Eine vergleichende Analyse der Berichterstattungen rund um den Mauerfall in Ost und West in Printmedien.
„Die Mauer wird noch in 50 oder 100 Jahren bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe noch nicht beseitigt sind“ versicherte der Generalsekretär der DDR, Erich Honecker, noch im Januar 1989. Tatsächlich „fiel“ die Mauer nur zehn Monate später. Heute sind mehr als zwei Jahrzehnte vergangen und die Bundesrepublik Deutschland kann im Oktober diesen Jahres den zwanzigsten Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung feiern. Anlässlich dieses Jubiläums wird der Einigungsprozess 1989 bis 1990 Thema vieler Berichterstattungen sein, wie auch der Mauerfall, der sich bereits im letzten November zum zwanzigsten Mal jährte. Im Mittelpunkt dieser Berichte standen persönliche Geschichten sowie die historischen Geschehnisse, die den Weg zur deutschen Einheit ebneten. Damals überschlugen sich die Ereignisse nahezu. Angestoßen von dem Abbau ungarischer
Grenzanlagen nach Österreich und der darauffolgenden Fluchtversuche unzähliger DDR-Bürger über die Volksrepublik in den Westen, sowie den nachgewiesenen Wahlfälschungen der SED, entfaltete sich eine Kette von historischen Geschehnissen. Was noch am Anfang des Jahres niemand für denkbar hielt, ereignete sich nun im Herbst 1989 innerhalb kürzester Zeit. In nur wenigen Wochen zerbrach das Regime nach vierzigjähriger Vorherrschaft wie im Zeitraffer. Geschwächt von den zahlreichen Fluchtversuchen und öffentlichen Protesten im Sommer geriet die Partei immer mehr unter Druck. Als Ungarn sich schließlich im September entschied, die Grenze nach Österreich endgültig zu öffnen, was den Flüchtlingsstrom in den Westen noch mehr antrieb, sah sich die SED in einer ausweglosen Lage und traf daher eine folgenreiche Entscheidung. Honecker war laut der Parteimitglieder nicht mehr dazu fähig, einen Umschwung der Situation zu bewirken, weswegen man ihn am 18. Oktober absetzte. Mit der Nachfolge von Egon Krenz als Generalsekretär wuchs die Kritik an der Regierung. Alle Versuche der Politiker, die Regierung wieder zu stabilisieren, schlugen fehl. Selbst die Ankündigung neuer Reiseregelungen änderte nichts daran. Die Oppositionsbewegungen, die ihren Höhepunkt im November in Berlin fanden, sowie die Fluchtversuche aus der Republik nahmen kein Ende. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1. Gegenstand der Arbeit und Motivation
1.2. Methoden und Aufbau der Arbeit
2. Theoretische Vorüberlegungen und Hintergründe
2.1. Die Rolle der Medien in den deutsch-deutschen Beziehungen
2.1.1. Rolle der ostdeutschen Medien
2.1.2. Rolle der westdeutschen Medien
2.2. Stereotypen - und Perzeptionstheorie
2.2.1. Nationenbild – nationales Selbstbild – nationales Fremdbild
2.2.2. Nationalstereotypen
2.2.3. Zur Konstruktion von Nationenbildern und Verwendung von Stereotypen in den Medien
2.3. Kurzporträts der ausgewählten DDR- und BRD- Zeitungen
2.3.1. Neues Deutschland und Berliner Zeitung
2.3.2. Frankfurter Allgemeine Zeitung und Tagesspiegel
3. DDR – Berichterstattung 1989: Vergleich ostdeutscher Artikel des ND und der BZ mit westdeutschen Artikeln der FAZ und des Tagesspiegels
3.1. Der letzte Wahlbetrug der SED
3.1.1. Historischer Kontext
3.1.2. Vergleichende Inhaltsanalyse der Berichterstattungen
3.1.3. Das Bild der BRD und der DDR in den Berichterstattungen
3.2. Das erste Loch im „Eisernen Vorhang“
3.2.1. Historischer Kontext
3.2.2. Vergleichende Inhaltsanalyse der Berichterstattungen
3.2.3. Das Bild der BRD und der DDR in den Berichterstattungen
3.3. Machtwechsel von Honecker zu Krenz
3.3.1. Historischer Kontext
3.3.2. Vergleichende Inhaltsanalyse der Berichterstattungen
3.3.3. Das Bild der BRD und der DDR in den Berichterstattungen
3.4. Der Fall der Mauer
3.4.1. Historischer Kontext
3.4.2. Vergleichende Inhaltsanalyse der Berichterstattungen
3.4.3. Das Bild der BRD und der DDR in den Berichterstattungen
4. Zusammenfassung der deutsch-deutschen Berichterstattung
4.1. Berichterstattung aus der BRD - Perspektive
4.2. Berichterstattung aus der DDR - Perspektive
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht vergleichend die mediale Berichterstattung über zentrale historische Ereignisse der DDR im Jahr 1989 in ausgewählten ost- und westdeutschen Printmedien. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie dieselben Ereignisse in beiden Mediensystemen dargestellt wurden, welche Unterschiede in der Wahrnehmung bestanden und welche Feindbilder oder Stereotypen zur gegenseitigen Charakterisierung eingesetzt wurden.
