle Vorgänge im Labor – jeder Schritt des wissenschaftlichen Experimentierens wird genauestens überprüft und kritisch hinterfragt. Für den Theoretiker steht aber nicht „der Wissenschaftler“ allein im Fokus der Analyse. Vielmehr sind es Aktanten – menschliche und nichtmenschliche Wesen – die das Labor zu dem machen was es ist und gemeinsam dazu beitragen, dass wissenschaftliche Tatsachen produziert werden.
Latour entfernt sich von der Subjekt-Objekt-Dichotomie indem er den Aktanten einführt und „Subjekte“ und „Objekte“ als gleichberechtigt und handlungsfähig ansieht. Nur durch die Interaktion dieser handlungsfähigen Entitäten wird Wissen produziert und nachvollziehbar gemacht.
Inhaltsverzeichnis
1 – Einleitung
2 – „Science Studies“ oder die Erforschung der wissenschaftlichen Praktiken
2.1 – Die Erkundung des wissenschaftlichen Labors
2.1.1 Das Labor
2.1.2 Das Büro
3 – An Inquiry into Modes of Existence: Die Klimadebatte als Ausgangpunkt für die Neuerfindung der Welt
3.1 – Das Labor aus der Sicht unterschiedlicher Existenzweisen
4 – Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die theoretische Entwicklung des Wissenschaftsphilosophen Bruno Latour, indem sie seine frühen Laborstudien mit seinem späteren Werk „An Inquiry into Modes of Existence“ (AIME) vergleicht. Ziel ist es aufzuzeigen, wie sich Latours Fokus von der mikro-soziologischen Analyse der Tatsachenproduktion in Laboren hin zu einer umfassenden, diplomatischen Ontologie der Existenzweisen verschoben hat.
- Wissenschaftssoziologische Analyse der Laborpraxis
- Die Akteur-Netzwerk-Theorie als Analysewerkzeug
- Kritik an der Moderne und der westlichen Dichotomie
- Entwicklung einer pluralen Ontologie der Existenzweisen
- Das Labor als vernetzter Knotenpunkt in verschiedenen Modi
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Das Labor
Latour hält eine Subjekt-Objekt Dichotomie für unangebracht. Der Forscher geht davon aus, dass Subjekte und Objekte sich gegenseitig permanent beeinflussen und sich gegenseitig produzieren. Aus diesem Grund wurde der Begriff des Akteurs eingeführt. Bei Latour sind die Akteure sowohl menschlich als auch nicht-menschlich (vgl. Latour 2002: 362). Sowohl menschliche als auch nicht-menschliche Akteure sind im Labor daran beteiligt Literatur zu produzieren. Wissenschaftler sind darauf angewiesen nicht-menschliche Akteure in ihre Experimente einzuspannen, um diese Experimente durchführen zu können. Non-humane Akteure sind aber nicht nur Objekte oder Substanzen die untersucht werden, sondern auch Apparaturen, auf jene die Wissenschaftler angewiesen sind um die Ergebnisse zu erhalten.
Es gibt demzufolge keine Hierarchie, sondern eine Interdependenz zwischen humanen und non-humanen Akteuren. (vgl. Latour 1987: 23ff., 103) Diese Interdependenz kann noch weiter verfolgt werden und als eine gegenseitige Manipulation gesehen werden: Die Akteure bilden gemeinsam ein Ensemble (Wissenschaftler und die zu untersuchende Substanz, Reagenzgläser, Petrischalen zur Aufbewahrung u.a.). Der Wissenschaftler manipuliert beispielsweise eine Substanz, indem er in seinem Experiment Stoffe hinzufügt und erwartet, dass sich die Substanz verändert. Sie muss also eine Leistung erbringen, eine Prüfung bestehen, um die wissenschaftliche Erkenntnis voranzutreiben. Gleichzeitig wird die Substanz zu einem Handlungsträger, da sie – sollte sie die Prüfung nicht bestehen – kein besonderes Ergebnis für den Wissenschaftler bereithält. Erst wenn das Experiment glückt, die Substanz sich verändert, macht sie den Wissenschaftler zu jemandem, der etwas herausgefunden hat was er publizieren kann. (vgl. Hagner 2006: 129)
Im Labor existieren viele unterschiedlichen Apparaturen, die Wissenschaftler für ihre Analysen verwenden. Hierbei wird unterschieden zwischen einfachen Instrumenten, wie eine Pipette, ein Reagenzglas, ein Bunsenbrenner, eine Petrischale und andere „einfache Geräte“, die verwendet werden um Dinge zu extrahieren, zu erhitzen, aufzubewahren. Neben diesen Geräten gibt es sogenannte Einschreibungsgeräte, „inscription devices“ (Latour & Woolgar 1986: 51, 65).
