In der folgenden Seminararbeit wird die Handschrift B des Nibelungenliedes („Der Nibelunge Nôt“) auf die Frage hin analysiert, ob sich im Text Anhaltspunkte finden lassen, die auf einen eindeutigen Ursprung der Rache Kriemhilts hindeuten. Um diesen Ursprung aus dem Text herausarbeiten zu können, müssen die Rachepläne Kriemhilts, ihre Umsetzung und der damit verbundene Untergang der Burgunden aus verschiedenen Perspektiven heraus beleuchtet werden. Die erste Frage in diesem Zusammenhang ist, ob es Indizien im Nibelungenliedtext gibt, die darauf verweisen, dass der Nibelungenlieddichter Kriemhilt mit „Merkmalen“ versehen hat, die als Faktoren der späteren Rache Kriemhilts zum Tragen kommen und wie diese „Merkmale“, losgelöst von einer modernen psychologisierenden Sicht, zu bewerten sind. In dieser Analyse soll ebenfalls untersucht werden, ob und inwieweit sich Veränderungen im Umfeld von Kriemhilt auf ihr Handeln auswirken und welche Anhaltspunkte vom Text geliefert werden, die darauf hinweisen, dass zwischen den vom Dichter gesetzten „Merkmalen“ Kriemhilts und ihren aus den Veränderungen des Umfeldes resultierenden Handlungsweisen unmittelbare Zusammenhänge rekonstruiert werden können. Dabei muss berücksichtigt werden, dass viele der Handlungsverläufe im Nibelungenlied als auch einige der „Merkmale“ der Figuren aus den Sagenstoffen, aus denen die Figuren stammen, vom Dichter des Nibelungenliedes übernommen worden sind und deshalb eine reine auf Textinterpretation basierende Antwort auf die Frage der Ursachen der Rache Kriemhilts hin, ohne diese älteren Schichten der Sagenstoffe einzubeziehen, fahrlässig wäre.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Kriemhilt und das höfische Gefüge des Wormser Hofes
II. 1. Kriemhilts „Falkentraum„ und die unheilvollen Vorausdeutungen des Dichters in der ersten Âventiure
II. 2. Veränderung des Wormser Hofes durch das Erscheinen Siegfrieds
II. 2. 1. Siegfrieds Werbungsvorbereitungen für Kriemhild in Xanten
II. 2. 2. Sîfrits Auftritt in Worms
II. 3. Der Königinnenstreit (14. Aventiure)
II. 3. 1. Entwicklung zum Königinnenstreit
II. 3. 1. 1. Zwischenfigurliche Verstrickung von Sîfrit/Gunther und Kriemhilt/Prünhilde
II. 3. 1. 2. Steigerung der Macht von Kriemhilt
II. 3. 2. Der Ausbruch des Königinnenstreits
II. 3. 3. Sîfrits Tod als Folge des Königinnenstreits
II. 4. Die Entmachtung Kriemhilts durch die Hortversenkung
III. Kriemhilts Machtaufbau durch die Hunnen und ihre Rache
III. 1. Vorbereitung der Rache
III. 2. Kriemhilts Hortforderungen an Hagen und ihre Bestimmung zu Liebe und Leid
IV. Sagenstoff und Textebene
V. Schlusswort
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Seminararbeit analysiert die Handschrift B des Nibelungenliedes mit dem Ziel, die Ursprünge und Motivationen der Rache Kriemhilts textbasiert zu erschließen und dabei die Zusammenhänge zwischen Liebe, Machtstreben und höfischen Konfliktpotentialen zu untersuchen.
- Analyse der Rolle von Liebe und Macht als Motivationsfaktoren für Kriemhilts Handeln.
- Untersuchung der höfischen Spannungsfelder und der Diskrepanz zwischen Sein und Schein am Wormser Hof.
- Betrachtung von Kriemhilts Machtaufbau im Kontext ihrer Rolle als Königin.
- Deutung der symbolischen Bedeutung des Nibelungenhortes für Kriemhilts Rachepläne.
- Integration sagenstofflicher Elemente in die Textanalyse des Nibelungenliedes.
