Wie kann es passieren, dass die Mutter zweier Kinder in einem Land wie der Bundesrepublik Deutschland keine andere Wahl für ihr Leben sieht, als in den terroristischen Untergrund zu gehen, bzw. ihn mit zu gründen? Welche Komponenten müssen zusammengekommen sein, um einen rational denkenden, sich zum Pazifismus bekennenden Menschen die Worte aussprechen zu lassen: "…natürlich darf geschossen werden."
Um die Entstehung und Entwicklung dieser Ambivalenz beurteilen zu können, bedarf es einer ganzheitlichen Betrachtung des Lebens der Ulrike Meinhof. Beginnend mit dem Elternhaus, den frühen schweren Verlusten in ihrer Kindheit, dem Aufwachsen mit einer Pflegemutter, über ihre Studienzeit, das Engagement gegen Wiederbewaffnung und Atomrüstung bis hin zu ihrer Karriere als Chefredakteurin von "konkret" .
Einen Anteil trägt auch ihr Privatleben, in erster Linie die Beziehung zu Klaus Maria Röhl und ganz wesentlich ist die Einordnung des Menschen Ulrike Meinhof in den jeweiligen zeitlichen und politischen Kontext. Ohne die Zusammenhänge mit der deutschen Geschichte darzustellen, wäre es nicht möglich Ulrike Meinhofs Reaktionen und Entscheidungen zu bewerten.
Im letzten Teil der Hausarbeit werde ich der Frage nachgehen ob es eine stetige Entwicklung in ihrem Leben gab, die zwangsläufig im Terrorismus endete oder es einen alles bestimmenden Auslöser gab.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Familiärer Hintergrund
3. Studienzeit in Marburg
4. Studienzeit in Münster oder "Kampf dem Atomtod"
5. Kommunistin-Eintritt in die KPD
6. Beginn einer Journalistischen Karriere
7. Chefredakteurin
8. Notstandsgesetze
9. Rotbuch II und DFU
10. "Hitler in Euch"
11. Hochzeit
12. 1.Mai-Kundgebung und die Neue Linke
13. Probleme mit dem Arbeitgeber
14. Geburt und Hirntumor
15. Die deutsche Vergangenheitsbewältigung
16. Hörfunk-Ein neues Medium
17. Der Schah und Benno Ohnesorg
18. Rudi Dutschke
19. Gewalt in der Diskussion
20. Ein Kaufhausbrand und seine Folgen
21. Gefangenenbefreiung oder der Anfang vom Ende
22. Rote Armee Fraktion
23. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den Lebensweg von Ulrike Meinhof, um die psychologischen und politischen Faktoren zu identifizieren, die den Wandel einer engagierten Journalistin in eine Terroristin und Mitgründerin der RAF maßgeblich beeinflussten.
- Analyse des familiären Umfelds und biographischer Prägungen
- Einfluss der politischen Atmosphäre der Nachkriegszeit
- Rolle von journalistischer Arbeit und Radikalisierungsprozessen
- Bedeutung von Schlüsselereignissen wie der "Spiegel-Affäre" und dem Attentat auf Rudi Dutschke
- Untersuchung der persönlichen Entscheidung zur Gewaltanwendung
Auszug aus dem Buch
8 Notstandsgesetze
Mittlerweile war die atomare Rüstung für Ulrike Meinhof nur noch ein Nebenschauplatz geworden, denn Anfang 1960 bestimmte der Entwurf eines Notstandsgesetzes den politischen Diskurs in Deutschland. Der Ursprung des Gesetzes liegt im Deutschlandvertrag. Artikel 5 Absatz 2 sagte aus: "die von den drei Mächten bisher innegehabten oder ausgeübten Rechte in Bezug auf den Schutz der Sicherheit von in der Bundesrepublik stationierten Streitkräften, die zeitweilig von den drei Mächten beibehalten werden", würden erlöschen, "sobald die zuständigen deutschen Behörden entsprechende Vollmachten durch die deutsche Gesetzgebung erhalten haben und dadurch in Stand gesetzt sind, wirksame Maßnahmen zum Schutz der Sicherheit dieser Streitkräfte zu treffen, einschließlich der Fähigkeit einer ernstlichen Störung der öffentlichen Sicherheit und Ordnung zu begegnen." Dahinter stand die Absicht, die Versorgung der Bevölkerung und der Streitkräfte im Verteidigungsfall zu gewährleisten; zugleich sollte die Bundesrepublik in die Lage versetzt werden, sich gegen Angriffe aus dem Landesinnern auf ihre Verfassungsordnung zu wehren.
