Mit der Expansionswelle im dritten und zweiten Jahrhundert vor Christus steigt Rom zur Großmacht im Mittelmeerraum auf. Das Ausgreifen zunächst über die gesamte italische Halbinsel und ab 200 vor Christus auch auf das griechische beziehungsweise makedonischen Festland führt dazu, dass die Römer in immer engeren Kontakt zur griechisch-hellenistischen Kultur treten. Lange Zeit ging man in der Wissenschaft davon aus, dass der daraus resultierende kulturelle Austausch ausschlaggebend für die Herausbildung der römischen Literatur war.
Wissenschaftliche Erkenntnisse und vor allem Funde aus der Archäologie zeigen jedoch, dass zu dieser Zeit bereits seit mehr als 100 Jahren Kontakt zu griechischsprachigen Kulturen bestand. Durch Handel oder andere Formen sozialer Interaktion hätten die Römer viel früher Kenntnis von den kulturellen Leistungen ihrer Nachbarn nehmen müssen. Die überlieferten Quellen zeugen allerdings erst ab 240 vor Christus von einem Adaptionsprozess der griechisch-hellenistischen Literatur, der die folgenden Jahrzehnte prägt.
Um der Frage nachzugehen, warum sich gerade zu dieser Zeit eine Kunstform herausbildete, die bis heute tradiert und rezipiert wird, soll in der vorliegenden Arbeit untersucht werden, vor welchem soziokulturellen Hintergrund die Adaption der hellenistischen Literatur stattgefunden hat. Sofern es an einigen Stellen sinnvoll erscheint, werden politische Aspekte mit in die Ausführungen einfließen, sie werden jedoch keine zentrale Stellung einnehmen.
Anhand ausgewählter Biographien, Werk-, Epochen- und Gattungsmerkmalen sollen die gesellschaftlichen Umstände der Zeit analysiert und interpretiert werden. Der Untersuchungszeitraum beschränkt sich auf die Jahre von 240 – 146 vor Christus. Mit der Zerstörung Karthagos und dem Ende der Punischen Kriege bricht eine Zeit an, die sich nach Stimmung, Geiteshaltung und literarischer Produktion erheblich von den Vorjahren unterscheidet.
Aufgrund der fragmentarischen Quellenlage, bezogen sowohl auf einzelne Werke als auch auf die gesamte Epoche, können die folgenden Ansätze oftmals nur interpretativen Charakter erreichen. Um die historischen und vor allem sozialen Hintergründe rekonstruieren zu können, muss zumeist auf die literarischen Quellen selbst und deren Merkmale zurückgegriffen werden. Daher folgt in Kapitel 2 zunächst eine Skizze der relevanten Entwicklungsstufen beider Literaturen mit einigen Besonderheiten
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Literaturgeschichtlicher Hintergrund
2.1 Die hellenistische Literatur
2.2 Die Entstehung der römischen Literatur im dritten und zweiten Jahrhundert vor Christus
3 Soziokulturelle Analyse
3.1 Die römische Gesellschaft im dritten und zweiten Jahrhundert vor Christus
3.2 Soziale Ursachen der Herausbildung der römischen Literatur
3.2.1 Die Rolle des Adels
3.2.2 Staatliche und gesamtgesellschaftliche Aspekte der Literaturentwicklung
4 Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht den soziokulturellen Hintergrund der Entstehung der römischen Literatur im dritten und zweiten Jahrhundert vor Christus. Dabei wird der Frage nachgegangen, vor welchem gesellschaftlichen Kontext die Adaption der hellenistischen Literatur stattfand und warum sich gerade in dieser Zeit eine bis heute rezipierte Kunstform in Rom herausbildete.
- Rolle des Adels und Mäzenatentum
- Soziale und politische Instrumentalisierung von Literatur
- Akkulturationsprozess durch hellenistische Einflüsse
- Identitätsstiftung der römischen Führungsschicht
- Entwicklung von der Mündlichkeit zur schriftlichen Tradition
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Die Rolle des Adels
Die militärischen Erfolge gegen Karthago und hellenistische Königreiche verhelfen den wohlhabenden Familien zu noch mehr Reichtum. Der zunehmende Wohlstand und die damit entstehende Aufgeschlossenheit für die neuen Künste sorgt dafür, dass sich Literatur und Dichtung herausbilden und formen kann. Symptomatisch kann hier Appius Claudius Caecus genannt werden, der das Bedürfnis der Nobilität nach Kunst exemplarisch verkörpert. Auch den Kunstraub in den eroberten griechischen Gebieten sieht Jörg Rüpke als Zeichen der Attraktivität der neuen Kultur.
