The Leather-Stocking stories illustrate (…) the Indian’s shifting role on the American frontier.
James Fenimore Cooper gilt als Amerikas erster Mythopoet, herausragender Vertreter der amerikanischen Romantik, Vater der amerikanischen Nationalliteratur und als „amerikanischer Scott“, weil er Themen aus der amerikanischen Geschichte verarbeitete. Dabei „fiktionalisierte“ er historische Ereignisse, indem er sie in die tradierten Formen einer Romanhandlung umgoss und von der Ebene des individuellen Erlebens her beleuchtete. Hierbei bekannte sich Cooper nicht nur zu einem genuin amerikanischen Schauplatz (setting), sondern erstritt mit seinen indianischen Protagonisten die Literaturwürdigkeit der nordamerikanischen Ureinwohner. Im Rahmen seines umfangreichen Werkes stellen vor allem die Leatherstocking Tales den amerikanischen Mythos schlechthin dar und bilden darüber hinaus den Beginn der Indianerliteratur des 19. Jahrhunderts. Coopers Indianerfiguren wurden infolge der breiten Rezeption sowohl in Amerika als auch in Europa zum Inbegriff des „Roten Mannes“. So schrieb beispielsweise der Kritiker Paul Wallace im Jahr 1954: „For a hundred years ’The Leatherstocking Tales’ cast a spell over the reading public of America and Europe and determined how the world was to regard the American Indian“. Coopers Indianerdarstellung hat also wesentlich dazu beigetragen, dass sich das gegensätzliche Indianerbild vom „guten“ und „bösen“ Indianer zu dem Mythos vereinigen konnte, der sich bis in die heutige Zeit hinein durchsetzen konnte: „by developing powerful images to symbolize both extremes of feeling about the red man (…) [Cooper] created one of the major nineteenth-century myths about America“.
Die Lederstrumpf-Romane, aber auch andere Indianerromane Coopers, verarbeiten also Grunderfahrungen und –probleme der jungen amerikanischen Nation und rufen somit auf der Ebene der literarischen Realität vor allem die Indianerfrage als ein amerikanisches Grundsatzproblem ins öffentliche Bewusstsein. Auf diese Weise sind einerseits narzisstische Selbstspiegelung, ob des unaufhaltsamen Wachsens der jungen amerikanischen Nation, sowie andererseits bußfertige Selbstanklage, ob der rücksichtslosen Vertreibung der Ureinwohner und der damit verbundenen Trauer über den Untergang der indianischen Welt, in ihrer unaufhebbaren Ambivalenz literarisch in Coopers Indianerromanen greifbar. [...]
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
1. Stereotypisierende Indianerbilder in der nordamerikanischen Literatur
1.1 Das Indianerbild der Puritaner
1.1.1 Der „teuflische Wilde“ der Captivity narrative
Exkurs: Der Begriff des Stereotyps und die religiöse Typologie der Puritaner
1.1.2 Revision der Erfahrung mit den Indianern und erste ethnologische Ansätze
1.2 Der „edle Wilde“ in der europäischen Tradition des Fremden
1.3 Der „edle Wilde“ der Amerikaner und andere amerikanisch-indianische Stereotypen
1.3.1 The vanishing American
1.3.2 Der „gute“ Indianer
1.3.3 Der blutrünstige und der degenerierte Indianer
2. Coopers problembewusste Indianer-Bearbeitung
2.1 Coopers Informationsquellen
2.2 Festschreibung und Verarbeitung der Quellen
2.2.1 Captivity narratives und melodramatische Erlebnismuster
2.2.2 Die Herrnhuter Indianermission
2.2.3 Der Missionar Heckewelder
3. Indianer-Typen in The Last of the Mohicans
3.1 Stereotype Charakterisierung des indianischen Wesens
3.1.1 „Typische“ Indianer und die „guten“ Delawaren
3.1.2 Die „bösen“ Huronen
3.2 Naturgebundenheit und Statik als Merkmale der indianischen Zivilisation
4. Magua: Der „teuflische Wilde“ mit komplexem Charakter
4.1 Äußere Erscheinung und Verhalten
4.2 Negative Charakterentwicklung und Widerspruch zur angloamerikanischen Zivilisation
5. Uncas: Der zivilisationswillige „edle Wilde“
5.1 Äußere Erscheinung und Verhalten
5.2 Positiver Entwicklungsprozess und Affiliation mit der angloamerikanischen Zivilisation
5.3 Uncas – Magua: Ein Antagonistenpaar mit Analogien
6. Chingachgook: Der unzivilisierbare „edle Wilde“
6.1 Ambivalentes Wesen des nicht zivilisierbaren „guten“ Indianers
6.2 Vom „guten“ zum degenerierten Indianer
7. Scalping Peter: Vom gefährlichen zum degenerierten Indianer
7.1 Ursprüngliche Gefährlichkeit und mangelnde Einsicht
7.2 Von der plötzlichen Konversion zum Relikt der Vergangenheit
8. Conanchet: Der akkulturierte „gute“ Indianer
8.1 Von der Gefangenschaft zur ansatzweisen Assimilation
8.2 Der Tod als endgültige Rückkehr zur indianischen Zivilisation
9. Resümee
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Dissertation untersucht die stereotypisierende Darstellung und die Modifizierung von Indianerfiguren im Werk von James Fenimore Cooper, wobei die Forschungsfrage der Differenz zwischen zeitgenössischen Stereotypen und individualisierten indianischen Protagonisten nachgeht.
