„Deutschland ist ein Einwanderungsland“ (Böhmer 2013: o. S.), verkündete die Staatssekretärin Maria Böhmer in einer Pressemitteilung zu Beginn des Jahres. Die Mikrozensus-
Erhebung aus dem Jahr 2011 belegt, dass in Deutschland etwa 15,96 Millionen Menschen mit einem Migrationshintergrund leben (vgl. BAMF 2011: 155). Dazu zählen alle Personen, die nach 1949 in das Land eingewandert sind sowie die in der Bundesrepublik geborenen Ausländer, aber auch hier geborene Deutsche mit mindestens einem zugewanderten oder als Ausländer in Deutschland geborenen Elternteil (vgl. Statistisches Bundesamt 2007: 6).
Eine ethnisch vielfältig zusammengesetzte Bevölkerung (vgl. Hradil 2006: 79) erfordert eine hohe Integrationsleistung der aufnehmenden Gesellschaft, die eine genauere Betrachtung
der unterschiedlichen Herkunftsgruppen voraussetzt (vgl. Vogelgesang 2008: 7). Zu den quantitativ bedeutsamsten Migrantengruppen in Deutschland gehören zum einen türkischstämmige Zuwanderer und zum anderen (Spät-) Aussiedler/-innen1, die seit Ende der 1950er Jahre aus verschiedenen osteuropäischen Staaten in die Bundesrepublik zurückkehren (vgl. BAMF 2011: 158 f.). [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Situationsbeschreibung und Fragestellung
1.2 Aufbau der Arbeit
2 Theoretische Ansätze zur Erklärung ethnischer Ungleichheiten im deutschen Bildungssystem
2.1 Individuelle Merkmale von Migranten
2.1.1 Ressourcentheoretische Ansätze
2.1.2 Humankapitaltheoretische Ansätze
2.1.3 Signal- und Filtertheorie
2.2 Aussiedlerspezifische Merkmale
2.2.1 Sprachdefizite und Folgemechanismen
2.2.2 Herkunfts-/ Lernkultur
2.2.3 Bildungs- und Werteverständnis
2.2.4 Integration und Identitätsbildung
2.3 Strukturelle Merkmale des deutschen Bildungssystems
2.3.1 Schulische Segregation
2.3.2 Institutionelle Diskriminierung
3 Empirischer Stand zu Bildungsbeteiligung und Bildungserfolg von Aussiedlern
3.1 Übergang vom Primar- in den Sekundarbereich I
3.2 Übergang vom Sekundarbereich I in den Sekundarbereich II
3.3 Übergang von der Schule bzw. Ausbildung in den Arbeitsmarkt
4 Resümee und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Integrationschancen von Aussiedlern aus den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion im deutschen Bildungs- und Erwerbssystem. Ziel ist es, zu klären, ob diese Personengruppe trotz ihrer Verbundenheit zur deutschen Kultur und ihres spezifischen rechtlichen Status dieselben Chancen auf Bildung und Arbeit erhält wie die einheimische Bevölkerung.
- Theoretische Erklärungsansätze für Bildungsungleichheiten (Ressourcen-, Humankapital- und Signaltheorie).
- Aussiedlerspezifische Integrationshürden wie Sprachdefizite und Anerkennungsprobleme von Abschlüssen.
- Strukturelle Barrieren im deutschen Bildungssystem, einschließlich Segregation und institutioneller Diskriminierung.
- Empirische Analyse der Bildungsübergänge (Primarstufe, Sekundarstufen, Arbeitsmarkt) im Vergleich zu Einheimischen und anderen Migrantengruppen.
- Diskussion der Auswirkungen des Migrationsstatus auf den Bildungserfolg und die Erwerbschancen.
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Ressourcentheoretische Ansätze
Um Antworten auf bildungssoziologische Fragestellungen im Hinblick auf die individuellen Merkmale von Menschen mit Migrationshintergrund zu erhalten, wird das soziale Bildungsverhalten des einzelnen Individuums auf der Mikroebene betrachtet (vgl. Hradil 2006: 136; Becker 2009: 18). Die soziologische Ressourcentheorie geht davon aus, dass Heranwachsenden während des Sozialisationsprozesses weitgehend unbewusste „kulturelle Ressourcen“ (Hradil 2006: 138) von ihren Eltern mitgegeben werden, die für den erfolgreichen Abschluss weiterführender Bildungsgänge von großer Bedeutung sind (vgl. ebd.: 138).
