Seit Dezember 2012 findet monatlich in verschiedenen Kneipen am Hasselbachplatz in Magdeburg „Church goes Pub“ statt. Dieses Event wird von Studenten organisiert, die Christsein in Treffpunkte des studentischen Lebens tragen und Vorurteile gegenüber der Kirche abbauen möchten. Im Mittelpunkt des Abends steht ein Redner, der seine persönliche Lebensgeschichte erzählt, Fragen der Gäste beantwortet und damit oft weitere Gespräche an den Tischen anstößt. Die Veranstaltung wird sehr gut besucht, sodass die Kneipenbesitzer an ihre Grenzen geraten, Platz für bis zu 140 Gäste zu bieten.
„Umrahmt von einer Unplugged-Band und Gesprächen ist Church goes Pub gemütlich, einfach, interessant. Ziel ist, dass Menschen durch das Kneipenambiente und die lockere Abendgestaltung Raum haben, um ungezwungen über den christlichen Glauben ins Gespräch zu kommen.“
Grundlegend unterscheidet sich nur der Ort der Veranstaltung von anderen christlichen Events, die zum Teil deutlich weniger Resonanz erhalten. Entsprechend muss der Raum selbst ein entscheidender Faktor für den Erfolg von „Church goes Pub“ sein. Welche Wirkungen haben die Räume, dass Menschen gerne ihre Freizeit in der Kneipe, jedoch nicht in der Kirche verbringen wollen?
Zur Beantwortung dieser Frage hat der Autor die Kirche St. Sebastian in der Magdeburger Innenstadt, sowie das „Riff“, eine Kneipe am Hasselbachplatz in Magdeburg, beobachtet.
Da es in der Frage um die Reaktion des Menschen auf den Raum geht, soll die Arbeit auf der anthropologischen Raumbetrachtung basieren. Deswegen werden vor allem Bollnows Faktoren der Raumwahrnehmung aus „Mensch und Raum“ als Grundlage des Vergleichs herangezogen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Raumvergleich
2.1. Aufbau der Räume
2.2. Tageszeit
2.3. Stimmung
2.4. Schall
2.5. Handlungsraum
2.6. Das menschliche Miteinander
3. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese Hausarbeit untersucht die raumtheoretischen Unterschiede zwischen kirchlichen Räumen und Kneipen unter Berücksichtigung der anthropologischen Raumbetrachtung von Otto Friedrich Bollnow. Ziel ist es, zu analysieren, warum das Veranstaltungsformat "Church goes Pub" in Magdeburg erfolgreich christliche Inhalte an eine studentische Zielgruppe vermitteln kann, während klassische Kirchenräumlichkeiten diese Gruppe oft weniger ansprechen.
- Analyse der Raumwahrnehmung bei Studenten des "Selbstverwirklichungsmilieus"
- Vergleichende Untersuchung von Kirche und Kneipe als Handlungsräume
- Einflussfaktoren der Raumgestaltung: Stimmung, Licht, Schall und Sitzordnung
- Bedeutung der sozialen Interaktion und des "menschlichen Miteinanders" für die Partizipation
Auszug aus dem Buch
2.4. Schall
Der jeweilige Raumcharakter des Schalls ergänzt die Raumgestaltung der Vergleichsobjekte sehr passend. Der Schallraum ist nicht mit dem optischen Raum gleichzusetzen. Durch die Geschlossenheit von Kirche und Kneipe liegen jedoch alle kontinuierlich einflussnehmenden Schallquellen innerhalb der betrachteten Räume, sodass in dieser Arbeit der Schallraum direkt zugeordnet wird.
In der Kirche herrscht außerhalb von Veranstaltungen völlige Ruhe. Dies verstärkt den Stimmungscharakter des Raums, der zu Innehalten, Konzentration und Gebet einlädt. Auch die angesprochene, hinterfragende Leere kann nur wahrgenommen werden, da der Mensch nicht von Geräuschen abgelenkt wird. Selbst die Reglementierung ist im Schall wiederzufinden: Die Besucher verhalten sich möglichst still, um die Ruhe nicht zu stören und negativ aufzufallen. Während der Beobachtung in St. Sebastian war sogar das Abreißen eines Blattes vom Notizblock unangenehm laut. Dies kann sich allerdings ins Gegenteil kehren. Wenn Orgelmusik oder ein starker Chor erklingen, kommt eine imposante akustische Fülle in den Raum, die in der Wahrnehmung weitestgehend von der Schallquelle gelöst ist.