Obgleich dieses Vorgehen gängige Kriegspraxis darstellt, ist die Wertschätzung durch wohlhabende Römer unumstritten. Innenpolitisch prägen das Ende der Ständekämpfe und damit eine innere Konsolidierung, inklusive der Etablierung der neuen Adelsschicht, der Nobilität, das gesellschaftliche Bild. Im Allgemeinen bleibt jedoch auch das dritte und zweite Jahrhundert vor Christus durch eine aristokratische Sozialordnung bestimmt.
All diese Errungenschaften verleihen der aufstrebenden Großmacht ein neues Selbstbild, das ein Bedürfnis, getragen vor allem von der Oberschicht, nach einer Kunstform erweckte, die diese Ereignisse und Taten in angemessener Weise bekundet und für die Nachwelt überliefert.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Fragestellung ein, wie der soziokulturelle Kontext die Adaption hellenistischer Literatur durch Rom im 3. und 2. Jahrhundert vor Christus beeinflusste.
2 Literaturgeschichtlicher Hintergrund: Dieses Kapitel skizziert die Entwicklung der griechischen Literatur sowie den Beginn der römischen Literatur ab 240 vor Christus als Adaptionsprozess.
3 Soziokulturelle Analyse: Hier wird untersucht, wie soziale Strukturen, insbesondere der Adel, und staatliche Erfordernisse die Herausbildung und Instrumentalisierung römischer Literatur förderten.
4 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Entstehung der römischen Literatur eine notwendige Antwort auf die gesellschaftlichen und politischen Transformationsprozesse der aufstrebenden Großmacht darstellte.
Schlüsselwörter
Römische Literatur, Hellenisierung, Nobilität, Soziokulturelle Analyse, Livius Andronicus, Ennius, Akkulturation, Aristokratie, Identitätsstiftung, Literatursoziologie, Auftragsdichtung, Antike, Kulturgeschichte, Römische Republik, Machtlegitimation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Entstehung der römischen Literatur im 3. und 2. Jahrhundert vor Christus unter Berücksichtigung soziokultureller Einflussfaktoren.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Rolle der römischen Führungsschicht, der Einfluss griechischer Literatur auf die römische Identität und die Instrumentalisierung von Kunst für politische Zwecke.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu erklären, vor welchem soziokulturellen Hintergrund die Adaptation der hellenistischen Literatur stattfand und welche gesellschaftlichen Bedürfnisse dabei befriedigt wurden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen kulturwissenschaftlichen und soziologischen Ansatz, um literarische Zeugnisse in den Kontext der damaligen gesellschaftlichen Umstände einzuordnen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der römischen Gesellschaft, der Funktion des Adels als Mäzene und den staatlichen sowie gesellschaftlichen Aspekten der Literaturentwicklung.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Akkulturation, Nobilität, Identitätsstiftung, Aristokratie und die Interaktion von Literatur und Politik.
Welche Rolle spielt Livius Andronicus in der Argumentation?
Er gilt als einer der ersten großen Akteure, der durch seine Auftragsdichtung die Verbindung zwischen griechischer Kunstform und römischen staatlichen Feierlichkeiten wie den ludi romani herstellte.
Wie bewertet der Autor die griechischen Vorbilder?
Der Autor zeigt auf, dass es sich nicht um eine bloße kulturelle Unterlegenheit handelte, sondern um eine bewusste Instrumentalisierung griechischer Formen zur Homogenisierung und Festigung der eigenen aristokratischen Identität.
Was besagt die These zur „innovativen Rückwärtsgewandtheit“?
Dieser Begriff beschreibt das Bedürfnis hellenistischer Epochen, griechische kulturelle Identität durch Rekurs auf Traditionen in einer sich wandelnden Welt zu bewahren und zu legitimieren.
Inwiefern beeinflussten Kriege die Literatur?
Militärische Erfolge und die damit verbundene territoriale Ausdehnung Roms führten zu einem gesteigerten Bedürfnis nach Repräsentation und einer gezielten Nutzung von Literatur zur Verherrlichung nationaler Taten.
- Quote paper
- Christoph Kehl (Author), 2012, Aspekte eines soziokulturellen Analyserahmens für die Entstehung der römischen Literatur im dritten und zweiten Jahrhundert vor Christus, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/292982