Die Unterrichtsstunde, die Ausgangspunkt dieser Arbeit ist, hielt die Autorin in einer siebenten Klasse des Mittelschulzweigs einer Schule. Thematisch war die Doppelstunde eingebettet in das Thema „Ballade“, wobei sie die Unterrichtsreihe einleiten sollte. Der Stunde vorausgegangen waren Deutschstunden, in denen die SchülerInnen Prosa- und Reimfabeln behandelt und einige Schüler die Texte ihrer Wahl in einem Stuhlkreis auswendig vorgetragen oder nacherzählt hatten. Für viele Schüler war es dabei ganz offensichtlich ein Grauen, selbst in dieser entspannten Situation ihren Text vorzutragen. Für wenige schien es ein wirkliches Vergnügen zu sein, den Zuhörern ihren Text näherzubringen. Einige wenige Schüler hatten über die übliche Nervosität hinausgehende gravierende Schwierigkeiten, ihren Text zu behalten, mussten sich oft vorsagen lassen und schienen mit der Situation hilflos überfordert zu sein.
Die Intention des hier vorgestellten Ansatzes ist es, den Schülern Möglichkeiten aufzuzeigen, die ihnen den Prozess des Textauswendiglernens erleichtern können. Dies entspricht den Anforderungen eines alltagsbezogenen Unterrichts, der auf die Pragmatik realistischer Zukunftssituationen Bezug nimmt.
Die Idee war, kleine Skizzen anzufertigen, die Schlüsselmomente des Textgeschehens visualisieren und als Stütze für den mündlichen Vortrag dienen können. Im Folgenden sollen die praktischen Beobachtungen, sowie Potenzial und Schwierigkeiten der Memorierstrategie ausgewertet werden. Das Schüler-Feedback deutete außerdem an, dass dem Prozess, den Text in visuelle Reize zu übersetzen, viel mehr als das Potenzial einer reinen Memorier-Technik innewohnt. Die anschließende Reflexion erschloss noch weitere Dimensionen, die sich durch die Unterrichtsstunde mit Blick auf den Gegenstand Balladenvortrag eröffnen. So soll dieser im Folgenden aus verschiedenen Perspektiven betrachtet werden, wobei auch Aussichten auf einen Balladenunterricht gestellt werden, der sich anschließen könnte.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorbemerkungen
2. Die Ballade im Deutschunterricht
2.1. Gattungsanalytisches Potenzial
2.2. Kontextualisierung
2.3. Literarisches Verstehen
3. Der Balladenvortrag
3.1. Verstehen durch Vortragen
3.2. Fachübergreifende Relevanz von Lese- und Vortragsstrategien
3.3. Der Balladenvortrag als Gegenstand einer produktionsorientierten Literaturdidaktik
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das methodische Potenzial des Balladenvortrags im Deutschunterricht der siebenten Klasse. Ziel ist es aufzuzeigen, wie produktive Verfahren wie die Visualisierung von Textstellen das Textverständnis vertiefen und den traditionell oft als belastend empfundenen Prozess des Auswendiglernens durch eine lebendige, schülerorientierte Auseinandersetzung mit literarischen Texten ersetzen können.
- Methodische Ansätze zur Textannäherung durch Visualisierung
- Die Rolle des Balladenvortrags als Lerngegenstand
- Förderung literarischen Lernens und Sprachbewusstseins
- Produktionsorientierte Literaturdidaktik
- Fachübergreifende Bedeutung von Lese- und Vortragsstrategien
Auszug aus dem Buch
3.1. Verstehen durch Vortragen
Eine Erfahrung vieler Schüler war, dass ihnen die Skizzen zum Textabschnitt zwar während des Vortrags nicht unbedingt geholfen, sondern sie sogar eher irritiert hätten. Allerdings, so viele Schülermeinungen, hätte das vorherige Durchdenken, das durch den Arbeitsauftrag zur Visualisierung angeregt worden war, auch den Vortrag erleichtert, da sie „irgendwie mehr gewusst hätten, worum es ging“. Dieses „irgendwie mehr gewusst“ interpretiere ich dahingehend, dass die Vorbereitung auf den Vortrag mithilfe der Visualisierung als Memorierstrategie die Übertragung von der Wort- auf die Bildebene fordert, um anschließend beim gesprochenen Vortrag wieder die Wort-Ebene zu aktivieren. Das Gelesene wird nicht nur im Stillen durchdacht, sondern auch im verbalen Austausch mit den Mitschülern in Bilder umgesetzt, wodurch es auf mehreren Kanälen verarbeitet wird. Dieses Beispiel lässt bereits erahnen, wie die Vorbereitung des Vortrags zum Verstehen beitragen kann.