Auszug aus dem Buch
II. 1. Kriemhilts „Falkentraum„ und die unheilvollen Vorausdeutungen des Dichters in der ersten Âventiure
Schon gleich zu Beginn des Nibelungenliedes wird deutlich, dass mit der „vil édel magedîn / [...] / Kriemhilt geheizen: [...]“ (2,1/3)¹ direkt mit dem zukünftigen Tod vieler Ritter verbunden wird: „[D]ar umbe [scœne wîp (2,3)] muosen degene vil verlíesén den lîp.“ (2,4). Als Begründung dieser unheilvollen Vorausdeutung setzt der Text den Hass oder Streit zweier Königinnen: „si sturben sît jæmerliche von zweier edelen frouwen nît.“ (6,4). Bezogen auf unser Thema stellt sich hier schon die Frage, wie es zu diesem angedeuteten Königinnenstreit kommt, welche beiden Protagonistinnen des Streites gemeint sind und warum die „vil stolziu ritterscaft“ (6,2) von Worms mit seinen Königen Gunther, Gêrnôt und Gîselher in Folge dieses Streites ihr Leben lassen muss.
Die gesellschaftlich – höfische Ausgangssituation in Worms muss dem Hörer zu Beginn des Liedes im Grunde genommen sehr harmonisch vorkommen, abgesehen von den unheilvollen Vorausdeutungen des Dichters im Zusammenhang mit Kriemhilt. Die burgundischen Könige regieren eine „vil stolziu ritterscaft“, sind „milte“ (5,1), „edel und rîch“ (4,1), kurzum: sind „recken lobelîch“ (4,2) und schützen und pflegen ihre Schwester Kriemhilt fürsorglich: „[...], die fürsten hetens in ir [Kriemhilt] pflegen.“ (4,4) (zu der Vormundtschaft der Brüder vgl. auch SCHULZE, S. 144). All diese positiven Beschreibungen der höfischen Gesellschaft am Wormser Hof lassen darauf schließen, dass sich erst im weiteren Verlauf der Handlung die Situation am Hof so verändern muss, dass es zu dem oben erwähnten Königinnenstreit kommen kann.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Analyse der Handschrift B des Nibelungenliedes ein und stellt die zentrale Forschungsfrage nach dem Ursprung von Kriemhilts Rache im Text.
II. Kriemhilt und das höfische Gefüge des Wormser Hofes: Dieses Kapitel untersucht die höfischen Zustände in Worms und wie frühe Ereignisse wie der Falkentraum und das Auftreten Siegfrieds als unheilvolle Vorausdeutungen für spätere Konflikte fungieren.
II. 1. Kriemhilts „Falkentraum„ und die unheilvollen Vorausdeutungen des Dichters in der ersten Âventiure: Hier wird der für Kriemhild leidvolle Traum als Vorausdeutung ihres Schicksals und als erste Setzung der Liebe als Motivationsfaktor analysiert.
II. 2. Veränderung des Wormser Hofes durch das Erscheinen Siegfrieds: Das Kapitel erläutert, wie Siegfrieds Erscheinen und seine werbende Reise die harmonische Ordnung des Hofes nachhaltig stören.
II. 2. 1. Siegfrieds Werbungsvorbereitungen für Kriemhild in Xanten: Diese Strophenanalyse verdeutlicht, wie bereits durch die Reisevorbereitungen ein unabwendbarer Weg in Rache und Tod eingeleitet wird.
II. 2. 2. Sîfrits Auftritt in Worms: Hier wird die Provokation Siegfrieds gegenüber der Wormser Hofgesellschaft als Entstehungspunkt für spätere Spannungen und Konfliktpotentiale betrachtet.
II. 3. Der Königinnenstreit (14. Aventiure): Dieses Kapitel bildet das Zentrum der Analyse und beleuchtet den Höhepunkt der Konflikte zwischen den Protagonisten, der zum Untergang führen muss.
II. 3. 1. Entwicklung zum Königinnenstreit: Es wird untersucht, wie sich die Verhältnisse zwischen den Akteuren durch Lügen und Betrug so verhärtet haben, dass der Streit unvermeidlich wurde.
II. 3. 1. 1. Zwischenfigurliche Verstrickung von Sîfrit/Gunther und Kriemhilt/Prünhilde: Dieser Abschnitt legt die verhängnisvollen Verstrickungen und den doppelten Betrug offen, die hinter dem höfischen Schein verborgen sind.
II. 3. 1. 2. Steigerung der Macht von Kriemhilt: Die Analyse zeigt, wie Kriemhild im Rahmen des Königinnenstreits erstmals explizit eigene Machtansprüche gegenüber der amtierenden Königin formuliert.
II. 3. 2. Der Ausbruch des Königinnenstreits: Hier wird der Moment der öffentlichen Bloßstellung analysiert, der die höfische Ordnung endgültig aus den Angeln hebt.
