1830 wurde die erste komplett dampfbetriebene Eisenbahnstrecke im Britischen Empire zwischen Liverpool und Manchester eröffnet. 21 Jahre später demonstrierte Großbritannien auf der ersten Internationalen Weltausstellung in London 1851 seine technologische Überlegenheit gegenüber den anderen Nationen. Dafür wurde eigens der Crystal Palace, ein Palast aus Eisen und Glas, im Hyde Park errichtet. Die „Werkstatt der Welt“ war zu diesem Zeitpunkt die reichste, am schnellsten wachsende, industrialisierteste und urbanisierteste Nation der Welt. Im Folgenden werden die Rahmenbedingungen zu Beginn der Industriellen Revolution sowie die wirtschaftlichen und verkehrstechnischen Entwicklungen in Großbritannien bis 1870 anhand verschiedener Thesen betrachtet. Die Vielzahl günstiger Rahmenbedingungen ermöglichte den Beginn der Industriellen Revolution in Großbritannien. Dazu werden in Kapitel Zwei die wesentlichen Faktoren aufgezeigt, die den Take-off im Mutterland der Industrialisierung begünstigt haben. Die britische Baumwollindustrie gab die Initialzündung und wurde der erste Leitsektor. Im Anschluss wird auch auf die Eisenindustrie, als weiterer Leitsektor, näher eingegangen. Im Schwerpunkt der Arbeit steht die verkehrstechnische Entwicklung bis 1870, insbesondere der Eisenbahnbau. Hierzu beschäftigt sich Kapitel Vier zuerst mit den traditionellen Verkehrsträgern vor dem Eisenbahnzeitalter. Die Kanäle waren für den voreisenbahnlichen Güterverkehr elementar. Ebenso wird auf die Rolle der Straßen eingegangen. Der ab 1830 einsetzende Beginn des Eisenbahnzeitalters revolutionierte das bisherige Verkehrssystem und hatte nennenswerten Einfluss auf die Gesamtwirtschaft. Hierzu wer-den im fünften Kapitel zu Beginn die Anfänge der Eisenbahn dargestellt und die Hauptmotive für deren Bau untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Rahmenbedingungen der Industriellen Revolution
3 Leitsektoren der Industriellen Revolution
4 Das traditionelle Verkehrssystem in Großbritannien
5 Die Eisenbahn als neuer Verkehrsträger
5.1 Die Anfänge und Motive des Eisenbahnbaus
5.2 Der Streckennetzausbau und die gesamtwirtschaftliche Bedeutung
6 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der Eisenbahn als Motor der industriellen Entwicklung in Großbritannien bis 1870, wobei sie die technologischen und ökonomischen Rahmenbedingungen in den Kontext der Industriellen Revolution einbettet und kritisch beleuchtet, ob die Eisenbahn als eigenständiger "Leitsektor" klassifiziert werden kann.
- Analyse der sozioökonomischen Rahmenbedingungen der Industriellen Revolution
- Identifikation der Leitsektoren Baumwoll- und Eisenindustrie
- Evaluation traditioneller Verkehrsträger (Straßenbau und Kanalsystem)
- Untersuchung der Anfänge und Motive des Eisenbahnbaus
- Bewertung der gesamtwirtschaftlichen Bedeutung des Eisenbahnwesens
Auszug aus dem Buch
5.1 Die Anfänge und Motive des Eisenbahnbaus
Das technische System Eisenbahn nahm seinen Ausgang im Bergbau, wo bereits im 16. Jahrhundert erste Holzbahnen eingesetzt wurden. Durch die Verwendung von eisernen Beschlägen auf Holzbohlen und Spurkranzrädern wurden in den englischen Kohlegruben im 18. Jahrhundert deutliche Verbesserungen erzielt, sodass ein Pferd nun gleich mehrere Kohlewagen ziehen konnte. Das System der Pferdebahn wurde erstmals als „railroad“ bezeichnet und verbreitete sich zunehmend in den englischen Kohlerevieren. Es entstand ein System von zahlreichen Bahnen, das Kohlegruben mit Hüttenbetrieben und Kanälen verband. Die Pferdebahnen in den englischen Kohlerevieren eigneten sich als ideales Experimentfeld, um das bereits hocheffiziente Rad-Schiene-System durch die Dampfmaschine zu erweitern.