Darunter fallen Aspekte wie eine „[…] positive Leistungsmotivation, die auf das Erreichen von Zielen und Erfolgen und nicht auf das Vermeiden von Misserfolgen hin ausgerichtet ist, ein flexibler, distanzierter, autonomer und aktiver Umgang mit Normen und Rollen, ein hohes Ausmaß an Sprachfertigkeiten, […] sowie die Beherrschung abstrakter, komplexer, situationsunabhängiger, persönlich differenzierender Sprechweisen, ein hohes Ausmaß an Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten, grundlegender Optimismus, Zukunfts- und nicht Gegenwartsorientierung, die Fähigkeit, spontane Bedürfnisbefriedigung zugunsten selbstdisziplinierter Anstrengung aufschieben zu können.“ (ebd.: 138)
Die genannten kulturellen Ressourcen verschaffen Kindern aus höheren Sozialschichten sowohl Vorteile in ihrer Bildungslaufbahn als auch im späteren Berufsleben, da der Zugang zu anspruchsvollen Tätigkeiten erleichtert wird (vgl. Hradil 2006: 138). Als Folge der unterschiedlichen Ressourcenausstattung entstehen somit Chancenungleichheiten zwischen verschiedenen sozialen Schichten (vgl. Hradil 2006: 138). Diese Denkweise geht unter anderem auf Pierre Bourdieu zurück. Bourdieu kritisiert den wirtschaftswissenschaftlichen Kapitalbegriff und weitet diesen auf all seine Erscheinungsformen aus (vgl. Bourdieu 1983: 184). Er unterscheidet zwischen ökonomischem, kulturellem und sozialem Kapital, welches als akkumulierte Arbeit entweder in Form von Materie oder als verinnerlichte Form verstanden werden kann (vgl. ebd.: 183 und 186).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung stellt die Ausgangslage der Aussiedler-Migration dar und definiert die zentrale Forschungsfrage nach deren Chancen im deutschen Bildungssystem.
2 Theoretische Ansätze zur Erklärung ethnischer Ungleichheiten im deutschen Bildungssystem: Hier werden soziologische Theorien wie die Ressourcentheorie, Humankapitaltheorie und Filtertheorie auf ihre Eignung zur Erklärung von Bildungsdisparitäten bei Migranten geprüft.
3 Empirischer Stand zu Bildungsbeteiligung und Bildungserfolg von Aussiedlern: Dieses Kapitel analysiert die konkreten Bildungsübergänge von Aussiedlern und vergleicht diese mit Daten der einheimischen Bevölkerung und türkischstämmigen Migranten.
4 Resümee und Ausblick: Das Fazit fasst die Erkenntnisse zusammen, diskutiert die Grenzen der Datenlage und zeigt weiteren Forschungsbedarf zur Identifikation von Selektionsmechanismen auf.
Schlüsselwörter
Aussiedler, Russlanddeutsche, Bildungsungleichheit, Integration, Humankapital, Bildungsbeteiligung, Schulsystem, Bildungsübergang, Migration, Segregation, Sprachdefizite, Soziale Herkunft, Bildungssoziologie, Arbeitsmarktintegration, Akkulturation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob Aussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion im deutschen Bildungs- und Erwerbssystem vergleichbare Chancen haben wie die einheimische Bevölkerung.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf theoretischen Erklärungsmodellen für Bildungsungleichheit, den spezifischen Merkmalen der Aussiedlergruppe sowie der empirischen Untersuchung ihrer Bildungs- und Erwerbsbiografien.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Es wird untersucht, ob Aussiedler in der Aufnahmegesellschaft tatsächlich dieselben Chancen auf Bildung und berufliche Integration erhalten wie die autochthone Bevölkerung.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse soziologischer Theorien sowie der Auswertung bestehender empirischer Daten und Statistiken zum Bildungsverhalten von Migrantengruppen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Teil zur soziologischen Bildungsforschung und einen empirischen Teil, der die Übergänge vom Primar- in den Sekundarbereich und weiter in den Arbeitsmarkt analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Aussiedler, Russlanddeutsche, Bildungsungleichheit, Integration, Humankapital, Segregation und Bildungsübergänge.
Warum haben viele Aussiedler trotz Ausbildung Probleme auf dem deutschen Arbeitsmarkt?
Häufige Gründe sind die mangelnde formale Anerkennung der im Herkunftsland erworbenen Bildungsabschlüsse sowie unzureichende Deutschkenntnisse, die den Einstieg in qualifizierte Berufe erschweren.
Welche Rolle spielt die Sprache für den Bildungserfolg der Aussiedler?
Sprachkenntnisse werden als fundamentale Basis für die soziale und schulische Integration gesehen. Mangelnde Sprachkompetenz führt oft zu einer "Mehrfachexklusion" und behindert den Zugang zu qualifizierten Arbeitsmarktsegmenten.
Was bedeutet die "Zwischenposition" der Aussiedler in der Untersuchung?
Die Daten zeigen, dass Aussiedler bei Bildungsübergängen oft schlechter abschneiden als Einheimische, jedoch tendenziell bessere Ergebnisse erzielen als die Vergleichsgruppe türkischstämmiger Migranten.
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- Lena Worobiewa (Author), 2013, Chancengleichheit für Aussiedler/-innen im deutschen Bildungssystem?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/282466