Diese Hausarbeit geht der Frage nach, ob Rainer Maria Rilkes "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" das Konzept der Flanerie kritisiert oder radikalisiert. Anhand enger Textarbeit, und verschiedener sekundärer Texte, wird die Entwicklung des Protagonisten herausgearbeitet und das Thema des „Sehenlernens“ aufgegriffen. An verschiedenen Textstellen wird außerdem gezeigt, dass Flanerie bis fast zum Realitätsverlust ausgereizt wird, um es zur Erforschung des Ichs zu nutzen. Schließlich wird aus den gewonnenen Erkenntnissen der Schluss gezogen, dass die Aufzeichnungen das Konzept des Flaneurs kritisieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Großstadt, "Sehenlernen"
3. Erweiterung der Flanerie?
4.Flanierende Selbsterforschung, Kritik oder Radikalisierung?
5.Schlussbetrachtung
6. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, ob Rainer Maria Rilkes Roman „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ das literarische Konzept der Flanerie lediglich radikalisiert oder grundlegend kritisiert. Dabei steht die Entwicklung des Protagonisten durch den Prozess des „Sehenlernens“ im Zentrum, wobei analysiert wird, inwiefern Flanieren als eine Form der Selbsterforschung des Inneren fungiert und wo die Grenzen zwischen erweiterter Wahrnehmung und Realitätsverlust verlaufen.
- Die literarische Figur des Flaneurs im Kontext der Pariser Moderne.
- Die Bedeutung und Funktion des Leitmotivs „Sehenlernen“.
- Die Wechselwirkung zwischen Großstadtwahrnehmung und dem psychischen Zustand des Individuums.
- Der Übergang von objektiver Beobachtung zur subjektiven Identitätskonstitution.
- Die kritische Abgrenzung zwischen Flanerie und pathologischem Realitätsverlust.
Auszug aus dem Buch
2. Die Großstadt, "Sehenlernen"
Der Roman beginnt im Paris des Fin de siècle, der drittgrößten Stadt zur damaligen Zeit. Die erste Aufzeichnung zeugt bereits von der Entsetzlichkeit der Großstadtrealität, die den Protagonisten überfordert:
So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier. Ich bin ausgewesen. Ich habe gesehen: Hospitäler. Ich habe einen Menschen gesehen, welcher schwankte und umsank. Die Leute versammelten sich um ihn, das ersparte mir den Rest. Ich habe eine schwangere Frau gesehen. Sie schob sich schwer an einer hohen, warmen Mauer entlang, nach der sie manchmal tastete, wie um sich zu überzeugen, ob sie noch da sei. Ja, sie war noch da. Dahinter? […] Die Gasse begann von allen Seiten zu riechen. Es roch […] nach Angst.
Der Kontrast zwischen der Stadt als Ort zum Leben und zum Sterben, spiegelt die Bedrohlichkeit, die sie darstellt, anthithetisch wider. Rilke beschriebt synästhetisch wie Bilder und Gerüche auf Malte eindringen, ihn bedrängen („Die Gasse begann von allen Seiten zu riechen“) und den Protagonisten geradezu paranoid werden lassen: „Das Kind schlief, der Mund war offen, atmete Jodoform, pommes frites, Angst“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Erzählstruktur des Romans ein und formuliert die zentrale Fragestellung, ob Rilkes Werk das Konzept der Flanerie kritisiert oder radikalisiert.
2. Die Großstadt, "Sehenlernen": Dieses Kapitel definiert die Figur des Flaneurs und untersucht, wie der Protagonist durch die Konfrontation mit der Großstadtrealität ein neues, subjektives Sehen erlernt.
3. Erweiterung der Flanerie?: Hier wird analysiert, wie Malte durch die fehlende Distanz zur Umwelt und traumatische Erinnerungen an den Rand des Realitätsverlustes gerät, wodurch das klassische Flanierkonzept in Frage gestellt wird.
4.Flanierende Selbsterforschung, Kritik oder Radikalisierung?: Dieses Kapitel diskutiert die Produktivität der Wahrnehmung und kommt zu dem Schluss, dass Rilke durch Maltes subjektive Selektion die Flanerie eher kritisch als radikal darstellt.
5.Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass die Unmöglichkeit einer distanzierten Beobachtung das zentrale Kritikmoment an der Flanerie bildet.
6. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur zur Untersuchung.
Schlüsselwörter
Rainer Maria Rilke, Malte Laurids Brigge, Flanerie, Flaneur, Sehenlernen, Großstadtwahrnehmung, literarische Moderne, Identitätskrise, Subjektivität, Realitätsverlust, Wahrnehmung, Paris, Kindheitserinnerungen, Existenzangst, Selbsterforschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit beschäftigt sich mit Rainer Maria Rilkes „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ und untersucht, wie das Konzept der Flanerie in diesem modernen Roman dargestellt und transformiert wird.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Hauptthemen umfassen die Großstadtwahrnehmung, die Entwicklung des Protagonisten durch das „Sehenlernen“ sowie die Abgrenzung zwischen einer erweiterten künstlerischen Wahrnehmung und dem Verlust der eigenen Identität.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu ergründen, ob Rilkes Darstellung des Flaneurs eine bewusste Kritik an diesem Konzept darstellt oder ob es sich um eine Radikalisierung handelt, die das Ich bei der Selbsterforschung unterstützt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer engen Textarbeit am Primärwerk sowie der Einbeziehung relevanter Sekundärliteratur, um die Entwicklung des Protagonisten und seine Wahrnehmungsmuster zu analysieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition der Flaneur-Figur, die Analyse der großstädtischen Bedrohung, die psychologische Bedeutung von Kindheitserinnerungen und die kritische Auseinandersetzung mit der Subjektivität des Sehens.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Flanerie, Sehenlernen, Großstadtrealität, Moderne, Identitätskonstitution und literarische Subjektivität.
Wie verändert sich laut Autor das Sehen bei Malte Laurids Brigge?
Das Sehen wandelt sich von einer anfänglichen Orientierung an äußeren Plänen hin zu einem intensiven, subjektiven Prozess, bei dem das Gesehene unmittelbar in das Innere des Protagonisten aufgenommen wird.
Warum kommt die Arbeit zu dem Schluss, dass es sich um eine Kritik der Flanerie handelt?
Da der Protagonist keine objektive Distanz zu seiner Umgebung aufbauen kann und sein Wahrnehmen fast in einen Realitätsverlust mündet, wird die klassische Idee des distanzierten Flaneurs als unhaltbar bzw. kritisch entlarvt.
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- Florentin Ostertag (Author), 2014, Sehenlernen. Radikalisierung oder Kritik der Flanerie in "Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" von Rilke?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/283951