„Hier ist das jüngste Deutschland der Reinen und Reifenden, hier ist unsere Zukunft und unser Schicksal“, schrieb 1934 der Reichsjugendführer Baldur von Schirach in einem Geleitwort zu Heinrich Hoffmans Bildband „Jugend um Hitler“. In dessen Zuge beschwor er die völlige Ergebung einer nationalsozialistischen Jugend zu Adolf Hitler. So folgerte von Schirach weiter, dass „[...] hier noch ein anderes [ist], das kein Gesetz befehlen, kein Staatsmann kommandieren kann: die Liebe der Jugend. Kein Deutscher hat in solchem Ausmaß die Jugend wirklich besessen wie der Führer.“
Der umfassende Besitzanspruch der in diesen Worten zum Ausdruck kommt, gehört zu den greifbarsten Charakteristika des Nationalsozialismus, dem sich die deutsche Jugendgeneration der Zwanziger und Dreißiger Jahre ausgesetzt sah. Einer dieser Jugendlichen war Peter Brückner. Dessen Autobiographie ‚Das Abseits als sicherer Ort. Kindheit und Jugend zwischen 1933 und 1945‘ schildert den zunehmenden Zugriff des Regimes in die Bildung und in weite Lebensbereiche der Jugendlichen, sowie die vereinzelten Versuche sich diesem Zugriff zu entziehen.
„Wie bildet sich ein Antifaschist im Wildwuchs [...]“ fragte Brückner rückblickend, und „[…] wie wird aus ihm später eine politische Existenz?“ Diese spezielle politische Existenz ist im Bezug zu Peter Brückner eine Kernfrage, die den Hintergrund, die Intention und den Zweck seiner Autobiographie erhellt.
Inhalt
1. Einleitung
2. Die Autobiographie als Quelle für den Nationalsozialismus
3. Peter Brückner zwischen Nationalsozialismus und Deutschem Herbst
3.1. Der Staats- und Systemkritiker
3.2. Aufbau und Struktur der Autobiographie Brückners
4. Das Abseits als sicherer Ort
5. Ergebnisse und Fazit der Untersuchung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand der Autobiographie von Peter Brückner, wie individuelle Bildungsbiographien im Nationalsozialismus verliefen und inwieweit persönliche Rückzugsorte oder "Abseits"-Existenzformen als Widerstandsstrategien gegen die totalitäre Vereinnahmung durch das NS-Regime gedeutet werden können.
- Analyse der Autobiographie als historische Quelle im interdisziplinären Kontext.
- Untersuchung von Bildungs- und Politisierungsprozessen im Nationalsozialismus.
- Identifizierung von Widerstandsformen wie Dissidenz, Ironie und innerer Emigration.
- Reflexion des Spannungsfeldes zwischen individueller Anpassung und dem "Abseits" als sicherer Ort.
Auszug aus dem Buch
3.1.DER STAATS- UND SYSTEMKRITIKER
Als Theoretiker des linken Spektrums analysierte Brückner vornehmlich die bürgerlichen Entwicklungs- und Soziologiestrukturen, sowie die Psychologie der politischen Kultur. Indem Brückner aber im Nachgang der Gewalteskalation des Deutschen Herbstes 1977 weiterhin das politische Mandat von Wissenschaft propagierte, Terrorismus thematisierte und das Gewaltmonopol des Staates kritisierte, rückte er in den Focus einer aufgeheizten medialen und politischen Auseinandersetzung. „Es ist an der Zeit, innere Monologe zu veröffentlichen“18, schrieb Brückner zur Mescalero-Affäre, die seine zweite Suspendierung verursachte. Der reflektierende Charakter steht in dieser Schaffensphase Brückners wesentlich im Vordergrund und bildet den ersten Verknüpfungspunkt zu seiner kurz danach veröffentlichten Autobiographie.
