Otto III. hat als einflussreicher Herrscher, König und Kaiser in seinem kurzen Leben viel erreicht und verändert. Diesbezüglich scheint es in der heutigen Zeit besonders erstaunlich, dass Quellen über seine Tränenausbrüche berichten. Ein Mann, zu dem viele Menschen aufsahen, der bewundert und verehrt wurde, zeigt sowohl in der Öffentlichkeit, als auch im Verborgenen Anfälligkeit für emotionale Ausbrüche. Das, was heutzutage als Schwäche angesehen wird, nämlich Gefühle nach außen zu tragen und somit Verletzlichkeit zu zeigen, schien im Mittelalter an der Tagesordnung zu stehen und einen anderen Stellenwert zu haben, als in der heutigen Gesellschaft. Diesbezüglich müssen in dieser Ausarbeitung ebenfalls die divergenten gesellschaftlichen Normen und Werte des Mittelalters bei der Beantwortung der Fragestellung berücksichtigt werden.
Aber sind die Tränenausbrüche Ottos III. wirklich emotionale Entladungen, die seinen Gefühlszustand widerspiegeln? Oder sind sie vielmehr zweckbedingt und somit ein Mit-tel der symbolischen Kommunikation? Dies gilt es im Folgenden zu begründen und soll anhand strukturgeschichtlicher Untersuchungen und Quellen belegt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Bedeutung der symbolischen Kommunikation im Mittelalter
3. Tränen im Mittelalter
4. Die Bedeutung der Tränen
4.1. Tränen als Mittel der symbolischen Kommunikation
4.2. Die Tränen als Affekthandlung
4.3. Tränen und Religion
5. Die Tränenausbrüche Ottos III. in den Quellen
5.1. Die Vita Bernwardi
5.2. Thietmars von Merseburg Chronik
5.3. Ex Arnoldi Libris de S. Emmerammo
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Tränenausbrüche des Kaisers Otto III. und geht der zentralen Forschungsfrage nach, ob diese als genuine emotionale Entladungen zu deuten sind oder vielmehr eine inszenierte Form symbolischer Kommunikation im mittelalterlichen Kontext darstellen.
- Symbolische Kommunikation und rituelle Handlungen im Mittelalter
- Die Funktion von Herrschertränen im zeitgenössischen Diskurs
- Religiöse Aspekte und Bußpraktiken in der ottonischen Zeit
- Quellenkritische Analyse der Vita Bernwardi, der Chronik Thietmars von Merseburg und der Ex Arnoldi Libris de S. Emmerammo
- Abwägung zwischen inszenierter Politik und individuellen Gefühlsausdrücken
Auszug aus dem Buch
5.1. Die Vita Bernwardi
Die Tränen, die Otto III. bei dem Abschied von Bernward vergießt, scheinen durch heftige Emotionen hervorgerufen zu werden:
[…] dici non potest, quanto moerore, quantis utrorumque lacrimis fusis, ut in publicum procedere vererentur.64
Der Abschied zwischen Otto III. und Bernward wird in der Vita Bernwardi als sehr schmerzvoll und emotionsreich dargestellt, was man besonders an der Betonung der Trauer und vor allem der Scham vor der Öffentlichkeit ausmachen kann. Wenn die Herrschertränen, wie Althoff behauptet, ein Mittel der symbolischen Kommunikation waren, warum herrschte dann die Befangenheit vor der Öffentlichkeit? In der Vita Bernwardi wird des Öfteren das enge Verhältnis zwischen Bernward und dem Kaiser betont, so ist es nicht verwunderlich, dass bei deren Abschied von Emotionen berichtet wird. Obwohl an dieser Stelle die Absichten des Autors berücksichtigt werden müssen, wird durch diesen Quellenabschnitt Dinzelbachers These bestätigt: die Tränen Ottos III. schienen tatsächlich durch Emotionen hervorgerufen zu werden und dienten somit in diesem Beispiel nicht der symbolischen Kommunikation. Vielmehr verdeutlichen sie das innige Verhältnis zwischen Otto III. und seinem Lehrer, was der Autor der Vita Bernwardi sicherlich hervorheben wollte.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Forschungskontroverse um die Tränen Ottos III. und Darstellung der Zielsetzung der Arbeit.
2. Die Bedeutung der symbolischen Kommunikation im Mittelalter: Erläuterung der Relevanz ritueller Handlungen als politisches Instrument auf der mittelalterlichen Bühne.
3. Tränen im Mittelalter: Einordnung verschiedener Anlässe für das Weinen, insbesondere im Kontext von Herrschaft und Religion.
4. Die Bedeutung der Tränen: Detaillierte Analyse der wissenschaftlichen Positionen zu inszenierten Tränen versus emotionalen Affekthandlungen.
5. Die Tränenausbrüche Ottos III. in den Quellen: Untersuchung konkreter Belege aus der Vita Bernwardi, Thietmar von Merseburg und Arnold von St. Emmeram.
6. Fazit: Zusammenfassende Bewertung, die den Kontext als entscheidenden Faktor für die Deutung der Tränen herausstellt.
Schlüsselwörter
Otto III., Mittelalter, symbolische Kommunikation, Herrschertränen, Vita Bernwardi, Thietmar von Merseburg, Emotionen, Ritual, Buße, Religion, Geschichtsforschung, Quellenkritik, Clemens, Misericordia, Mittelalterliche Geschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der historischen Interpretation der Tränenausbrüche von Kaiser Otto III. und hinterfragt deren Funktion innerhalb der mittelalterlichen Gesellschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit verknüpft Themen der politischen Symbolik, der mittelalterlichen Mentalitätsgeschichte sowie der religiösen Ausdrucksformen von Herrschaft.
Welches Ziel verfolgt die Arbeit primär?
Das Ziel ist die Beantwortung der Frage, ob das Weinen des Kaisers als politisch funktionalisierte Inszenierung oder als Ausdruck authentischer menschlicher Emotionen zu werten ist.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Es handelt sich um eine quellenbasierte Analyse, die strukturgeschichtliche Untersuchungen mit einer quellenkritischen Auseinandersetzung der entsprechenden Berichte verbindet.
Welche inhaltlichen Schwerpunkte bilden den Hauptteil?
Der Hauptteil analysiert drei spezifische Quellengruppen: die Vita Bernwardi, die Chronik von Thietmar von Merseburg sowie die Ex Arnoldi Libris de S. Emmerammo.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Forschungsarbeit?
Zentrale Begriffe sind symbolische Kommunikation, Affekthandlung, religiöse Buße, Herrschertugenden sowie die kritische Auseinandersetzung mit der Forschung von Gerd Althoff und Peter Dinzelbacher.
Welche besondere Rolle spielen religiöse Aspekte bei den Tränen Ottos III.?
Religiöse Tränen, etwa bei der Buße, werden als Ausdruck von Demut und Reue verstanden, wobei die Autoren der Quellen diese oft positiv konnotieren und den Kaiser als gläubigen Herrscher stilisieren.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin bzw. der Autor bezüglich des Abschieds von Bernward von Hildesheim?
Der Abschied wird als ein Moment identifiziert, in dem die Scham und das innige Vertrauensverhältnis stark für die Authentizität der Emotionen sprechen und somit gegen eine rein rituelle Inszenierung deuten.
- Quote paper
- Stefanie Poschen (Author), 2015, Die Bedeutung der Tränen von Otto III. Inszenierung oder Emotionen?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/295863