„Gemeinsam teilen wir die Überzeugung, dass in der Tat ein großer Akt der »Erneuerung« ansteht, […]: die Rückkehr der Kritik in die Soziologie.“ schreiben Dörre, Lessenich und Rosa 2009. In ihrem Buch „Soziologie-Kapitalismus-Kritik“ geht es den drei Jenaer Soziologen dabei um die Wiederbelebung einer kritischen Praxis in der Soziologie, die Rückkehr zu einer Wissenschaft, die Kritik als Hauptaufgabe ihrer Theoriebildung begreift. Trotz der zunehmenden Kapitalismuskritik in Zeiten der „Krise“ sind die Autoren der Überzeugung, dass es der Soziologie als Disziplin bisher nicht gelungen sei, sich in einer Art und Weise mit dem aktuellen Wandel des Kapitalismus auseinanderzusetzen, die ihrem „kritisch-aufklärerischen Selbstverständnis gerecht würde“
Sie sind sich einig, dass eine kritische Soziologie in der modernen Gesellschaft vor allem auf den Kapitalismus und seine gesellschaftlichen Konsequenzen abzielen müsse.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Hartmut Rosas Theorie der Beschleunigung. Da auch Rosa die Auffassung vertritt, dass Gesellschaftskritik die wesentliche Aufgabe der Soziologie sei, werde ich mich im ersten Teil mit der Frage nach der Rolle soziologischer Kritik auseinandersetzen. Immer wieder entstehen Debatten über die Legitimation und Sinnhaftigkeit der Soziologie als Wissenschaft. Dabei steht entweder die Wertneutralität soziologischer Studien oder ihr gesellschaftlicher Nutzen zur Disposition. Auch innerhalb der Soziologie selbst gibt es Verwerfungen über die Motivation, Aufgaben und Zielstellungen, die die Soziologie hat/haben sollte.
Die wesentliche Frage, der ich mich in meinen Betrachtungen widmen möchte, ist ob Soziologie sich auf Analysen beschränken muss oder ob sie selbst kritisch werden kann.
Im zweiten Teil meiner Arbeit werde ich Hartmut Rosas Theorieansatz erläutern. Dabei werde ich mich vor allem auf die Texte aus „Soziologie-Kapitalismus-Kritik“ beziehen.
Abschließend möchte ich zu der anfänglichen Problemstellung zurückkehren und mit Hilfe von Rosas Ansätzen auf die Frage antworten, ob Soziologie kritisch sein sollte.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Kritische Soziologie oder Soziologie der Kritik?
2.1 Wertneutralität soziologischer Erkenntnis
2.2 Soziologie der Kritik
2.3 Kritische Soziologie
3 Rosas Theorie der Beschleunigung
3.1 Wachstum und Beschleunigung
3.2 Das Grundversprechen der Moderne
3.3 Die Gefahr der Beschleunigungsprozesse
4. Resümee
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der Soziologie als kritische Instanz innerhalb moderner Gesellschaften und analysiert, ob diese lediglich beobachtend oder aktiv gesellschaftskritisch agieren sollte. Dabei dient Hartmut Rosas Theorie der Beschleunigung als theoretische Grundlage, um die Zwänge des modernen Kapitalismus und deren Auswirkungen auf das gelingende menschliche Leben zu beleuchten.
- Debatte um die Rolle der Soziologie: Beobachtung vs. Kritik
- Problem der Wertneutralität in der soziologischen Forschung
- Hartmut Rosas Theorie der Beschleunigung als Diagnoseinstrument
- Zusammenhang von Kapitalismus, Wachstumszwang und Beschleunigung
- Gefahren beschleunigter Prozesse für die gesellschaftliche Reproduktion
Auszug aus dem Buch
3.1 Wachstum und Beschleunigung
Kapitalistische Gesellschaften zielen stets auf Wachstum ab. Das erklärte höchste Ziel ist die ständige Steigerung von Produktivität. Die Wachstumsfrage hat dabei Vorrang vor allen anderen Fragen. In dieser uneingeschränkten Priorität des Wachstums sieht Rosa bereits einen entscheidenden Widerspruch zu dem Versprechen der Moderne. Das kapitalistische System schafft den Wachstumszwang und steigert ihn in einem Maße, in dem er von den Bedürfnissen völlig unabhängig wird und unaufhaltsam weiter wächst. Dabei ist eben gerade die Überwindung materieller Zwänge das Versprechen, durch das die kapitalistische Vergesellschaftung ihr Legitimation erhält.
Obwohl der Wachstumszwang selbstverständlich scheint und von den Subjekten oft nicht in Frage gestellt wird bringt er einige Konsequenzen mit sich. Eine folgenschwere Konsequenz ist, „dass wir als Akteure in solchen Gesellschaften gezwungen sind, jedes Jahr mehr zu produzieren, mehr zu zirkulieren und mehr zu konsumieren“16. Der Zwang zum Wachstum wirkt sich dabei unvermeidlich auf die Lebensführung der Akteur/innen aus, so dass auch sich auch Konsumverhalten zunimmt.
Neben dem Wachstum charakterisiert die ständige Beschleunigung die kapitalistische Vergesellschaftung. So wird nicht nur immer mehr produziert und konsumiert, sondern diese Vorgänge gehen auch immer schneller. Wachstum und Beschleunigung sind dabei eng miteinander verbunden. Laut Rosas Theorie spiegelt sich die Beschleunigung auf verschiedenen Ebenen wieder: technische Beschleunigung, Beschleunigung des sozialen Wandels und Beschleunigung des Lebenstempos.
