Die Idee meiner Thesis geht zurück auf eine Äußerung Paul Bowles, die er in einem Interview zu der Frage bezüglich seiner Motivation, den Roman "Himmel über der Wüste" zu schreiben,
formuliert hatte: „What I wanted to tell is what the desert can do to us. The desert is the protagonist.” Ich möchte in dieser Arbeit versuchen zu ergründen, was Bowles zu dieser Aussage veranlasste. Was ist das Besondere an der Wüste und wie ist es möglich, einer Landschaft die Funktion eines Protagonisten zuzusprechen und wie wirkt sich das auf den Text aus?
Während der Lektüre des Textes Himmel über der Wüste wirkt die Wüstenlandschaft wie eine alles umfassende Kulisse. Die Sahara in ihrer Absolutheit ist als Ort des Geschehens so
endgültig und unantastbar gewählt, dass man sich während der Lektüre wie im Treibsand gefangen fühlt. Wie steht das im Zusammenhang mit der Aussage Bowles?
Als weiteren zu untersuchenden Text habe ich den Englischen Patienten von Michael Ondaatje gewählt. Hier ist die Wüste Kriegsschauplatz (in Himmel über der Wüste hingegen ist die Wüste als Ort der weitesten Entfernung von den Auswirkungen des Krieges gewählt worden), der zum Dreh- und Angelpunkt der Erzählung wird. Die Räume und Orte, die dieser Text eröffnet, sind gebrochen, zerstört, restauriert, offen und miteinander sowie mit dem Medium Text verbunden. Eine Analyse des Englischen Patienten hinsichtlich meiner Frage
und Untersuchung zu der Bedeutung und Beziehung von den Wüstenräumen im Text scheint mir daher als äußert aufschlussreich. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theorie
2.1 Ökologie und Ecocriticism/ Ökokritik
2.1.1 Natur und Landschaft
2.2 Ökokritik und Sprache
2.2.1 Postmoderne und Dekonstruktion
2.2.2 Orientalismus und kontrapunktisches Lesen
2.2.3 Ökokritik und Dekonstruktion
2.3 Was ist eine Wüste? – Symbol und Verortung
2.4 The Empire Writes Back und die Wüste schreibt zurück
3. Methode
4. Analyse – Die Wüste schreibt zurück
4.1 Die Texte – Inhalte und Eckdaten
4.1.1 Himmel über der Wüste
4.1.2 Der englische Patient
4.2 Die Einschreibung
4.2.1 Himmel über der Wüste
4.2.2 Der englische Patient
4.3 Der Kontrapunkt
4.3.1 Himmel über der Wüste
4.3.1 Der englische Patient
5. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Masterarbeit untersucht die Funktion der Wüste als literarisches Motiv in Paul Bowles’ „Himmel über der Wüste“ und Michael Ondaatjes „Der englische Patient“. Ziel ist es, die Wüste nicht bloß als passive Projektionsfläche menschlicher Befindlichkeiten zu begreifen, sondern aufzuzeigen, wie sie in den Texten als ein „zurückschreibendes“ Subjekt agiert, das die anthropozentrischen und kolonialen Machtstrukturen der Protagonisten kontrapunktisch unterwandert.
- Ökokritische Analyse des Verhältnisses von Mensch, Natur und Zivilisation
- Anwendung des kontrapunktischen Lesens nach Edward Said im postkolonialen Kontext
- Dekonstruktion von Raum- und Landschaftskonzepten in der Literatur
- Untersuchung der Wüste als Widerstand gegen koloniale und metaphysische Deutungsmuster
Auszug aus dem Buch
Die Wüste schreibt zurück
Doch zunächst stellen sich Fragen zur Wüste in der Geschichte der Literatur im Allgemeinen: Warum ist es immer wieder die Wüste, die zum Schauplatz besonderer Ereignisse gewählt wird? Welche symbolische Bedeutungskraft wird ihr dabei zu-/ eingeschrieben? Die Antwort auf diese und ähnliche Fragen werde ich direkt im Text suchen. Meine These ist, dass in den Texten zwei Ebenen enthalten sind, die einmal die zu-/eingeschriebenen Wüstenmotive erkennen lassen und diese andererseits aber, in einer Art Subtext, kontrapunktisch unterwandern. Diesen Subtext verstehe ich als die Wüste, die zurückschreibt. Denn in der Aufarbeitung und späteren Analyse der Wüstensymboliken wird schnell ersichtlich, dass diese oftmals einen bestimmten Zweck erfüllen. Die These ist, das Zurückschreiben der Wüste (u.a.) als Antwort auf diese eingeschriebene Zweckmäßigkeit zu sehen.
