Im Herbst 2011 trat erstmals die Bewegung Occupy Wall Street, wie der Name besagt, durch die Besetzung der New Yorker Wall Street in Erscheinung. Mittlerweile haben sich zahlreiche Menschen rund um den Globus der Occupy-Bewegung angeschlossen und protestieren gegen soziale Ungerechtigkeit und Perspektivlosigkeit.
Angesichts der Heterogenität dieser breiten Bewegung kann kaum von einer einheitlichen Position ihrer AnhängerInnen gesprochen werden. Dennoch lassen sich einige Grundzüge der Kritik ausmachen, die immer wieder in Äußerungen von Occupy-AktivistInnen auftauchen. In dieser Arbeit möchte ich einige dieser Inhalte anhand von Karl Marx' ökonomischen Untersuchungen und denen marxistischer Theoretiker kritisch beleuchten.
Dazu werde ich zunächst kurz auf die Entstehung und Verbreitung der Bewegung sowie auf die beteiligten Protagonist*innen eingehen und anschließend die Inhalte skizzieren, auf die ich mich im Folgenden bei der Analyse beziehen werde. Darauf folgt deren Untersuchung anhand einiger Analysen Marxens und marxistischer Theoretiker. Schließlich wird in einem Fazit reflektiert, welchen Beitrag die Auseinandersetzung der Bewegung mit der marxschen Analyse des Kapitals zu ihrer politischen Theorie und Praxis leisten könnte.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Occupy-Bewegung
2.1 „Und dann passierte es, in den USA“ – Zur Genese der Occupy-Bewegung
2.2 Generation Krise - Die Protestierenden und ihre Motive
2.3 „99 Prozent“ gegen „Bankster“ und Korruption – Inhalte der Occupy-Bewegung
3. Occupy-Kritik im Lichte marx(isti)scher Analysen
3.1 Selbstschöpferische Zinsquelle? - Funktionsweise und Wirkung des Finanzkapitals
3.2 Vom 'schaffenden' und 'raffenden' Kapital – Die Trennung von Zirkulaions- und Produktionssphäre
3.3 'Die Beschränkung der Macht auf einige Wenige' – Suche nach zentrale Akteuren
3.3.1 Die Bank als industrieller Kapitalist – Der Mythos von der Macht der Banken
3.3.2 Das '1%' - Zur antisemitischen Struktur der Personifizierung des Finanzkapitals
3.4 Konkret vs. abstrakt – Die Grenze der Kritik
3.5 Von 'Umfairteilen' und bürgerlicher Demokratie – Zur Notwendigkeit eines radikalen Antikapitalismus
4. Fazit
5. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch die Inhalte der Occupy-Bewegung mithilfe ökonomischer Analysen von Karl Marx und marxistischer Theoretiker, um aufzuzeigen, inwieweit die Kritik der Bewegung am Finanzkapital strukturell verkürzt ist und wie sie durch eine radikalere antikapitalistische Perspektive ergänzt werden könnte.
- Genese und heterogene Zusammensetzung der Occupy-Bewegung
- Kritik am Finanzkapital und die Personifizierung ökonomischer Missstände
- Marxsche Analyse von Zinskapital und der Fetischisierung des Finanzmarktes
- Problematik der Trennung von 'schaffendem' und 'raffendem' Kapital
- Notwendigkeit einer Systemkritik jenseits bürgerlicher Reformforderungen
Auszug aus dem Buch
3.1 Selbstschöpferische Zinsquelle? - Funktionsweise und Wirkung des Finanzkapitals
Dass die Kritik vieler Okkupist*innen wie auch anderer 'Kapitalismuskritiker*innen' sich auf das Finanzkapital konzentriert, wurde bereits weiter oben herausgestellt. Dies ist kein neues Phänomen. Schon Marx bemerkte, dass das (heute v.a. als 'Finanzkapital' bekannte) zinstragende Kapital „in der Volksvorstellung [...] als Kapital als solches, als Kapital par excellence gilt“ (Marx, MEW 25: 389). Dies führt er auf die vermeintliche „Selbständigkeit dieser Form des Kapitals“ (ebd.) zurück, die scheinbar unmittelbar aus Geld mehr Geld 'heckt'. Um diese 'Kritik' zu untersuchen, soll zunächst die Funktionsweise des Finanzkapitals umrissen werden.
