Die Funktionalität des Gehirns ist für den Menschen schon immer ein sowohl faszinierendes als auch schwer greifbares Phänomen gewesen. Aus historischer Sicht ist die Darstellung häufig angelehnt an technische Errungenschaften der jeweiligen Zeit. Sigmund Freud sprach von einem „psychischen Apparat“, der Verhaltensforscher Konrad Lorenz empfand hinsichtlich des Instinktverhaltens den Vergleich zum Dampfkesselmodell als besonders sinnvoll und die amerikanischen Behavioristen sahen im Gehirn Analogien zu einer selbstständig arbeitenden Telefonschaltzentrale. [...]
Eine entscheidende Rolle für menschliche Gedächtnisleistungen spielt das autobiographische Gedächtnis. Es ist das einzig dem Menschen vorbehaltene Privileg, „ ‚ich’ sagen zu können und damit eine einzigartige Person zu meinen, die eine besondere Lebensgeschichte, eine bewusste Gegenwart und eine erwartbare Zukunft hat“. Allerdings ist das autobiographische Gedächtnis, wie man erkannt hat, anfällig für Verwechselungen der Umstände von Geschehnissen sowie der Quelle von Ereignissen. Es ist daher möglich, im Extremfall Erinnerungen an komplette Ereignisse bildlich und detailliert vor Augen zu haben, die nie geschehen sind.
Zunächst wird in dieser Arbeit der Versuch unternommen, in die Thematik von „false memory“ einzuführen und einen Eindruck der Bedeutsamkeit von Gedächtnis und Erinnerung für die lebensweltliche Orientierung des Menschen zu vermitteln.
Kern dieser Arbeit wird im drauf folgenden Abschnitt die Betrachtung einiger unterschiedlicher Gedächtnisphänomene, die ursächlich mit der Entstehung falscher Erinnerungen in Verbindung gebracht werden. Es ist dabei beabsichtigt, die einzelnen Punkte durch Beispiele aus dem Alltag oder aus dazu existierenden Studien zu veranschaulichen. Eine Abgrenzung der einzelnen Teile erfolgt in erster Linie zum Zweck einer deutlicheren Illustration. Gerade im Bereich von Quellenverwechslungen und -amnesien, für die viele Beispiele aufgeführt werden, erweisen sich klare Abgrenzungen als schwierig. Eine Trennung erfolgt hier häufig nur, wenn sich der Schwerpunkt der Betrachtung verlagert, wie zum Beispiel hinsichtlich der Konzentration auf Schemata und Kategorienbildung. Es wird in den aufgeführten Punkten außerdem auf verschiedene Bereiche des Gedächtnisprozesses konzentriert, bei denen es zu falschen Erinnerungen kommen kann.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Falsche Erinnerungen – Einführung und Grundlagen
3 „Sünden“ des Gedächtnisses - Wie entstehen falsche Erinnerungen?
3.1 Verblassen von Erinnerungen
3.2 Die Selektivität der Wahrnehmung und Aufmerksamkeit
3.3 Das „tip of the tongue“ Phänomen
3.4 Fehlzuordnungen und Fehlinformationen
3.5 Quellen-Überwachung, Quellenverwechselungen und Quellenamnesien im Kontext der menschlichen Vorstellungsgabe
3.6 Suggestibilität und induzierte Fehlinformationen
3.7 (kulturelle) Schemata und die soziale Dimension
3.8 Die Persistenz von Erinnerungen
4 Fazit/Ausblick
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Entstehung und Mechanismen von sogenannten „falschen Erinnerungen“ (False Memory). Ziel ist es, ein Verständnis für die Anfälligkeit des menschlichen Gedächtnisses zu schaffen und aufzuzeigen, wie autobiographische Erinnerungen verzerrt oder konstruiert werden können.
- Grundlagen des menschlichen Gedächtnisses und dessen Dynamik.
- Psychologische Ursachen für Gedächtnisfehler (z.B. Selektivität, Quellenverwechslung).
- Rolle von Suggestibilität und sozialen Faktoren bei der Entstehung falscher Erinnerungen.
- Kritische Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Gedächtnisfehlern in therapeutischen Kontexten.
- Persistenz von Erinnerungen und deren Auswirkungen auf das Individuum.
Auszug aus dem Buch
3.2 Die Selektivität der Wahrnehmung und Aufmerksamkeit
Im Moment der Einspeicherung zeigt das Phänomen der selektiven Wahrnehmung eine weitere Problematik des menschlichen Gedächtnisses bezüglich einer unverfälschten Wiedergabe von Erlebnissen. Die Entscheidung über die Aufnahme von Informationen in das Langzeitgedächtnis hängt an erster Stelle von der gerichteten Aufmerksamkeit ab, bei der gleichzeitig andere Aspekte einer Situation ausgeblendet werden (müssen). Als Beispiel werden in der Literatur unter anderem die Tricks von Variete´-Zauberkünstlern genannt, die auf der Tatsache basieren, dass die Aufmerksamkeit des Menschen bewusst auf einen bestimmten Aspekt der sichtbaren Situation fokussiert wird, sodass selbst unverdeckt vollzogene (aus objektiver Sicht offensichtliche) Manipulationen nicht wahrgenommen werden.