Die mögliche Relevanz dieser Untersuchung in einem transnationalwissenschaftlichen Rahmen wird schnell ersichtlich. So ist die Wüste ein wesentlicher Raum des (post)kolonialen und imperialen Machtdiskurses. Sie ist immer wieder Ort solcher Machtstrukturen gewesen, geworden und geblieben. Die Idee meines Titels, Die Wüste schreibt zurück, ist also eindeutig vor dem Hintergrund der postkolonialen Untersuchung The Empire Writes back entstanden und zu verstehen. Der Postkolonialismus und Saids Theorie des „kontrapunktischen Lesens“ werden die Wegweiser dieser Arbeit in einem transnationalwissenschaftlichen Zusammenhang sein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung definiert das Forschungsinteresse an der Rolle der Wüste als literarischem Protagonisten und stellt die These vom „Zurückschreiben“ der Wüste als kontrapunktische Reaktion auf anthropozentrische Einschreibungen vor.
2. Theorie: Dieses Kapitel verknüpft ökokritische Ansätze mit postkolonialer Theorie (Said) und dekonstruktivistischen Methoden, um die theoretische Basis für die Analyse des Mensch-Natur-Dualismus zu legen.
3. Methode: Hier wird der induktive, kontrapunktische Analyseansatz dargelegt, der darauf abzielt, Diskontinuitäten und Brüche in den literarischen Wüstenbildern offenzulegen.
4. Analyse – Die Wüste schreibt zurück: Der Hauptteil untersucht die Inszenierung der Wüste in den beiden Romanen, wobei zwischen der „Einschreibung“ menschlicher Deutungsmuster und der „Ausschreibung“ durch die Wüste selbst unterschieden wird.
5. Schlusswort: Das Schlusswort fasst die Ergebnisse zusammen und bekräftigt die Notwendigkeit einer Dehierarchisierung der Position des Menschen in der Umwelt durch die Berücksichtigung des „Ausgeschlossenen“.
Schlüsselwörter
Ökokritik, Ecocriticism, Wüste, Postkolonialismus, kontrapunktisches Lesen, Dekonstruktion, Literaturwissenschaft, Anthropozentrismus, Natur-Kultur-Dichotomie, Mapping, Identität, Raumtheorie, Paul Bowles, Michael Ondaatje, Transnationalität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die literarische Darstellung der Wüste als einen Raum, der nicht bloß eine passive Kulisse für menschliche Handlungen ist, sondern aktiv als Protagonist oder Gegenmacht agiert.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Arbeit verknüpft Ökokritik, postkoloniale Literaturwissenschaft und Raumtheorie, um die Machtdynamiken zwischen menschlicher Wahrnehmung und der „außersprachlichen“ Realität der Wüste zu analysieren.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Wie lässt sich die Wüste in der Literatur als eine Landschaft verstehen, die der einseitigen menschlichen Projektion „zurückschreibt“, und wie unterwandert sie dabei koloniale und anthropozentrische Machtstrukturen?
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Autorin nutzt eine Kombination aus ökokritischer Analyse und Edward Saids Methode des kontrapunktischen Lesens, um Texte dekonstruktivistisch im Hinblick auf deren eingeschriebene Dualismen zu befragen.
Was behandelt der Hauptteil?
Der Hauptteil analysiert Paul Bowles’ „Himmel über der Wüste“ und Michael Ondaatjes „Der englische Patient“ in zwei Schritten: Zunächst wird aufgezeigt, wie Menschen der Wüste Deutungen „einschreiben“, anschließend werden diese Deutungen durch die „Ausschreibung“ der Wüste dekonstruiert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Ökokritik, Kontrapunktisches Lesen, Einschreibung/Ausschreibung, Anthropozentrismus, Postkolonialismus, Raumtheorie (Spatial Turn) und Identitätskonstruktion.
Wie unterscheidet sich die Wüste in den beiden untersuchten Werken?
In Bowles’ „Himmel über der Wüste“ dient die Sahara primär als Ort existentialistischer Grenzerfahrung und individueller Krise, während Ondaatjes „Der englische Patient“ die Wüste stärker mit politischen Machtstrukturen, Mapping und postkolonialer Geschichte verknüpft.
Was meint die Autorin mit dem „Zurückschreiben“ der Wüste?
Es ist eine Metapher für Momente im Text, in denen die Wüste die menschlichen Projektionen und Machtansprüche durch Unvorhersehbarkeit, Zerstörung oder schlichte Ignoranz gegenüber menschlichen Konstrukten entlarvt und als widerständig erkennbar macht.
Warum ist das Motiv der „Traurigkeit der Geographie“ wichtig?
Es fasst das Scheitern der Protagonisten zusammen, die Wüste als einen neutralen oder rein spirituellen Ort zu nutzen, um den menschlichen Problemen (wie Krieg oder kolonialer Geschichte) endgültig zu entkommen.
- Quote paper
- Levana Oesting (Author), 2014, Die Wüste schreibt zurück. Eine ökokritische Analyse der Wüste in Paul Bowles "Himmel über der Wüste" und Michael Ondaatjes "Der englische Patient", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/286095