Marx unterscheidet drei Geldkapitalsorten: das industrielle Kapital (Produktionskapital), das kommerzielle Kapital (Handels- oder Kaufmannskapital) und das zinstragende Kapital (Bank- oder Kreditkapital) (vgl. Kurz 2003: 19). Als Geldkapital stellen alle drei Formen Geld dar, welches nicht für Konsumgüter ausgegeben, sondern investiert wird – da sein Zweck darin besteht akkumuliert zu werden. Die Kapitalien unterscheiden sich nun in der Investionsform. Produktions- und Handelskapital (welche Marx als 'fungierendes Kapital' zusammenfasst) werden in Arbeitskraft, Produktionsmittel etc. angelegt und schließlich durch die Produktion und Distribution von Gütern verwertet (vgl. ebd.). Wie im ersten Band des Kapitals beschrieben, setzt die Verausgabung von menschlicher Arbeitskraft dem investierten Kapital Mehrwert zu, der wiederum „durch den Verkauf der Produkte auf dem Markt 'realisiert'“ (ebd.) wird. Das zinstragende Kapital hingegen verwertet sich nicht unmittelbar durch Warenproduktion, sondern wird selbst zur Ware, die verliehen bzw. „gegen den 'Preis' des Zinses“ (ebd.) verkauft wird (vgl. Marx, MEW 24: 416). Beim Zins handelt es sich um einen Teil des Mehrwerts, der durch die Investition des geliehenen Geldes in die Warenproduktion entsteht. Die entleihende Instanz tritt einen Teil des Profit, der durch die Realisierung des Mehrwerts auf dem Markt erzielt wird, mit dem*r Kreditgeber*in, womit sich der Mehrwert in Unternehmensprofit und Zins aufspaltet (vgl. Marx, MEW 25: 351 und 405).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Entstehung und Heterogenität der Occupy-Bewegung sowie Darstellung der Forschungsabsicht, deren Inhalte marxistisch zu analysieren.
2. Die Occupy-Bewegung: Skizzierung der Genese, der demografischen Motive der Teilnehmenden und der zentralen inhaltlichen Forderungen der Occupy-Bewegung.
3. Occupy-Kritik im Lichte marx(isti)scher Analysen: Zentrale Analyse, die den Fokus der Bewegung auf das Finanzkapital dekonstruiert und die zugrundeliegenden Fetischisierungen aufzeigt.
4. Fazit: Zusammenfassende Reflexion über den Mehrwert marxistischer Kapitaltheorie für eine fundierte antikapitalistische Praxis der Bewegung.
5. Literatur: Auflistung aller verwendeten Quellen und Referenzen zur wissenschaftlichen Absicherung der Arbeit.
Schlüsselwörter
Occupy-Bewegung, Finanzkapital, Karl Marx, Kapitalismuskritik, Zinstragendes Kapital, Fetischisierung, Antisemitismus, Systemkritik, Umverteilung, Klassenkampf, Entfremdung, Realwirtschaft, Wachstumszwang, Politische Ökonomie, Radikaler Antikapitalismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die inhaltlichen Argumentationsmuster der Occupy-Bewegung hinsichtlich ihrer Kapitalismuskritik und gleicht diese mit der marxschen Theorie des Kapitals ab.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die Kritik am sogenannten Finanzkapital, die Personifizierung wirtschaftlicher Krisen durch die Bewegung und die Gefahr einer strukturell antisemitischen Kapitalismuskritik.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es zu zeigen, dass die Fokussierung der Occupy-Bewegung auf das Finanzkapital verkürzt ist und eine radikale, über den bürgerlichen Reformismus hinausgehende Antikapitalismuskritik erfordert.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Es wird eine theoretische Analyse der Occupy-Inhalte im Lichte der marxschen Kapital-Analyse durchgeführt, wobei Konzepte wie der Fetischcharakter der Ware und die Charaktermaske des Kapitalisten herangezogen werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Funktionsweise des Finanzkapitals, die Trennung von produktivem und spekulativem Kapital, den Mythos der Bankenmacht sowie die antisemitischen Strukturen der Personifizierung des Kapitals.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Finanzkapital, Fetischisierung, Systemkritik, Kapitalismus und Marxsche Analyse geprägt.
Warum ist die Trennung von 'schaffendem' und 'raffendem' Kapital problematisch?
Laut der Arbeit beruht diese Trennung auf einem falschen Verständnis des kapitalistischen Verwertungsprozesses und weist historische Parallelen zu antisemitischen Ideologien auf.
Wie bewertet die Arbeit die Forderung nach 'Umfairteilung'?
Die Forderung wird als innerhalb des kapitalistischen Rahmens bleibend und somit als unzureichend kritisiert, da sie lediglich die Distribution und nicht die Produktionsverhältnisse selbst adressiert.
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- Janina Marte (Author), 2012, Inhalte der Occupy-Bewegung im Lichte marx(isti)scher Kritik, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/283113