Der etwa um 1500 entstandene „Fortunatus“ war auch aufgrund des etwa zur gleichen Zeit entstandenen Buchdruckverfahrens einer der ersten Bestseller der frühen Neuzeit. Das Buch kann als direkter Vorläufer des modernen Romans gesehen werden, da es sich vor allem durch seine Fiktionalität, Komplexität und Realitätsnähe auszeichnet. Gleichzeitig spiegelt die Handlung auch die Diskurse der Zeit des anonymen Verfassers wieder.
Besonderes Augenmerk soll hier auf die Reisen des Fortunatus gerichtet werden, beziehungsweise auf das neue Motiv des Reisens in der frühen Neuzeit. Der Beginn der Neuzeit ist auch der Beginn eines Zeitalters der Reisen, was vor allem durch vielen die Entdeckungsreisen dieser Zeit belegt werden kann. Das im Mittelalter eher negativ konnotierte Motiv des Reisens, die curiositas, die man im Sinne des sinn- und ziellos Umherschweifens verstand, bekommt in der frühen Neuzeit einen neuen Bedeutungshorizont. Das Reisen aufgrund von curiositas und nicht nur zur Vertiefung des Glaubens, dient nun ebenso wie ratio der Erkenntnis, der Erweiterung des kulturellen Wissens. Dieses Motiv des Reisens ist auch immer wieder Gegenstand der Literatur und wird, wie man im Kontrast zum, etwa zu gleichen Zeit entstandenen, „Narrenschiff“ von Sebastian Brandt zum „Fortunatus“ sieht, sehr unterschiedlich reflektiert.
Inhaltsverzeichnis
1. „Fortunatus“ als erster Roman?
2. Vergleich mit „Erec“ und dem „Alexanderroman“
2.1. Die aventiure in „Erec“
2.2. Der Reisebericht im „Alexanderroman“
3. Vergleich mit dem „Fortunatus“
3.1. Reisen vor Erhalt des seckels
3.2. Reisen nach Erhalt des seckels
3.3. Direkter Vergleich mit dem Reisebericht Alexanders
4. Reisen zum Selbstzweck?
5. Der wahre Nutzen des seckels
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Reisemodell des „Fortunatus“ im Kontext der frühen Neuzeit und setzt dieses in einen vergleichenden Bezug zu klassischen mittelalterlichen Reisekonzepten. Dabei wird analysiert, wie der Protagonist bestehende literarische Schemata wie die aventiure und die mittelalterliche Forschungsreise aufgreift, jedoch unterläuft, um ein neuzeitliches Verständnis von Reisen als Mittel zum Erwerb von Lebenserfahrung und kaufmännischem Wissen zu etablieren.
- Analyse des Reisemotivs in der frühen Neuzeit gegenüber dem Mittelalter.
- Kontrastiver Vergleich zwischen dem Fortunatus-Reiseprofil und den Modellen aus „Erec“ und dem „Alexanderroman“.
- Untersuchung der Rolle von ökonomischen Faktoren und pragmatischem Erfahrungswissen.
- Deutung des Glücksseckels nicht nur als Reichtumsquelle, sondern als Ermöglichung von Lebenserfahrung.
- Reflexion über den Wandel von ritterlicher Tugend hin zum bürgerlichen Erfolg in der Literatur.
Auszug aus dem Buch
3.1. Reisen vor Erhalt des seckels
Dabei fällt als erstes der Beginn von Fortunatus Reisen ins Auge: Er verlässt als junger Mann sein verarmtes Elternhaus und zieht in die Welt aus um sein Glück zu suchen. Was zuerst an einen Märchenanfang denken lässt, enthält vor allem einen engen Bezug zum Modell der aventiure. Erec und Fortunatus verlassen beide ohne ein bestimmtes Ziel ihr Zuhause, doch während Erec einen Ausgleich sucht, spekuliert Fortunatus auf eine Verbesserung seiner Gesamtsituation. Fortunatus erhofft sich durch den Fortgang einen Teil des „glüks in dieser welt“, und er glaubt es durch Fähigkeiten und Arbeit erreichen zu können. Erec jedoch ist von Anfang an durch seinen Ritterstatus für die aventiuren qualifiziert, die êre die er zurückerlangen muss, hatte er ja bereits. Die Räume, die Fortunatus in der folgenden Handlung durchläuft, können als Exempel für die damalige Welt gesehen werden: Der Hof anhand des Grafen von Flandern, die Stadt anhand Londons und dem Haus des Jeronimus Roberti und schließlich die Wildnis im bretonischen Wald. In den beiden von Menschen bewohnten Räumen macht er durchweg schlechte Erfahrungen ob als Diener oder „Arbeitsloser“ und das trotz guter Absichten und Fähigkeiten. Der Wald hingegen ist von den Menschen verlassen, das wird durch verlassene Glaserhütte deutlich gemacht und es zeigt sich, dass auch Fortunatus dort nicht überlebensfähig ist. Er verirrt sich, kann sich kaum gegen den wilden Bär durchsetzen und droht schließlich zu verhungern. An diesem Tiefpunkt in der Biographie des Fortunatus‘ tritt plötzlich wieder das Märchenelement auf den Plan: Die Glücksjungfrau erscheint und hilft ihm nicht nur wieder aus dem Wald heraus, sondern schenkt ihm auch das seckel, das Fortunatus Probleme auf einen Schlag zu lösen scheint.