An dieser Stelle lässt sich auch Bezug nehmen auf den möglichen Einwand, stupides Auswendiglernen sei unzeitgemäß und diene keinesfalls dem Kompetenzaufbau. Dem ist zu entgegnen, dass es beim Balladen- wie auch Gedichtvortrag keineswegs um ein sinnentleertes Überprüfen der Gedächtnisleistung geht. Der Ansatz, die Schüler mit Gedächtnisstützen arbeiten zu lassen, ihnen Memoriertechniken zu vermitteln und sie eigene Vortragspartituren erstellen zu lassen, entkräftet diesen Verdacht. Der literarische Vortrag verlangt natürlich das Auswendiglernen von Text als anspruchsvolle kognitive Leistung, die eine Verstehensleistung allerdings nicht ausschließt. Wie Juliane Köster konstatiert, und das bestätigte sich ja durchaus im Schüler-Feedback zu meiner Stunde, setzen mnemotechnische Methoden auch auf der semantischen Ebene an. Die Erinnerungsleistung hängt von der Verarbeitungstiefe ab oder anders gesagt: was länger durchdacht und besser verstanden wurde, kann besser wiedergegeben werden. Durch die Verknüpfung von Text und Vorstellungsbild, in meiner Stunde in Form der visuellen Übersetzung in kleine Skizzen, wird eine solch intensive Verarbeitungstiefe garantiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorbemerkungen: Die Autorin reflektiert ihre eigenen Erfahrungen mit dem Balladenvortrag in einer siebenten Klasse und erläutert die Planung ihrer Unterrichtsstunde.
2. Die Ballade im Deutschunterricht: Dieses Kapitel erörtert das gattungsanalytische Potenzial, die notwendige Kontextualisierung sowie Aspekte des literarischen Verstehens bei der Arbeit mit Balladen.
3. Der Balladenvortrag: Hier wird der Fokus auf den Zusammenhang zwischen Text und Präsentation sowie die didaktische Bedeutung produktionsorientierter Methoden gelegt.
4. Schlussbetrachtung: Die Autorin zieht Bilanz aus ihrer Reflexion und plädiert für einen abwechslungsreichen Balladenunterricht, der den Vortrag als zentrales Element integriert.
Schlüsselwörter
Ballade, Deutschunterricht, Balladenvortrag, Literarisches Lernen, Produktionsorientierte Literaturdidaktik, Visualisierung, Memorierstrategie, Gattungsanalytisches Potenzial, Textverständnis, Sprachbewusstsein, Vortragsstrategien, Schillers Handschuh, Schulpraxis, Lesefertigkeit, Ästhetische Erfahrung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit reflektiert die methodische Gestaltung des Balladenunterrichts und untersucht, wie der Vortrag dieser Textsorte didaktisch sinnvoll und schülerorientiert begleitet werden kann.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Gattung der Ballade, die Förderung von Memoriertechniken, die produktionsorientierte Literaturdidaktik und die Bedeutung des szenischen Vortrags.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Möglichkeiten aufzuzeigen, wie Schüler durch methodische Unterstützung – etwa durch Visualisierungen – ein tieferes Textverständnis erlangen und den Balladenvortrag als Ausdruck dieses Verstehens begreifen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt die Methode der unterrichtlichen Reflexion (Erfahrungsbericht) kombiniert mit einer fachdidaktischen Analyse und dem Bezug zu gängigen didaktischen Theorien.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert theoretische Aspekte der Balladendidaktik und verbindet diese mit der praktischen Planung und Durchführung von Unterrichtsstunden zur Ballade.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird vor allem durch Begriffe wie Balladenvortrag, produktionsorientiertes Lernen, Visualisierung und literarisches Verstehen geprägt.
Welche Rolle spielt die Visualisierung von Texten?
Die Autorin sieht in der Visualisierung ein wichtiges Werkzeug, um Textinhalte auf einer tieferen Ebene zu durchdringen, warnt jedoch vor einer zu frühen Abstraktionsforderung durch den Lehrer.
Warum ist das "Auswendiglernen" in dieser Arbeit positiv besetzt?
Es wird nicht als stupides Abfragen kritisiert, sondern als eine notwendige Kulturtechnik und kognitive Leistung, die durch mnemotechnische Hilfen in ein tiefes Textverständnis eingebettet wird.
Wie unterscheidet sich der hier vorgeschlagene Balladenunterricht vom herkömmlichen?
Er verzichtet auf den "frontalen" Druck des fehlerfreien Vortrags und setzt stattdessen auf experimentelle Verfahren, bei denen die Schüler den Text durch eigenes Handeln und Gestalten erschließen.
Welche besondere Schlussfolgerung zieht die Autorin?
Sie schlussfolgert, dass die Ballade nur dann ihr volles didaktisches Potenzial entfaltet, wenn dem Vortrag als "Krönung" der Unterrichtsreihe genügend Raum für kreative und gestalterische Entfaltung gegeben wird.
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- Thérèse Remus (Author), 2012, Das "Ur-Ei der Dichtung". Gattungs- und Methodenpotenziale des Balladenvortrags im Deutschunterricht, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/275647