Rund 33% der deutschen Bevölkerung leidet jedes Jahr an einer oder mehreren psychischen Erkrankungen (vgl. Jachertz, 2013, S. 269). Psychische Erkrankungen treten oft zusammen mit anderen Krankheiten auf und können für Menschen folglich einen schweren Einschnitt im Leben bedeuten. Diese Belastung kann zu langfristigen und wiederholten Ausfällen von Arbeitnehmern führen. Für betroffene Menschen und ihre Umgebung ist es oft ein langer Weg des Leidens, wobei der soziale Kontakt massive Einbußen erfährt.
In Deutschland leben ca. 16,3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, die eben-falls psychische Erkrankungen aufweisen können (Statistisches Bundesamt, 2012). Laut Bermejo u. a. (2011, S. 209) erleiden diese mindestens genauso häufig psychische Erkrankungen wie die deutsche Bevölkerung. Doch wie häufig psychotherapeutische Behandlungen bei Menschen mit Migrationshintergrund erfolgen und wie es aktuell um die psychotherapeutische Versorgung von Migrantinnen und Migranten in Deutschland steht, wurde bisher kaum untersucht. Die Ursachen für die Entwicklung psychischer Erkrankungen sind hingegen bekannter. So muss das eigene Heimatland zumeist aus der Not heraus verlassen werden und zudem bestehen Sprach- und Kulturprobleme im Aufnahmeland. Die psychotherapeutische Behandlung ist daher für den Erhalt der psychischen Gesundheit vieler Migrantinnen und Migrantinnen und Migranten in Deutschland die einzige Möglichkeit.
Die vorliegende Arbeit befasst sich überwiegend mit der Behandlung von Migrantinnen und Migranten, jedoch können auch bei Menschen mit Migrationshintergrund, die in zweiter oder dritter Generation in Deutschland leben, sprachliche und kulturelle Verständigungsprobleme bestehen. Daher handelt es sich bei „Migranten“ um ein Oberbegriff für Menschen deren Muttersprache nicht die deutsche Sprache ist. Zusätzlich wird im Nach-folgenden, zur Vermeidung unnötiger Länge dieser Arbeit, der Begriff „Migranten“ verwendet, wobei ausdrücklich und gendergerecht immer von Migrantinnen und Migranten die Rede ist.
Auf Grundlage der Fragestellung „Warum ist die interkulturelle Kommunikation in einer psychotherapeutischen Sitzung, elementar für die erfolgreiche Versorgung von Migrantinnen und Migranten?“ werden zunächst Begrifflichkeiten erläutert, um eine definierte Arbeitsgrundlage zu schaffen. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Migration
1.2 Interkulturelle Psychotherapie
2. Bedeutung der sprachlichen Verständigung im psychotherapeutischen Setting
2.1 Grundlagen Interkultureller Kommunikation
2.1.1 Der Begriff „Kultur“
2.1.2 Der Begriff „Interkulturelle Kommunikation“
2.1.3 Die Funktion der Sprache
2.2 Das Interview mit Frau K.
2.2.1 Darstellung der Fragestellung
2.2.2 Methodik und Durchführung des Interviews
2.2.3 Fallstudie – Frau K.
2.3 Zweitsprache - das Betreten einer anderen Wirklichkeit
2.4 Muttersprachliche Psychotherapie
3. Sprach- und Kulturmittler
3.1 Grundsätze für die psychotherapeutische Versorgung
3.2 Kooperation zwischen Therapeut - Dolmetscher - Patient
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die zentrale Bedeutung der interkulturellen Kommunikation für eine erfolgreiche psychotherapeutische Versorgung von Migrantinnen und Migranten unter besonderer Berücksichtigung sprachlicher Hürden.
- Bedeutung der kulturellen Identität im therapeutischen Prozess
- Analyse sprachlicher Barrieren und deren Auswirkungen auf die Behandlungsqualität
- Evaluierung der Rolle von Sprach- und Kulturmittlern im Setting
- Vergleich von muttersprachlicher Psychotherapie versus Therapie in der Zweitsprache
Auszug aus dem Buch
2.2.3 Fallstudie – Frau K.
Frau K. ist 35 Jahre alt und gemeinsam mit ihren sechs älteren Geschwistern in Kabul, der Hauptstadt Afghanistans, aufgewachsen. Vor zwölf Jahren mussten sie und ihre Familie vor dem Bürgerkrieg ihres Heimatlandes nach Deutschland fliehen, wo sie in Hamburg untergekommen sind. Bereits ein Jahr später heiratete sie einen afghanischen Mann mit deutscher Staatsangehörigkeit, um ihren Verbleib in Deutschland zu sichern. Frau K. trennte sich jedoch nach zwei Jahren Ehe von ihrem nicht aus Liebe geheirateten Mann. In ihrer Kultur hat die Trennung eines Ehepaares sehr negative Auswirkungen auf das als wichtig geltende Ansehen des gesamten familiären Umfeldes. Oftmals sind die Ursachen ausschließlich bei der Familie der Frau anzusiedeln, da die Frau für vieles die Verantwortung trägt. Aus diesem Grund zog sich Frau K. immer mehr von der Familie zurück und kämpfte mit tiefen Schuldgefühlen und einer schweren Depression.