Zusammenfassung der Kapitel
1 – Einleitung: Die Einleitung führt in die wissenschaftliche Perspektive Bruno Latours ein und skizziert den Wandel von den frühen Laborstudien hin zu seiner späteren, kritischen Auseinandersetzung mit der Moderne.
2 – „Science Studies“ oder die Erforschung der wissenschaftlichen Praktiken: Dieses Kapitel widmet sich der detaillierten Untersuchung des wissenschaftlichen Labors als Ort der Wissensproduktion mittels Akteuren und Einschreibungsgeräten.
2.1 – Die Erkundung des wissenschaftlichen Labors: Hier werden die methodischen Ansätze zur Analyse der Laborpraxis sowie die Zirkulation wissenschaftlicher Referenzen innerhalb des Laborbetriebs erläutert.
2.1.1 Das Labor: Dieser Abschnitt beschreibt die Interdependenz zwischen menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren bei der Herstellung wissenschaftlicher Tatsachen.
2.1.2 Das Büro: Die Sektion beschreibt die Rolle des Büros bei der Transformation von Daten in wissenschaftliche Publikationen und deren Einbettung in den akademischen Diskurs.
3 – An Inquiry into Modes of Existence: Die Klimadebatte als Ausgangpunkt für die Neuerfindung der Welt: Das Kapitel analysiert Latours neue Theorie, die versucht, die Welt jenseits der Akteur-Netzwerk-Theorie in pluralen Existenzweisen zu ordnen.
3.1 – Das Labor aus der Sicht unterschiedlicher Existenzweisen: Hier wird untersucht, wie sich die Betrachtung des Labors verändert, wenn dieses nicht mehr nur wissenschaftlich, sondern aus verschiedenen Existenzmodi heraus betrachtet wird.
4 – Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse der Untersuchung zusammen und reflektiert über die Entwicklung von Latours Denken im Kontext aktueller gesellschaftlicher Krisen.
Schlüsselwörter
Bruno Latour, Laborstudien, Akteur-Netzwerk-Theorie, Science Studies, AIME, Existenzweisen, Wissenschaftsforschung, Wissensproduktion, Einschreibungsgeräte, Inskriptionen, Moderne, Klimawandel, Referenzketten, Diplomatie, Wissenssoziologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die theoretische Entwicklung von Bruno Latour, insbesondere den Übergang von seinen frühen, empirischen Laborstudien zu seiner späteren, metaphysischen Theorie der Existenzweisen (AIME).
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen sind die wissenschaftliche Tatsachenproduktion, die Rolle von Akteuren (menschlich und nicht-menschlich) im Labor und die Kritik an der modernen Dichotomie von Natur und Kultur.
Welches primäre Ziel verfolgt die Arbeit?
Das Ziel ist es, den Perspektivwechsel Latours nachzuvollziehen und aufzuzeigen, wie das Labor als untersuchter Gegenstand von einer bloßen Akteur-Netzwerk-Struktur zu einem Ort wird, der aus vielfältigen Existenzmodi heraus gedeutet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, die auf der kritischen Auseinandersetzung mit Latours Primärliteratur sowie einschlägiger sekundärwissenschaftlicher Literatur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst das Labor und das Büro als getrennte, aber interagierende Sektionen analysiert. Anschließend erfolgt die Untersuchung der neuen Theorie AIME, welche das Labor als heterogenes Netzwerk aus unterschiedlichen Existenzweisen neu situiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Akteur-Netzwerk-Theorie, Einschreibungsgeräte, Existenzweisen, Wissensproduktion und der Referenzmodus.
Warum unterscheidet Latour in seinem frühen Werk zwischen „Labor“ und „Büro“?
Die Trennung dient der methodischen Analyse: Im Laborteil finden die Experimente an Objekten statt, während im Büroteil diese Ergebnisse mittels Literaturrecherche und Schreibarbeit in wissenschaftliche Tatsachen transformiert werden.
Inwiefern stellt die neue Theorie „AIME“ eine Kritik an der Moderne dar?
Latour argumentiert, dass die Moderne durch Kategorienfehler wie den „Common Sense“ geprägt ist, die eine echte diplomatische Auseinandersetzung zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Domänen (wie Politik, Wissenschaft, Recht) verhindern.
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- Stephanie Kroll (Author), 2014, Das Laboratorium bei Bruno Latour. Von den Laborstudien zu AIME, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/301211