- Vergleich der Berichterstattung zwischen Ost- und Westmedien im Jahr 1989.
- Analyse der Wahrnehmungsunterschiede und der Konstruktion von Feindbildern.
- Untersuchung zentraler Ereignisse: Wahlfälschung, Öffnung der ungarischen Grenze, Machtwechsel und Mauerfall.
- Einfluss der Mediensysteme (Parteipresse vs. pluralistische Presse) auf die Artikulation.
- Rolle von Nationenbildern und Stereotypen in der deutsch-deutschen Medienlandschaft.
Auszug aus dem Buch
3.1.2. Vergleichende Inhaltsanalyse der Berichterstattungen
Einen Tag nach den Kommunalwahlen in der DDR verkündete das ND den Triumph der SED bei den Kommunalwahlen („Eindrucksvolles Bekenntnis zu unserer Politik des Friedens und des Sozialismus“, 8.5.: 1). Allerdings druckte man anstatt eines Berichtes lediglich die Bekanntgabe der Wahlergebnisse von Egon Krenz ab, die schon am Vorabend im DDR-Fernsehen veröffentlicht wurde. Darin war die detaillierte Auflistung aller Ergebnisse enthalten sowie die Danksagung an alle Wahlbeteiligten und der Glückwunsch an die Wahlgewinner. Der SED-Politiker selbst betitelte das Resultat als ein „eindrucksvolle[s] Votum für die Kandidaten der Nationalen Front“. Keine Rede war dagegen von den Vorwürfen des Wahlbetrugs oder den diesbezüglichen Protesten.
Ebenso verhielt es sich mit einem weiteren Bericht („Der Wahlsonntag in der Republik“, 8.5.: 3), in dem man genauso wenig Hinweise auf die Anschuldigungen fand. Auch hier wurden lediglich positive Aspekte hervorgehoben und negative Ereignisse ausgeblendet. Man stellte den 7. Mai als einen gelungenen Wahltag dar, an dem ein Großteil der Bevölkerung aller Bevölkerungsschichten die Wahllokale aufsuchte und vollkommen überzeugt der Nationalen Front die Stimme gab. Zudem fand die Tatsache, dass das Wahlergebnis von 98,85 Prozent für die Nationale Front das schlechteste Resultat seit der Gründung der DDR war, keinerlei Erwähnung.
Gleiches konnte man in dem vier Tage später erschienenen Artikel über die Kommunalwahlen feststellen (ND: „Überzeugendes Bekenntnis zu unserem bewährten Kurs“, 12.5.: 1). Dieser behandelte den Bericht der Wahlkommission über die Erfüllung ihrer Aufgaben, die zuvor in der Staatratssitzung unter Leitung von Erich Honecker erörtert wurde. Darin verdeutlichte Krenz, dass es sich bei der Abstimmung um ein ordnungsgemäßes Votum handelte und noch einmal wurde auf den überaus positiven Ausgang dieser Wahl hingewiesen. Im vollkommenen Bewusstsein darüber, dass Oppositionelle die Wahlergebnisse als Betrug ansahen, diesen nicht dulden wollten und versuchten dagegen anzugehen, konzentrierte sich der Bericht lediglich auf die von Krenz und Honecker sowie von anderen Beteiligten der Wahlkommission getroffenen Aussagen. Somit wurden nur Äußerungen anderer wiedergegeben und eine eigene Analyse der Geschehnisse aus Perspektive des Redakteurs erfolgte nicht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Beschreibt den Gegenstand, die Motivation der Arbeit und die methodische Vorgehensweise zur Auswahl der Zeitungen.