Auch ein Experiment mit Studierenden zeigte deutlich die Komplexitätsreduzierung der selektiven Wahrnehmung. Auf dem Uni Campus wurden Studenten von einem Experimentator nach dem Weg zu einem bestimmten Gebäude gefragt. Das Gespräch wurde immer bewusst durch instruierte Handwerker unterbrochen, die zwischen dem Befragten und dem Experimentator eine Tür hindurchtrugen. Im Moment der Verdeckung durch die Tür wurde der Experimentator durch eine, den Befragten fremde Person, ausgetauscht. Es zeigte sich, dass der Wechsel des Gesprächspartners nur sieben von fünfzehn Personen auffiel, was nahelegte, dass bei der Selektion Personen in Kategorien wahrgenommen werden. Durch die Fokussierung auf das Anliegen der fragenden Person und das Ausblenden ihrer Charakteristika (da man eine Wiederbegegnung in der Regel als unrealistisch einschätzt), blieb der Personentausch für diese Personen unentdeckt, im Sinne ihrer selektiven Wahrnehmung irrelevant (Markowitsch & Welzer zit. nach Schacter, 1999).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Funktionalität des Gehirns ein und distanziert sich von der Vorstellung des Gedächtnisses als verlässliches Archiv, indem sie dessen grundsätzliche Fehleranfälligkeit thematisiert.
2 Falsche Erinnerungen – Einführung und Grundlagen: Das Kapitel erläutert, dass Erinnerungen weder Kopien der Realität noch statisch sind, sondern täglich durch Wahrnehmung, Speicherung und Abruf neu konstruiert werden.
3 „Sünden“ des Gedächtnisses - Wie entstehen falsche Erinnerungen?: Dieser Hauptteil analysiert spezifische psychologische Phänomene, die zu fehlerhaften Erinnerungen führen, wie etwa Verblassen, selektive Aufmerksamkeit, Quellenverwechslung und suggestive Einflüsse.
4 Fazit/Ausblick: Das Fazit fasst zusammen, dass falsche Erinnerungen ein alltäglicher Bestandteil der menschlichen Kognition sind und mahnt zur Vorsicht, insbesondere in therapeutischen Befragungssituationen.
Schlüsselwörter
False Memory, Gedächtnis, autobiographisches Gedächtnis, Quellenüberwachung, selektive Wahrnehmung, Suggestibilität, Konfabulation, Fehlinformationseffekt, Schematheorie, Identität, Gedächtnisfehler, psychische Konstruktion, Persistenz, Erinnerungsverzerrung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt das psychologische Konzept der „falschen Erinnerungen“ (False Memory) und untersucht, warum das menschliche Gedächtnis keine verlässliche Aufzeichnung der Realität darstellt.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zu den zentralen Themen gehören die Dynamik der Gedächtnisbildung, die Rolle von Aufmerksamkeit und Selektion, Quellenverwechslungen sowie der Einfluss von Suggestion auf die Erinnerung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie und warum falsche Erinnerungen entstehen und welche Bedeutung diese Mechanismen für das Verständnis der menschlichen Identität und lebensweltlichen Orientierung haben.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse psychologischer Fachliteratur, aktueller Forschungsarbeiten sowie der Darstellung bekannter experimenteller Studien zu Gedächtnisphänomenen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in verschiedene Gedächtnisphänomene, darunter das Verblassen von Erinnerungen, selektive Aufmerksamkeit, das „Tip-of-the-tongue“-Phänomen, Quellenüberwachung und kulturelle Schemata.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind False Memory, Quellenüberwachung, Suggestibilität, autobiographisches Gedächtnis, Konfabulation und Schematheorie.
Was besagt das „lost-in-the-shopping-mall“-Experiment von Elisabeth Loftus?
Das Experiment zeigt, wie einfach es ist, bei Kindern oder Erwachsenen durch glaubhafte Erzählungen von Dritten falsche Kindheitserinnerungen an ein verlorenes Ereignis zu erzeugen.
Welche Rolle spielt die „Quellen-Überwachung“ bei Gedächtnisfehlern?
Die Quellenüberwachung ist entscheidend, um den Ursprung einer Information korrekt zuzuordnen. Wenn dieser Prozess versagt, können fremde Informationen oder reine Vorstellungen als eigene Erlebnisse erinnert werden.
Wie beeinflussen Schemata unsere Erinnerung?
Schemata dienen als mentale Strukturen, die unsere Wahrnehmung durch Erwartungshaltungen prägen, was dazu führen kann, dass Erlebtes bei der Speicherung vereinfacht und an bestehendes Wissen angepasst wird.
Warum ist das Thema für die Psychotherapie relevant?
Da in Therapien Erinnerungen oft intensiv thematisiert werden, besteht die Gefahr, dass Patienten durch suggestive Fragetechniken unbewusst falsche Erinnerungen an traumatische Ereignisse entwickeln.
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- Moritz Sturmberg (Author), 2012, Die Rekonstruktion des (Nicht-)Erlebten. Das False Memory Konzept, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/279658