Nach einem Besuch ihres muttersprachlichen Hausarztes erhielt sie eine Überweisung zum Psychotherapeuten. Die erste Therapie brach sie nach zwei Sitzungen ab, da der Therapeut nicht ihren Vorstellungen entsprach. Ein guter Therapeut muss laut Frau K. ihre Kultur und Religion kennen, aber auch ihre Muttersprache sprechen. Diesen hat sie bisher nicht gefunden. „Einen richtigen Therapeuten zu finden ist aber auch sehr schwer.“
Ein Jahr später begann Frau K. nach anfänglichen Misstrauen eine weitere Therapie. Sie konnte sich auf den neuen Psychiater viel besser einlassen, obwohl die sprachlichen, kulturellen und religiösen Hindernisse bestehen blieben. Die freundlich entgegenkommende und zugleich professionelle Art hatte sie von der Fähigkeit des Psychiaters überzeugt. So war es ihr folglich möglich Vertrauen zum Therapeuten aufzubauen, welches für Frau K. höchste Priorität hat. „Also als Patient braucht man wirklich da jemanden, den du vertrauen kannst, auf den du dich verlassen kannst. Und das ist nur dein Therapeut.“ In ihrer dreijährigen Therapie sind jedoch einige kulturelle und sprachliche Missverständnisse aufgetreten. Ihre Scheidung wurde anders bewertet, als Frau K. es mit ihrem kulturellen Hintergrund vereinbaren konnte. „Nein, es ist bei uns nicht normal und das ist schlimm, wenn man sich scheiden lässt“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Relevanz der psychotherapeutischen Versorgung von Migrantinnen und Migranten ein und definiert den zentralen Untersuchungsrahmen.
2. Bedeutung der sprachlichen Verständigung im psychotherapeutischen Setting: Dieses Kapitel erläutert die theoretischen Grundlagen der interkulturellen Kommunikation und analysiert anhand der Fallstudie von Frau K., wie sprachliche Hürden den Therapieprozess beeinflussen.
3. Sprach- und Kulturmittler: Hier wird die Notwendigkeit und methodische Umsetzung des Einsatzes von Sprachmittlern in der therapeutischen Beziehungsgestaltung erörtert.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Notwendigkeit einer systemischen Verbesserung und einer verstärkten Berücksichtigung kultureller Kompetenzen im deutschen Gesundheitssystem zusammen.
Schlüsselwörter
Migration, Psychotherapie, interkulturelle Kommunikation, Sprachbarrieren, Kulturmittler, Fallstudie, psychische Gesundheit, therapeutische Beziehung, Muttersprache, Zweitsprache, Migrationshintergrund, Identität, transkultureller Übergangsraum.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Herausforderungen bei der psychotherapeutischen Behandlung von Migranten, speziell fokussiert auf die Rolle sprachlicher Verständigung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt Themen wie kulturelle Identität, psychische Erkrankungen bei Migranten, Sprachbarrieren und die Effektivität interkultureller Therapiesettings.
Was ist die Forschungsfrage?
Die zentrale Frage lautet: Warum ist interkulturelle Kommunikation in einer psychotherapeutischen Sitzung elementar für die erfolgreiche Versorgung von Migrantinnen und Migranten?
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit nutzt eine qualitative Methodik, basierend auf Literaturanalyse sowie einer vertieften Fallstudie durch ein leitfadengestütztes Interview.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Begriffsbestimmungen (Kultur, Kommunikation, Sprache) und die praktische Fallanalyse einer Migrantin.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Interkulturelle Psychotherapie, Migration, Sprachbarrieren, Kulturmittler und therapeutische Beziehung sind die Kernbegriffe.
Warum ist laut der Fallstudie das Vertrauensverhältnis so entscheidend?
Frau K. betont, dass ein Therapeut, der sowohl ihre Kultur versteht als auch ihre Muttersprache spricht, die notwendige Basis für Offenheit schafft, da kulturelle Nuancen sonst missverstanden werden können.
Welche Rolle spielt die Muttersprache im therapeutischen Setting?
Die Muttersprache dient als sicherer Ort, der es Patienten ermöglicht, komplexe Emotionen und kulturelle Hintergründe präzise auszudrücken, was in einer Zweitsprache oft nur oberflächlich gelingt.
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- Anonym (Author), 2014, Zur Bedeutung von Sprachschwierigkeiten in der psychotherapeutischen Versorgung von Migrantinnen und Migranten, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/288113