Beschleunigung bedeutet Zeitersparnis und bringt damit in kapitalistischen Gesellschaften einen Wettbewerbsvorteil mit sich. „Zeit ist Geld lautet die einfache zeitliche Grundformel des Kapitalismus“17
Die Verknüpfung von Wachstum und Beschleunigung ist das, über alle Epochen hinweg bestehende, Wesensmerkmal des Kapitalismus. Daher prägen beide Phänomene essentiell die Lebensführung der Akteur/innen in kapitalistisch vergesellschafteten Systemen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung stellt die Wiederbelebung einer kritischen Soziologie in den Kontext der modernen Kapitalismuskritik und führt in Hartmut Rosas Theorie der Beschleunigung als zentralen Analysegegenstand ein.
2 Kritische Soziologie oder Soziologie der Kritik?: Das Kapitel diskutiert die wissenschaftstheoretische Kontroverse um die Position der Soziologie, wobei zwischen einer rein beobachtenden "Soziologie der Kritik" und einer aktiv intervenierenden "Kritischen Soziologie" unterschieden wird.
2.1 Wertneutralität soziologischer Erkenntnis: Hier wird die Unmöglichkeit einer vollständig wertneutralen Sozialforschung dargelegt, da die soziale Identität der Forschenden stets ihre Wahrnehmung beeinflusst.
2.2 Soziologie der Kritik: Dieser Abschnitt erörtert Georg Vobrubas Position, dass Soziologie sich auf die Beobachtung gesellschaftlicher Kritik beschränken sollte, um ihren wissenschaftlichen Anspruch zu wahren.
2.3 Kritische Soziologie: Hartmut Rosas Ansatz wird vorgestellt, wonach Kritik als ursprüngliche Wurzel der Soziologie verstanden werden muss, die auf das "gelingende Leben" abzielt.
3 Rosas Theorie der Beschleunigung: Es wird analysiert, wie moderne Gesellschaften durch den Wachstumszwang und die Beschleunigung die Lebensführung der Individuen prägen und Autonomie sowie Authentizität gefährden.
3.1 Wachstum und Beschleunigung: Dieses Kapitel verknüpft das kapitalistische Streben nach Produktivitätssteigerung mit der permanenten zeitlichen Beschleunigung auf allen gesellschaftlichen Ebenen.
3.2 Das Grundversprechen der Moderne: Hier wird argumentiert, dass die Moderne ihr Versprechen auf ein gelingendes Leben durch systemische Zwänge verfehlt, was die Akteure zu einer reinen Wettbewerbsorientierung zwingt.
3.3 Die Gefahr der Beschleunigungsprozesse: Es werden die systemischen Fehlfunktionen und ökologischen sowie sozialen Gefahren aufgezeigt, die durch eine unaufhaltsame Beschleunigung im spätmodernen Kapitalismus entstehen.
4. Resümee: Die Arbeit schließt mit dem Fazit, dass Soziologie einen kritischen Anspruch verfolgen sollte, um systemische Fehlentwicklungen des Kapitalismus aufzuzeigen und gesellschaftliche Selbstreflexion anzuregen.
Schlüsselwörter
Kritische Soziologie, Hartmut Rosa, Theorie der Beschleunigung, Kapitalismus, Wachstumszwang, Soziologie der Kritik, gelingendes Leben, Wertneutralität, Moderne, Wettbewerbsfähigkeit, gesellschaftliche Emanzipation, Systemzwänge, Sozialkritik, gesellschaftlicher Wandel, Reproduktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der theoretischen Debatte über die Rolle der Soziologie und untersucht speziell, ob diese Wissenschaft eine aktive, gesellschaftskritische Funktion einnehmen sollte oder sich auf eine beobachtende Rolle beschränken muss.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Legitimation soziologischer Forschung, das Problem der Wertneutralität, die Kritik am Kapitalismus und die Analyse der durch Hartmut Rosa beschriebenen Beschleunigungsprozesse in der Moderne.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, auf Basis von Hartmut Rosas Thesen zu begründen, warum eine kritische Soziologie notwendig ist, um systemische Fehlentwicklungen der modernen Gesellschaft sichtbar zu machen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die theoretische Analyse und Literaturdiskussion, insbesondere unter Einbeziehung der Debatte zwischen Soziologen wie Hartmut Rosa, Georg Vobruba und Stephan Lessenich.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die methodische Reflexion über die Rolle der Soziologie (kritisch vs. beobachtend) sowie die detaillierte Darstellung von Rosas Theorie der Beschleunigung und deren Auswirkungen auf das menschliche Leben.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Kritische Soziologie, Theorie der Beschleunigung, Kapitalismuskritik, Wertneutralität und das Ideal eines gelingenden Lebens.
Wie bewertet der Autor das Argument der Wertneutralität?
Der Autor entkräftet das Postulat der Wertneutralität mit dem Hinweis, dass jeder Forscher ein soziales Subjekt ist und somit keine absolut objektive, "voreingenommene" Distanz zum Forschungsobjekt einnehmen kann.
Warum sieht Rosa eine Gefahr in der Beschleunigung?
Rosa argumentiert, dass eine permanente Beschleunigung das Ökosystem überlastet und zu ungleichen Entwicklungen in den Teilsystemen der Gesellschaft führt, was die langfristige Reproduktion des kapitalistischen Systems gefährdet.
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- Anonym (Autor:in), 2010, Kritische Soziologie. Hartmut Rosas Theorie der Beschleunigung, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/294815