Damit gewährten die westlichen Alliierten Bonn faktische Souveränität, sobald es Gesetze für eventuelle Notfallsituationen beschlossen hätte. Solange es diese Rechtsnormen nicht gab, war es allein den in Deutschland stationierten Streitkräften der Siegermächte erlaubt in einem Gefahrenfall tätig zu werden. Wenn ein Staat für den inneren und äußeren Notstand vorsorgt und im Falle Deutschlands nach zwei verlorenen Weltkriegen seine Souveränität zurückbekommen möchte ist es im Grunde ein ganz normaler Vorgang, Notstandsgesetze zu ratifizieren.
Angesichts der deutschen Vergangenheit im Umgang mit dem Artikel 48 aus der Weimarer Republik erscheint dieser "normale Vorgang" aber in einem ganz anderen Licht. In der Bundesrepublik entbrannte eine heftige Diskussion und Ulrike Meinhof avancierte zu einer Wortführerin gegen die Notstandsgesetze.
Sie schrieb in ihrem Artikel "Notstand? Notstand!" (Nr.18/1960): "Deutschland 1960-jeder Dritte vergleicht es mit dem Deutschland von 1933 […]. […]Wir wollen nicht in den Streit um den Artikel 48 der Weimarer Reichsverfassung einsteigen, ob Hitler vermittels oder trotz dieses Artikels zwölf Jahre deutschen Faschismus institutionalisieren konnte. Jedenfalls gab es ihn und wurde Mißbrauch mit ihm getrieben und jedenfalls kam […] das Ermächtigungsgesetz durch ihn zustande […]."
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Stellt die Forschungsfrage nach den Ursachen für Ulrike Meinhofs Weg in den Terrorismus und kündigt die biographische Analyse an.
2. Familiärer Hintergrund: Beschreibt die Kindheit und Jugend Meinhofs, insbesondere den frühen Tod ihrer Eltern und den Einfluss ihrer Pflegemutter Renate Riemeck.
3. Studienzeit in Marburg: Beleuchtet das Studium, die erste politische Politisierung durch das Atomthema und die Abkehr von der bisherigen konservativen Erziehung.
4. Studienzeit in Münster oder "Kampf dem Atomtod": Thematisiert das Engagement in der Anti-Atombewegung und die zunehmende Entfremdung von akademischen Zielen.
5. Kommunistin-Eintritt in die KPD: Dokumentiert den Eintritt in die illegale KPD und die damit verbundene ideologische Ausrichtung am Sozialismus.
6. Beginn einer Journalistischen Karriere: Beschreibt ihre ersten journalistischen Arbeiten für konkret und ihre Entwicklung zur Fachredakteurin.
7. Chefredakteurin: Schildert ihre Arbeit als Chefredakteurin bei konkret und ihren autoritären Führungsstil.
8. Notstandsgesetze: Analysiert ihre Rolle als scharfe Kritikerin der Notstandsgesetze und deren historische Einordnung.
9. Rotbuch II und DFU: Beschreibt den zunehmenden Antikommunismus in der Bundesrepublik und das Scheitern der DFU bei der Wahl 1961.
10. "Hitler in Euch": Thematisiert ihren Artikel zum Eichmann-Prozess und die resultierenden rechtlichen Auseinandersetzungen mit Franz Josef Strauß.
11. Hochzeit: Berichtet von ihrer Heirat mit Klaus Rainer Röhl und dem Versuch eines bürgerlichen Familienlebens.
12. 1.Mai-Kundgebung und die Neue Linke: Setzt sich mit ihren Beobachtungen zur Entstehung einer neuen Linken und deren Protestformen auseinander.
13. Probleme mit dem Arbeitgeber: Behandelt die Konflikte mit der KPD bezüglich der Linie der Zeitschrift konkret.
14. Geburt und Hirntumor: Beschreibt ihre gesundheitliche Krise und die Geburt ihrer Zwillinge.
15. Die deutsche Vergangenheitsbewältigung: Analysiert ihre Kritik an der mangelnden Aufarbeitung des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik.