- Kulturhistorische Einbettung der Indianerdarstellung in der nordamerikanischen Literatur
- Analyse von Coopers Informationsquellen und deren Einfluss auf die Figurengestaltung
- Dekonstruktion von Stereotypen wie dem "edlen Wilden" und dem "teuflischen Wilden"
- Untersuchung von Akkulturations- und Assimilationsprozessen bei spezifischen Romanfiguren
- Kritische Auseinandersetzung mit Coopers Verhältnis zur angloamerikanischen Zivilisation
Auszug aus dem Buch
3.1.1 „Typische“ Indianer und die „guten“ Delawaren
(…) all fictive Indians are fine physical specimens, proficient in wilderness skills, stoical, and given to figurative speech.246
Auch bei Cooper erscheint der Indianer, wie generell in der frühen amerikanischen Nationalliteratur, als eine in ihren wesentlichen Zügen stereotypisierte Gestalt. Hierbei variieren äußeres Erscheinungsbild, Sprache und Verhaltensweisen nur unwesentlich, so dass seine Indianergestalten keine unverwechselbaren Individuen darstellen. Vielmehr exemplifiziert sich insbesondere in The Last of the Mohicans am Kontrast zwischen den edlen Delawaren und den barbarischen Irokesen eine Zweiseitigkeit von Coopers Indianerbild.247 Hierbei wird zu zeigen sein, dass Coopers Darstellung der „guten“ Mohikaner und der „schlechten“ Huronen im Wesentlichen einen Ausdruck verschiedener historischer Stadien des Verschwindens der Indianer bedeutet. Während die Huronen generell als degenerierendes Volk erscheinen, stellen die Delawaren den Höhepunkt der Entwicklung ihrer Rasse dar.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Die Einleitung führt in Coopers Rolle als amerikanischer Mythopoet ein und umreißt die Ambivalenz seiner Indianerfiguren sowie deren Bedeutung für das amerikanische Selbstverständnis.
1. Stereotypisierende Indianerbilder in der nordamerikanischen Literatur: Dieses Kapitel skizziert die historische Entwicklung des stereotypisierenden Indianerbildes, von den puritanischen "teuflischen Wilden" bis hin zum europäischen Konzept des "edlen Wilden".
2. Coopers problembewusste Indianer-Bearbeitung: Hier werden Coopers Quellen, insbesondere Reiseberichte und Missionarsaufzeichnungen wie die von John Heckewelder, auf ihre Authentizität und ihre Rolle in der literarischen Konstruktion untersucht.
3. Indianer-Typen in The Last of the Mohicans: Das Kapitel analysiert die starre Typisierung der Indianer in diesem Roman, wobei der Gegensatz zwischen Delawaren und Irokesen als Ausdruck einer statischen, naturgebundenen Zivilisation herausgearbeitet wird.
4. Magua: Der „teuflische Wilde“ mit komplexem Charakter: Diese Analyse widmet sich der Figur des Magua und zeigt auf, wie Cooper trotz der Anlage als "böser" Indianer eine komplexe, demagogische Persönlichkeit schafft.