„Wenn ein Wissenschaftler Hochschullehrer, mithin Staatsbeamter und als solcher Objekt von Maßnahmen seines Dienstherrn wird, verdreifacht er sich: Er wird Person, wissenschaftlicher Produzent und Fall“,19 schrieben in kollegialer Solidarität die Wissenschaftler Krovoza, Oestmann und Ottomeyer, die in der Aufsatzsammlung ‚Über Peter Brückner‘ exemplarisch „den Versuch, die Wissenschaft dem [sic!] Definitionsmonopol von Politikern, Regierungs- und Verwaltungsjuristen zu unterwerfen“20 anprangerten, um darüber hinaus auf die andauernden Disziplinarverfahren und Suspendierungen Brückners hinzuweisen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Thematik der Jugend im Nationalsozialismus ein und erläutert den wissenschaftlichen Fokus auf Peter Brückners Autobiographie.
2. Die Autobiographie als Quelle für den Nationalsozialismus: Das Kapitel untersucht die methodischen Herausforderungen bei der Verwendung autobiographischer Schriften als historische Quelle im Kontext der Widerstandsforschung.
3. Peter Brückner zwischen Nationalsozialismus und Deutschem Herbst: Hier werden der zeitgeschichtliche Kontext und die politische Persönlichkeit Brückners sowie der strukturelle Aufbau seines Werkes beleuchtet.
3.1. Der Staats- und Systemkritiker: Dieses Kapitel analysiert Brückners wissenschaftliches Wirken und seine Rolle in den politischen Auseinandersetzungen der 1970er Jahre.
3.2. Aufbau und Struktur der Autobiographie Brückners: Der Fokus liegt hier auf der chronologischen und inhaltlichen Gliederung, die Brückner zur Analyse seines Sozialisationsprozesses wählt.
4. Das Abseits als sicherer Ort: Die Analyse zeigt auf, wie Brückner das "Abseits" als Schutzraum und Form der Sabotage gegen die allseitige Kontrolle des NS-Regimes nutzt.
5. Ergebnisse und Fazit der Untersuchung: Das Kapitel fasst die Erkenntnisse über individuelle Widerstandsprozesse zusammen und ordnet Brückners Lebensgeschichte in den größeren Kontext der NS-Erziehung ein.
Schlüsselwörter
Nationalsozialismus, Peter Brückner, Autobiographie, Widerstand, Sozialisation, Hitlerjugend, Systemkritik, Pädagogik, Identität, Dissidenz, Innere Emigration, Bildungsgeschichte, Herrschaft, Machtstrukturen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Autobiographie von Peter Brückner, um zu verstehen, wie Jugendliche im Nationalsozialismus Bildungs- und Politisierungsprozesse durchliefen und Widerstand leisteten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis zwischen Individuum und totalitärer Herrschaft, die Bedeutung autobiographischer Quellen sowie die Mechanismen des Widerstands und der Anpassung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, anhand von Brückners Kernaussagen das persönliche Bildungsschicksal und die Strategien zur Wahrung der Identität unter dem Druck der NS-Ideologie darzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine interdisziplinäre Analyse autobiographischer Quellen, methodisch angelehnt an die Ansätze von Jürgen Henningsen und Wolfgang Klafki.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der methodischen Einordnung von Autobiographien, Brückners politischem Hintergrund sowie der konkreten Analyse seines "Abseits" als Widerstandsort.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind unter anderem Nationalsozialismus, Sozialisation, Widerstand, Dissidenz, Bildungsgeschichte und Identität.
Welche Rolle spielte der Vater in Peter Brückners Jugend?
Der Vater fungierte als moralischer Fixpunkt, der durch seine Bildung und seinen kritischen Geist den Zugang zur Literatur ermöglichte und so entscheidend zur Distanz Brückners zum NS-Regime beitrug.
Warum wird das Konzept des "Abseits" als sicher bezeichnet?
Das "Abseits" war für Brückner ein Rückzugsraum, in dem er sich der allseitigen Kontrolle und Indoktrination des NS-Staates entziehen konnte, um eine eigene Identität zu bewahren.
Inwiefern beeinflusste die "Mescalero-Affäre" die Sicht auf Brückners Autobiographie?
Die Affäre und Brückners darauffolgende Suspendierung rückten ihn in den Fokus der Kritik, was eine direkte Verbindung zwischen seiner wissenschaftlichen Systemkritik und der rückblickenden Darstellung seiner Kindheit herstellt.
- Arbeit zitieren
- Frank Hainke (Autor:in), 2014, Abseits (existieren) und Widerstand (denken). Versagen von Bildungs- und Erziehungsgrundsätzen im Nationalsozialismus, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/293390