Francisco de Goya veröffentlichte seine Caprichos 1799 mit einem Umfang von 80 zeitkritischen Blättern. Sie wurden vor der Veröffentlichung im Diario de Madrid von Goya selbst angekündigt, aber zwei Tage nach der Veröffentlichung, nach nur wenigen verkauften Exemplaren, wegen ihres kritischen Inhalts und Goyas Furcht vor der Inquisition wieder aus dem Verkauf genommen. Goya prangert darin die Laster von Menschen aller Stände aus seiner Zeit an, kritisiert den Machtmissbrauch der Regierung und des Adels, gesellschaftlich damals aktuelle Themen wie Prostitution, Zwangsheirat, Aberglaube oder Korruption. Der Gegenstand dieser Seminararbeit sind ikonographische Untersuchungen zu einzelnen Blättern aus ebendiesem Radierzyklus von Francisco de Goya mit emblematischem Schwerpunkt. Es soll zunächst die Frage beantwortet werden, inwieweit Goya von spanischen oder außerspanischen Ikonologie- und Emblembüchern Kenntnis hatte. Danach sollen die Motive dreier Blätter aus dem Caprichos-Zyklus eingehend auf ihre ikonographischen und emblematischen Wurzeln zurückverfolgt werden. Das Ziel der Betrachtungen soll die Beantwortung der Frage sein, auf welche Weise Goya bereits bekannte Motive für sich und seine Kritik neu verwendet, kombiniert, umwertet und damit instrumentalisiert.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Emblematik in Spanien zu Zeiten von Goya
3 Untersuchung ausgewählter Blätter aus den Caprichos auf ihre ikonographischen Wurzeln
3.1 Capricho Nr. 19 – Todos caeràn (Alle werden fallen)
3.2 Capricho Nr. 56 – Subir y Bajar (Steigen und Fallen)
3.3 Capricho 43 – El sueno de la razón produce monstrous (Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer)
4 Fazit und Ausblick
5 Anhang
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht ikonographische Bezüge ausgewählter Blätter aus Francisco de Goyas Radierzyklus "Caprichos". Das primäre Ziel besteht darin, zu analysieren, inwieweit Goya Kenntnis von spanischen sowie außerspanischen Ikonologie- und Emblembüchern hatte und wie er diese Motive in seinen Werken neu verwendete, umwertete und politisch instrumentalisierte.
- Analyse der Verbreitung und Bedeutung von Emblembüchern im Spanien der Goya-Zeit.
- Untersuchung der ikonographischen Wurzeln spezifischer "Caprichos"-Blätter.
- Deutung der künstlerischen Umwertung traditioneller Symbole durch Goya.
- Erforschung der Verbindung zwischen Goyas Bildsprache und zeitgenössischer politischer Satire.
Auszug aus dem Buch
3.1 Capricho Nr. 19 – Todos caeràn (Alle werden fallen)
Capricho Nr. 19 (Abb. 5) zeigt einen Baum, auf dem ein Wesen mit Vogelkörper und weiblichem Menschenkopf, offensichtlich ein Lockvogel, männliche Vogelwesen anlockt. Unterhalb des Baumes sitzen drei Frauen, die einem männlichen Vogelwesen die Federn ausrupfen und es ausnehmen. Eine der Frauen sieht mit gefalteten Händen zur Baumkrone und dem weiblichen Lockvogel hinauf: Es scheint, als warteten die Frauen darauf, dass noch mehr männliche Vögel dem Lockvogel zum Opfer fallen und dann hinabstürzen. Der Titel deutet auf die Unvermeidbarkeit des Schicksals der Vögel hin, ebenso der Prado-Kommentar: „Und dass die, die fallen werden, nicht lernen aus dem Beispiel derer, die gefallen sind! Aber es ist nichts zu machen, alle werden fallen!“
Das Blatt wird als Anklage gegen die Prostitution gedeutet; sowohl gegen die Prostituierten, die ihre Freier im finanziellen Sinne ausnehmen, als auch gegen die Freier, die immer wieder auf die „Lockungen“ der Prostituierten hereinfallen. Für die Bestärkung der Interpretation und die dafür hilfreiche Rückverfolgung auf emblematische Quellen bieten sich bei Todos caeràn verschiedene Möglichkeiten der Annäherung.