2. Theoretische Vorüberlegungen und Hintergründe: Erläutert die Rolle der Mediensysteme in beiden deutschen Staaten sowie die theoretischen Grundlagen der Perzeption und der Verwendung von Nationenbildern und Stereotypen.
3. DDR – Berichterstattung 1989: Vergleich ostdeutscher Artikel des ND und der BZ mit westdeutschen Artikeln der FAZ und des Tagesspiegels: Analysiert detailliert die Berichterstattung über vier zentrale Ereignisse (Wahlbetrug, Grenzöffnung, Machtwechsel, Mauerfall) und kontrastiert die jeweiligen Sichtweisen.
4. Zusammenfassung der deutsch-deutschen Berichterstattung: Synthetisiert die Ergebnisse der Analyse, indem die Berichterstattung aus BRD- und DDR-Perspektive gegenübergestellt und bewertet wird.
5. Fazit: Zieht ein abschließendes Resümee über die Unterschiede in der Berichterstattung und die instrumentelle Rolle der Medien in beiden Staaten.
Schlüsselwörter
Mauerfall, DDR-Berichterstattung, BRD-Medien, SED, Egon Krenz, Erich Honecker, Kommunalwahlen 1989, Nationenbild, Stereotypen, Politische Propaganda, Friedliche Revolution, Medienanalyse, DDR, Bundesrepublik Deutschland, Pressefreiheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Bachelor-Thesis analysiert, wie ost- und westdeutsche Printmedien im Jahr 1989 über zentrale politische Ereignisse des Umbruchs in der DDR berichtet haben.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die Darstellung von Wahlfälschungen, die Öffnung der ungarischen Grenze, den Machtwechsel von Honecker zu Krenz und den Fall der Mauer.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie sich die Berichterstattung in beiden Systemen unterschied und welche Nationenbilder oder Stereotypen genutzt wurden, um den jeweils anderen Staat als Feindbild darzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es wird eine vergleichende Inhaltsanalyse von 40 ausgewählten Zeitungsartikeln (ND, Berliner Zeitung, FAZ, Tagesspiegel) angewendet, um inhaltliche Differenzen und bildgebende Prozesse zu identifizieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in vier chronologische Analysekapitel, die jeweils den historischen Kontext sowie eine vergleichende Inhaltsanalyse der Berichte zu den spezifischen Ereignissen von Mai bis November 1989 beinhalten.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Friedliche Revolution, systembedingte Propaganda, Nationenbild, politische Kommunikation im Umbruchjahr 1989 und die Rolle der Journalisten als Akteure in einem ideologisch gespaltenen Mediensystem.
Inwiefern unterscheiden sich die DDR-Medien von den westdeutschen Zeitungen bei der Berichterstattung über den Machtwechsel?
Während die DDR-Medien versuchten, den Abgang von Honecker als gesundheitlich bedingt und freiwillig darzustellen, um die Partei zu stabilisieren, interpretierten die westdeutschen Zeitungen den Wechsel als erzwungene Reaktion auf den Machtverfall der SED.
Welche Rolle spielten die Medien in der DDR laut dieser Arbeit bei der Konstruktion von Realität?
Die Medien fungierten primär als Propagandainstrument der SED, das gezielt Informationen ausblendete oder uminterpretierte, um die DDR als stabilen, erfolgreichen Staat zu präsentieren, während der Westen diffamiert wurde.
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- Susann Hochmuth (Author), 2010, Ein Mauerfall. Zwei Perspektiven, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/278256