Zusammenfassung der Kapitel
1. „Fortunatus“ als erster Roman?: Das Kapitel führt den „Fortunatus“ als bedeutendes Werk der frühen Neuzeit ein und kontrastiert das mittelalterliche Reisemotiv der curiositas mit dem aufkommenden neuzeitlichen Verständnis der Wissenserweiterung.
2. Vergleich mit „Erec“ und dem „Alexanderroman“: Hier werden zwei klassische mittelalterliche Texte herangezogen, um das Modell der ritterlichen aventiure und der Forschungsreise als theoretischen Rahmen für die anschließende Untersuchung des „Fortunatus“ zu etablieren.
3. Vergleich mit dem „Fortunatus“: In diesem zentralen Teil wird das Reisemodell des „Fortunatus“ in drei Unterkapiteln auf seine Entsprechungen oder Abweichungen zu den zuvor definierten mittelalterlichen Modellen hin analysiert.
4. Reisen zum Selbstzweck?: Der Fokus liegt auf der ökonomischen Dimension der Reisen und der Bedeutung von Erfahrungswissen, das im „Fortunatus“ an die Stelle traditioneller Tugenden tritt.
5. Der wahre Nutzen des seckels: Das Kapitel schließt mit der Erkenntnis, dass der eigentliche Gewinn des Protagonisten nicht im materiellen Reichtum liegt, sondern in der durch das Reisen erworbenen Lebenserfahrung und der Kompetenz, seinen Besitz klug zu verwalten.
Schlüsselwörter
Fortunatus, Reisemodell, Frühe Neuzeit, Erec, Alexanderroman, aventiure, Forschungsreise, Glücksseckel, Ökonomie, Erfahrungswissen, Literaturgeschichte, Romanvorläufer, Mittelalter, curiositas, Sozialer Aufstieg.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das spezifische Reisemodell des literarischen Werks „Fortunatus“ im Kontext des Übergangs vom Mittelalter zur frühen Neuzeit.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind der Wandel von Reisemotiven, die Rolle von ökonomischen Faktoren in der Literatur und die Entwicklung der Figur vom ritterlichen Helden zum bürgerlichen Aufsteiger.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu analysieren, wie der „Fortunatus“ traditionelle Reisemodelle wie die aventiure aufgreift, um sie bewusst zu unterlaufen und durch ein neuzeitliches Modell der Wissens- und Erfahrungssuche zu ersetzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Autorin verwendet eine literaturwissenschaftliche komparative Methode, bei der der „Fortunatus“ mit klassischen Texten des Mittelalters, namentlich „Erec“ und dem „Alexanderroman“, verglichen wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden die Reisen des Fortunatus vor und nach Erhalt des Glücksseckels detailliert analysiert, inklusive eines direkten Vergleichs mit den Reiseberichten Alexanders des Großen und einer Reflexion über den ökonomischen Nutzen der Reisen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind „Fortunatus“, „Reisemodell“, „Frühe Neuzeit“, „aventiure“, „Glücksseckel“ sowie der Wandel von „Erfahrungswissen“ und ökonomischem Handeln in der Literatur.
Inwiefern unterscheidet sich die Reise des Fortunatus von der eines klassischen Ritters?
Während der Ritter durch aventiure seine soziale Ehre wiederherstellt, motiviert Fortunatus seine Reise durch Reiselust und das Streben nach pragmatischem Wissen, wobei seine Probleme eher existenzieller oder finanzieller Natur sind.
Warum spielt das Glücksseckel laut der Autorin eine so bedeutende Rolle?
Das Glücksseckel ist laut der Autorin ein Schmiermittel, das Fortunatus ermöglicht, sich in der Welt zu bewegen und Erfahrungen zu sammeln, die ihm letztlich mehr wert sind als der materielle Wohlstand selbst.
- Quote paper
- Sophie Strohmeier (Author), 2013, Das Reisemodell des „Fortunatus“ im Vergleich mit klassischen mittelalterlichen Reisemodellen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/287851