II. 3. 3. Sîfrits Tod als Folge des Königinnenstreits: Dieses Kapitel schließt die Analyse des Streits ab, indem es Siegfrieds Tod als direkte Konsequenz der durch den Konflikt entstandenen Zwangslage darstellt.
II. 4. Die Entmachtung Kriemhilts durch die Hortversenkung: Die Analyse zeigt, wie Hagen durch die Hortversenkung Kriemhilts Machtstellung am Hof endgültig untergräbt.
III. Kriemhilts Machtaufbau durch die Hunnen und ihre Rache: Dieses Kapitel widmet sich der Phase, in der Kriemhild ihre Rache durch die Heirat mit Etzel und den Machtaufbau im Hunnenland systematisch vorbereitet.
III. 1. Vorbereitung der Rache: Es wird beschrieben, wie Kriemhild strategisch kalkulierend die Werbung Etzels nutzt, um die notwendige Macht für ihr Ziel zu gewinnen.
III. 2. Kriemhilts Hortforderungen an Hagen und ihre Bestimmung zu Liebe und Leid: Dieses Kapitel untersucht die finale Konfrontation um den Hort und die symbolische Verknüpfung von Siegfrieds Tod mit Kriemhilds Rache.
IV. Sagenstoff und Textebene: Hier wird diskutiert, wie der Dichter sagenstoffliche Motive wie den Nibelungenhort in seine eigene Komposition integriert hat.
V. Schlusswort: Das Schlusswort resümiert, dass die Rache Kriemhilts primär als Handlung aus Liebe zu interpretieren ist und weitere Motive nur als Instrumentarien des Dichters dienen.
Schlüsselwörter
Nibelungenlied, Kriemhild, Siegfried, Hagen, Rache, Liebe, Macht, Königinnenstreit, Worms, Hortversenkung, Leid, Handschrift B, höfische Gesellschaft, Schicksal, Sagenstoff.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Handschrift B des Nibelungenliedes, um die Ursachen und Motivationen hinter Kriemhilds Rache an den Burgunden zu identifizieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit behandelt die Wechselwirkungen zwischen Liebe, machtpolitischem Kalkül, dem Spannungsfeld von Sein und Schein am Wormser Hof sowie der symbolischen Bedeutung des Nibelungenhortes.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aus dem Text herauszuarbeiten, ob es eindeutige Anhaltspunkte für den Ursprung von Kriemhilds Rache gibt und wie diese mit den von ihr und anderen Akteuren verfolgten Zielen zusammenhängen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin/der Autor nutzt eine textimmanente Analyse der Handschrift B, ergänzt um den Einbezug zentraler sekundärliterarischer Positionen zur Struktur und Genese des Nibelungenliedes.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Wormser Hofgefüges, die Entwicklungen um den Königinnenstreit, Siegfrieds Tod und die anschließende Machtverschiebung durch die Hortversenkung sowie den späteren Machtaufbau Kriemhilds bei den Hunnen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Kriemhilds Rache, Liebe als Bestimmung, machtpolitische Instrumentalisierung, der Königinnenstreit als Katalysator und die Diskrepanz zwischen höfischem Schein und persönlichem Leid.
Welche Rolle spielt der "Falkentraum" für die Argumentation?
Der Falkentraum wird als frühe, vom Dichter eingesetzte Vorausdeutung interpretiert, die Siegfrieds Tod und Kriemhilds späteres Schicksal in den Kontext eines zwangsläufigen, leidvollen Prozesses stellt.
Wie bewertet die Arbeit die Rolle des Nibelungenhortes?
Der Hort wird nicht nur als materielles Gut, sondern als mythisch-symbolische Repräsentanz Siegfrieds gewertet, deren Bedeutung im Verlauf der Handlung von Kriemhild instrumentalisiert wird, um ihre Rachepläne voranzutreiben.
Warum wird Siegfrieds Tod als Folge des Königinnenstreits betrachtet?
Weil der Streit die verdeckten Verstrickungen zwischen den Protagonisten öffentlich macht und eine Konfliktsituation schafft, die von Hagen zur gewaltsamen Beseitigung Siegfrieds genutzt wird, um die instabil gewordene Ordnung wiederherzustellen.
- Quote paper
- M.A. Christoph Fuksa (Author), 2001, Ursachen und Motivation von Kriemhilts Rache im Nibelungenlied, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/284016