5. Uncas: Der zivilisationswillige „edle Wilde“: Dieses Kapitel betrachtet Uncas als Gegenentwurf, der einerseits das Ideal des "edlen Wilden" verkörpert und andererseits den Versuch einer kulturellen Annäherung andeutet.
6. Chingachgook: Der unzivilisierbare „edle Wilde“: Es wird die Ambivalenz von Chingachgook untersucht, der zwischen seiner Rolle als edler Krieger der Vergangenheit und verfallender Gegenwartsfigur oszilliert.
7. Scalping Peter: Vom gefährlichen zum degenerierten Indianer: Die Analyse von Scalping Peter verdeutlicht die radikale Aufgabe der indianischen Identität durch Konversion und das tragische Scheitern dieser Assimilation.
8. Conanchet: Der akkulturierte „gute“ Indianer: Dieses Kapitel thematisiert Conanchet als Figur, die am weitesten in die angloamerikanische Zivilisation assimiliert wurde, jedoch letztlich ebenfalls an deren Unvereinbarkeit scheitert.
9. Resümee: Das abschließende Resümee fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass Cooper zwar Stereotype nutzt, diese aber gleichzeitig problematisiert und eine sozialkritische Dimension seiner Zeit widerspiegelt.
Schlüsselwörter
James Fenimore Cooper, Indianerdarstellung, Stereotype, Noble Savage, Puritaner, Captivity Narratives, Assimilation, Akkulturation, The Last of the Mohicans, The Pioneers, American Frontier, Literaturwissenschaft, Amerikanische Nationalliteratur, Identität, Zivilisationskritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Dissertation untersucht, wie James Fenimore Cooper in seinen Indianerromanen bestehende rassistische und literarische Stereotype seiner Zeit über nordamerikanische Ureinwohner aufgreift, nutzt und gleichzeitig durch die Individualisierung seiner Figuren problematisiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die literarische Konstruktion des Fremden, die Einflüsse historischer Quellen auf Coopers Werk, das Spannungsfeld zwischen den Idealtypen "edler" und "teuflischer" Wilder sowie die Darstellung von Akkulturations- und Assimilationsprozessen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass Coopers Indianerdarstellung über eine bloße Schwarz-Weiß-Malerei hinausgeht und eine Zerrissenheit sowie Widersprüche widerspiegelt, die eine kritische Auseinandersetzung mit dem Fortschrittsmythos der weißen amerikanischen Zivilisation erlauben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine literaturwissenschaftliche Quellenanalyse, die Coopers Texte mit historischen Reiseberichten, captivity narratives und missionarischen Dokumenten (z.B. von John Heckewelder) vergleicht und in den Kontext der zeitgenössischen Ideengeschichte stellt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die wichtigsten Indianergestalten (Magua, Uncas, Chingachgook, Scalping Peter, Conanchet) und untersucht an ihnen jeweils die spezifische Ausprägung oder Modifizierung der bekannten Stereotype und ihre Funktion im jeweiligen Roman.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben dem Autor und seinem Werk sind die zentralen Begriffe: "Noble Savage", "Stereotyp", "Indianerdarstellung", "Akkulturation", "Assimilation", "American Frontier" und "Zivilisationskritik".
Warum wird Uncas als „zivilisationswillig“ bezeichnet?
Uncas zeichnet sich durch eine hohe Sensibilität, Tapferkeit und eine moralische Überlegenheit aus, die ihn von anderen Indianerfiguren abheben. Seine Annäherung an "weiße" Werte und seine Solidarität mit weißen Protagonisten machen ihn zum Hoffnungsträger für eine mögliche, wenn auch letztlich zum Scheitern verurteilte Verbindung der Kulturen.
Wie unterscheidet sich die Darstellung von Magua von der anderer „böser“ Indianer?
Obwohl Magua primär als Schurke und "teuflischer Wilder" gezeichnet ist, verleiht Cooper ihm durch seine rhetorische Brillanz und politische Intelligenz eine Komplexität, die ihn zum Demagogen macht. Er wird nicht nur als tierisches Wesen, sondern als bewusster Akteur und Gegenspieler konstruiert, dessen Bosheit zudem als Reaktion auf das ihm von Weißen zugefügte Unrecht verstehbar wird.
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- Dr. Sirinya Pakditawan (Author), 2008, Die stereotypisierende Indianerdarstellung und deren Modifizierung im Werk James Fenimore Coopers, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/284058