16. Hörfunk-Ein neues Medium: Dokumentiert ihren Wechsel zum Hörfunk und ihre intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Heimkinder.
17. Der Schah und Benno Ohnesorg: Thematisiert die Radikalisierung durch den Schah-Besuch und den Tod von Benno Ohnesorg.
18. Rudi Dutschke: Berichtet von der Begegnung mit Rudi Dutschke und ihrer persönlichen Trennung von Röhl.
19. Gewalt in der Diskussion: Analysiert die Debatte innerhalb der Studentenbewegung über die Legitimität von Gewalt.
20. Ein Kaufhausbrand und seine Folgen: Beschreibt ihre Sympathie für die Brandstifter und den Bruch mit bisherigen Lebenskonzepten.
21. Gefangenenbefreiung oder der Anfang vom Ende: Dokumentiert die Planung und Durchführung der Befreiung von Andreas Baader.
22. Rote Armee Fraktion: Beschreibt die Gründung der RAF und ihre eigene Entscheidung für den bewaffneten Untergrund.
23. Fazit: Fasst zusammen, dass Meinhofs Weg in den Terrorismus eine logische Konsequenz ihres Radikalisierungsprozesses aus Enttäuschungen und Ideologie war.
Schlüsselwörter
Ulrike Meinhof, RAF, konkret, Studentenbewegung, Notstandsgesetze, Radikalisierung, KPD, Anti-Atombewegung, politischer Terrorismus, deutsche Geschichte, journalistische Karriere, Klaus Rainer Röhl, Renate Riemeck, Gewaltdebatte, Sozialismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit zeichnet den Lebensweg von Ulrike Meinhof nach, von ihrer Kindheit und journalistischen Karriere bis hin zu ihrem Übergang in den bewaffneten Kampf der Rote Armee Fraktion (RAF).
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Arbeit behandelt Themen wie das Aufwachsen im Nachkriegsdeutschland, die Studentenbewegung der 1960er Jahre, journalistische Ethik, die Debatte um Notstandsgesetze sowie die Entstehung und Legitimierung von politischer Gewalt.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu verstehen, welche biographischen, politischen und gesellschaftlichen Faktoren dazu führten, dass Ulrike Meinhof als engagierte Journalistin den Weg in den Terrorismus einschlug.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor nutzt eine biographisch orientierte, historische Analyse, die sich auf Primärquellen wie Meinhofs Artikel und eine breite Palette an Sekundärliteratur stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich chronologisch und thematisch in 22 Abschnitte, die Meinhofs persönliche Entwicklung, ihre politischen Kolumnen bei konkret und ihr zunehmendes Engagement im außerparlamentarischen und später terroristischen Bereich detailliert beschreiben.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Ulrike Meinhof, Rote Armee Fraktion (RAF), Radikalisierung, konkrete politische Zeitgeschichte und studentischer Widerstand definieren.
Welche Rolle spielte Renate Riemeck in Meinhofs Leben?
Renate Riemeck war Meinhofs Pflegemutter und Mentorin, die ihr ein ausgeprägtes politisches Bewusstsein vermittelte und sie lehrte, für ihre Überzeugungen konsequent einzustehen, was Meinhof später in den Untergrund führte.
Wie bewertet der Autor den Übergang in den Terrorismus?
Der Autor bewertet Meinhofs Entscheidung für den Terrorismus als logische, wenn auch folgenschwere Konsequenz ihres lebenslangen Radikalisierungsprozesses und ihrer zunehmenden Entfremdung von parlamentarischen Prozessen.
Warum war der Kaufhausbrand für Meinhof ein Wendepunkt?
Der Kaufhausbrand war für Meinhof ein Wendepunkt, da sie die Tat als Widerstand gegen das Privateigentum und die gesellschaftliche Gleichgültigkeit sympathisierte, was ihren Bruch mit der bürgerlichen Existenz beschleunigte.
Welche Bedeutung hatte der Tod von Benno Ohnesorg?
Der Tod von Benno Ohnesorg wirkte wie ein Katalysator für die Studentenbewegung und bestätigte Meinhof in ihrer Annahme, dass der Staat repressiv gegen Oppositionelle vorgeht, was ihr Misstrauen gegenüber der Demokratie weiter vertiefte.
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- Alexander Krüger (Author), 2014, Ulrike Meinhof. Der Weg einer Journalistin in den Terrorismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/286993