In Kneipen wie dem Riff herrscht ein kontinuierlicher Geräuschpegel. Es läuft Musik im Hintergrund, Gläser klirren beim Anstoßen und an den Tischen wird geredet und gelacht. Der Raum ist auf dialogische Kommunikation ausgelegt, was an der sich zugewandten Einrichtungsplatzierung in den Sitzgruppen deutlich wird. Durch den Geräuschpegel muss keine Stille überwunden werden und die anderen Gäste hören nicht mit, was am Nachbartisch gesagt wird. Der gegenseitige Austausch als Folge der Gemeinschaft mit Freunden ist der Grund, die Kneipe zu besuchen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des Projekts "Church goes Pub" als studentisch organisiertes Event und Einordnung in das Interesse an einer anthropologischen Raumbetrachtung.
2. Der Raumvergleich: Umfassende Gegenüberstellung von Kirche und Kneipe anhand zentraler Faktoren wie Architektur, Tageszeit, Atmosphäre, Akustik und sozialer Interaktion.
2.1. Aufbau der Räume: Beschreibung der baulichen Unterschiede zwischen der gotischen St.-Sebastian-Kirche und einer studentisch genutzten Kneipe.
2.2. Tageszeit: Analyse der Wirkung von Lichtverhältnissen und der damit verbundenen Erwartungshaltung an den Besucher.
2.3. Stimmung: Untersuchung des "Schlüsselphänomens" Stimmung und wie rationale Kälte der Kirche auf die emotionale Befindlichkeit wirkt.
2.4. Schall: Vergleich der akustischen Welten von absoluter Stille in der Kirche gegenüber dem kommunikationsfördernden Geräuschpegel in einer Kneipe.
2.5. Handlungsraum: Diskussion der Nutzbarkeit des Raumes und der Identifikation des Nutzers mit dem Veranstaltungsort.
2.6. Das menschliche Miteinander: Erörterung der Rolle der sozialen Relation und wie Gemeinschaft durch Raumkonfigurationen erst konstituiert wird.
3. Fazit: Zusammenführung der Ergebnisse, die verdeutlichen, dass das "Church goes Pub"-Konzept durch die Neutralität des Kneipenraums Barrieren abbaut und Dialoge ermöglicht.
Schlüsselwörter
Raumvergleich, Church goes Pub, Bollnow, Mensch und Raum, Religionssoziologie, Erlebnisgesellschaft, studentisches Milieu, Raumwahrnehmung, Handlungsraum, St. Sebastian, Kneipenraum, Kommunikation, Partizipation, Identifikation, soziale Interaktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert die räumlichen Voraussetzungen für den Erfolg des Projekts "Church goes Pub" in Magdeburg durch einen direkten Vergleich zwischen einer Kirche und einer Kneipe.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die anthropologische Raumbetrachtung, die Wirkung von Architektur auf das menschliche Verhalten und soziologische Aspekte des studentischen "Erlebnisgesellschaft"-Milieus.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, welche räumlichen Wirkungen dazu führen, dass Menschen ihre Freizeit lieber in einer Kneipe verbringen als in einer Kirche, und wie dieser Effekt für christliche Bildungsangebote genutzt werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine qualitative Beobachtung (St. Sebastian Kirche und das "Riff") sowie auf raumtheoretische Konzepte von Otto Friedrich Bollnow und Martina Löw.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert schrittweise Faktoren wie Raumaufbau, Beleuchtung/Tageszeit, Stimmung, akustische Gegebenheiten, Handlungsspielräume und das soziale Miteinander.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Raumvergleich, Kirche, Kneipe, Church goes Pub, anthropologische Raumbetrachtung, Selbstverwirklichungsmilieu und Kommunikation.
Warum wird die Kirche in der Arbeit als "unfrei" wahrgenommen?
Die Arbeit argumentiert, dass die starre Sitzordnung, die helle, rationale Gestaltung und die Stille in der Kirche einen hohen Repräsentationsdruck erzeugen, der den Besucher in die Rolle des passiven Zuhörers zwingt.
Welchen Einfluss hat die Dunkelheit im "Riff" auf die Gesprächsführung?
Die Dunkelheit wird als "Dämmerungsraum" gedeutet, der eine gemütliche, geschützte Atmosphäre schafft. Dies reduziert den Repräsentationsdruck und fördert ein Gefühl, in dem "echtes" Miteinander und offenere Dialoge möglich werden.
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- Alexander Heinrich (Author), 2013, Kirche und Kneipe. Ein Raumvergleich, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/273945