Über die konkrete Gestaltung des neuen Verkehrssystems herrschte jedoch Uneinigkeit. Neben der Idee schienenbetriebener Eisenbahnen, richtete sich das Interesse auch auf den Einsatz straßenfähiger Dampfmobile. Die Dampfmobile sollten auf den vorhandenen Wege- und Straßennetz fahren und einen unabhängigen, flexiblen Individualverkehr ermöglichen. Es kam zu Beginn des 19. Jahrhunderts somit zu einer heftigen und langjährigen Auseinandersetzung um beide Systeme. Richard Trevithick konstruierte 1801 die erste Dampfkutsche und fuhr damit u.a. durch die Straßen von London. Zwischen 1814 und 1830 wurden noch weitere Versuche unternommen, um den Dampfwagen zu technischer und kommerzieller Reife zu entwickeln. 1822 wurde ein Dampf-Omnibusverkehr zwischen der Londoner Innenstadt und einigen Vororten eingerichtet. Schließlich setzten sich aber die Eisenbahnpioniere gegen die Vertreter der Dampfwagen durch. Dampfmobile hatten enorme technische Probleme und wirtschaftliche Defizite und stellten eine große Gefahrenquelle für den übrigen Verkehr dar.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung steckt den Rahmen ab, skizziert die technologische Vormachtstellung Großbritanniens und definiert die zentrale Fragestellung bezüglich der verkehrstechnischen Entwicklungen bis 1870.
2 Rahmenbedingungen der Industriellen Revolution: Dieses Kapitel analysiert die günstigen Faktoren wie den Act of Union, die konstitutionelle Monarchie, das Bevölkerungswachstum und die kapitalistische Landwirtschaft, die den industriellen Take-off begünstigten.
3 Leitsektoren der Industriellen Revolution: Hier werden die Baumwoll- und Eisenindustrie als primäre Innovationsmotoren identifiziert und Rostows Theorie der Leitsektoren einer kritischen Prüfung unterzogen.
4 Das traditionelle Verkehrssystem in Großbritannien: Das Kapitel beschreibt die Entwicklung von Straßenbau und Kanalsystem als essenzielle, wenn auch begrenzte Infrastrukturen vor der Ära der Eisenbahn.
5 Die Eisenbahn als neuer Verkehrsträger: Dieses Hauptkapitel behandelt die technischen Anfänge, die Motive des Eisenbahnbaus, den massiven Streckenausbau sowie die Auswirkungen auf die gesamtwirtschaftliche Struktur.
6 Zusammenfassung: Das Fazit fasst die Rolle der Eisenbahn als transformative Kraft zusammen, relativiert jedoch ihre Bedeutung als alleiniges zentrales Element der britischen Frühindustrialisierung.
Schlüsselwörter
Industrielle Revolution, Eisenbahn, Großbritannien, Dampfmaschine, Leitsektor, Take-off, Transportwesen, Kanalbau, Infrastruktur, Wirtschaftswachstum, Baumwollindustrie, Eisenindustrie, Kapitalinvestitionen, Technologischer Wandel, Streckennetzausbau
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den wirtschaftlichen und verkehrstechnischen Rahmenbedingungen in Großbritannien während der Industriellen Revolution und dem Einfluss des Eisenbahnbaus bis zum Jahr 1870.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf den Faktoren der Industrialisierung, der Entwicklung der Leitsektoren sowie der Evolution des britischen Verkehrssystems von Straßen und Kanälen hin zur Eisenbahn.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, die Rolle der Eisenbahn bei der Industrialisierung Großbritanniens zu analysieren und zu prüfen, inwieweit sie die gesamtwirtschaftliche Entwicklung revolutioniert hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse historischer Prozesse unter Einbeziehung ökonomischer Thesen, wie etwa der von W.W. Rostow, und einem Vergleich mit internationalen Entwicklungen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Rahmenbedingungen, die Rolle der Industriebranchen, das traditionelle Verkehrswesen und eine detaillierte Betrachtung der Eisenbahnentwicklung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Industrielle Revolution, Eisenbahn, Infrastrukturentwicklung, Wirtschaftswachstum und technologische Innovation definiert.
Warum war der Bau von Kanälen für die Zeit vor der Eisenbahn so entscheidend?
Kanäle waren für den voreisenbahnlichen Gütertransport, insbesondere für den Transport von Kohle und schweren Massengütern, elementar und wesentlich effizienter als der Landtransport auf Straßen.
Inwiefern unterscheidet sich der Eisenbahnbau in Deutschland von dem in Großbritannien?
Während die Eisenbahn in Großbritannien nachfragemotiviert entstand, um bestehende Engpässe in einer bereits fortgeschrittenen Wirtschaft zu lösen, diente sie in Deutschland stärker dazu, Regionen zu erschließen und Wachstum proaktiv zu induzieren.
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- Falk Schacke (Author), 2011, "Lokomotive" der Industrialisierung? Rahmenbedingungen, wirtschaftliche und verkehrstechnische Entwicklung in Großbritannien bis 1870, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/286402