Das Motiv des Lockvogels taucht nach Levitine vorrangig in moralischen Emblemen auf, die vor falschen Freunden warnen. Tatsächlich findet man beispielsweise bei Soto ein solches mit dem Motto Amicus Infidus (Der treulose Freund [Abb. 6]): Es ist ein Lockvogel in einem Vogelbauer dargestellt, der andere Vögel anlockt. Das Epigramm erklärt:
Der falsche Freund. – Auf das hinterlistige Rufen eines eingesperrten Vögleins hin fliegt ein freier Vogel raschen Flugs achtlos zu dessen Kerker. Darin eingesperrt und ganz verloren zeigt er mit aller Deutlichkeit, was falsche Freundschaft ist, die ein falscher Freund heuchelt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in den Radierzyklus der "Caprichos" ein und definiert die Forschungsfrage, welche sich mit Goyas emblematischen Quellen und seiner künstlerischen Instrumentalisierung bekannter Motive befasst.
2 Emblematik in Spanien zu Zeiten von Goya: Hier wird der Einfluss spanischer und ausländischer Emblem- und Ikonologiebücher auf die spanische Kultur der Zeit diskutiert und die Vermutung geäußert, dass Goya als Hofkünstler Zugang zu solcher Literatur hatte.
3 Untersuchung ausgewählter Blätter aus den Caprichos auf ihre ikonographischen Wurzeln: In diesem Hauptteil werden drei spezifische Blätter analysiert und auf ihre Bezüge zu verschiedenen Emblemen, moralischen Vorbildern und antiken Mythen zurückgeführt.
4 Fazit und Ausblick: Das Fazit resümiert die Ergebnisse der Untersuchung und stellt fest, dass Goya bestehende Symbole in neue, kritische Kontexte überführte, wodurch er soziale und politische Zustände seiner Zeit metaphorisch verarbeitete.
5 Anhang: Dieser Teil enthält das Literaturverzeichnis sowie ein detailliertes Abbildungsverzeichnis der verwendeten Werke.
Schlüsselwörter
Francisco de Goya, Caprichos, Emblematik, Ikonographie, Radierzyklus, Allegorie, Symbolik, politische Satire, Kunstgeschichte, Aufklärung, Bildtradition, Spanien, Motivgeschichte, Ikonologie, kultureller Kontext.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die ikonographischen Wurzeln und emblematischen Bezüge einzelner Radierungen aus Goyas "Caprichos"-Zyklus.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Wechselwirkungen zwischen Goyas Grafik, traditioneller Emblematik, antiker Mythologie und der politischen Satire seiner Zeit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu belegen, wie Goya durch die bewusste Umwertung bekannter Motive eine eigene, tiefgreifende Gesellschaftskritik formulierte.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine ikonographische Analyse durchgeführt, bei der Goyas Bildmotive mit historischen Emblembüchern und anderen grafischen Quellen verglichen werden.
Was umfasst der Hauptteil?
Der Hauptteil analysiert detailliert drei ausgewählte Blätter (Nr. 19, 56 und 43) und prüft deren ikonographische Herkunft.
Was sind die charakteristischen Schlüsselwörter?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Goya, Emblematik, Allegorie, Ikonographie und politische Satire.
Wie interpretierte Goya das Motiv des "Schlafs der Vernunft" in Blatt 43?
Goya nutzt das Motiv, um kreatives Schaffen als einen Prozess darzustellen, in dem die Fantasie ohne die Zügelung der Vernunft unter den Einfluss dunkler Mächte gerät.
Welche Rolle spielt die Figur des Pan in "Subir y Bajar"?
Pan dient als Personifizierung der Welt oder der Natur, die ambitionierte Personen sowohl zu Erfolg führen als auch in den Abgrund stürzen kann.
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- Anonym (Author), 2013, Ikonographische Analyse der Caprichos von Goya, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/295908