Meist werden nur von Wenigen im Rahmen der Beschäftigung mit Büchner seine Aufsätze aus seiner Schulzeit in Betracht gezogen, obwohl man daraus doch viel über den späteren Schriftsteller und seine Werke erfahren kann. Vor allem das Thema des „Selbstmordes“ wiederholt sich in seinen Dramen. Somit habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, eine völlig neue Seite des allseits bekannten Autoren zu beleuchten, indem ich mich im Folgenden mit der Selbstmordthematik in zwei von Büchners Schriften auseinandersetzen werde. Dazu analysiere ich, inwiefern der Suizid der beiden Frauenfiguren aus „Dantons Tod“ auf Büchners Aufsatz aus seiner Gymnasialzeit „Über den Selbstmord. Eine Rezension“ anzuwenden und damit zu vergleichen ist.
Zunächst werde ich eine kurze wissenschaftliche Definition des „Selbstmordes“ nach Rainer Tölle geben. Danach lege ich dar, welches Bild des „Selbstmordes“ Büchner in seinem Gymnasialaufsatz zeichnet und erläutere einige Beispiele, die er dafür verwendet. Danach gehe ich auf die Suizide von Julie und Lucile aus „Dantons Tod“ ein. Zuletzt vergleiche ich die beiden Werke und wende sie aufeinander an.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Wissenschaftliche Definition des Begriffs „Selbstmord“ nach Rainer Tölle
3. Darstellung des Selbstmordes in Büchners “Über den Selbstmord. Eine Rezension”
3.1. Beispiel: Kato und Lukretia
3.2. Beispiel: Roland
4. Darstellung des Selbstmordes in Büchners „Dantons Tod“
4.1. Julie
4.2. Lucile
5. Vergleich der Selbstmordthematik in „Über den Selbstmord. Eine Rezension“ und „Dantons Tod“
6. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit setzt sich zum Ziel, die Selbstmordthematik in Georg Büchners Gymnasialaufsatz „Über den Selbstmord. Eine Rezension“ mit den Suiziden der Frauenfiguren Julie und Lucile in seinem Drama „Dantons Tod“ zu vergleichen und dabei bestehende inhaltliche Parallelen aufzuzeigen.
- Analyse der wissenschaftlichen Definition des Suizids nach Rainer Tölle.
- Untersuchung von Büchners Einstellung zum Selbstmord in seinem Jugendaufsatz.
- Charakterisierung der Suizidmotive von Julie und Lucile in „Dantons Tod“.
- Vergleichende Gegenüberstellung der theoretischen Ansätze und der dramatischen Umsetzung.
- Reflexion über Büchners Ideale wie Freiheitsliebe und Selbstbestimmung in seinen Werken.
Auszug aus dem Buch
3. Darstellung des Selbstmordes in Büchners “Über den Selbstmord. Eine Rezension”
In seinem Gymnasialaufsatz „Über den Selbstmord. Eine Rezension” gibt Büchner seine Meinung über den Selbstmord als „[sachgemäße] Zusammenstellung einzelner Gedanken und Ansichten“ wieder und bezieht sich vermutlich auf einen Aufsatz eines Mitschülers. So stellt er den Suizid, im Gegensatz zum Verfasser des rezensierten Aufsatzes, als nicht unklug dar, da sich der Selbstmörder nur von einem „unerträglich gewordenen [irdischen] Zustand“ befreien will, auch wenn er damit einen „sicheren Zustand mit einem unsicheren vertausche“. So sei es, laut Büchner, eher unklug „in einer rettungslosen Lage zu verharren“.
Des Weiteren bezeichnet er, einstimmig mit seinem damaligen Mitschüler, den Selbstmord als unnatürlich. Dies begründet er damit, dass derselbe „einen natürlichen Trieb unterdrücke“ und der, dem Menschen von der Natur vorgegebenen Bestimmung widerstrebe.
Der Behauptung, der Selbstmord sei irreligiös, scheint Büchner weder entscheidend zu- noch gegen zustimmen. Er deutet das „irreligiös“ als „unchristlich“ und unterstellt, der Begriff würde als „Einwurf gegen den Selbstmord oft gar sehr gemißbraucht“. Damit meint er, dass der Selbstmord nur dann als unchristlich bezeichnet wird, wenn einem kein anderer Grund gegen denselben einfällt. Dies belegt Büchner mit dem Beispiel von Kato und Lukretia, auf das ich später in Kapitel 3.1 eingehen werde. Für ihn ist das Subjektive dem Objektiven überzuordnen. Ist also der Selbstmord „nach allen menschlichen Einsichten zu rechtfertigen“ (was dem Subjektiven entspricht), obwohl er dem Christentum (in diesem Fall das Objektive) widerspricht, so ist Letzteres als unwichtig anzusehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung erläutert die Relevanz von Büchners frühen Aufsätzen für sein späteres Werk und formuliert die Absicht, die Selbstmordthematik in „Über den Selbstmord“ mit „Dantons Tod“ zu vergleichen.
2. Wissenschaftliche Definition des Begriffs „Selbstmord“ nach Rainer Tölle: Dieses Kapitel definiert verschiedene Formen und Motive von Suizidhandlungen, wie den geplanten Suizid oder den demonstrativen Suizidversuch, als theoretische Grundlage für die weitere Analyse.
3. Darstellung des Selbstmordes in Büchners “Über den Selbstmord. Eine Rezension”: Hier wird Büchners Gymnasialaufsatz analysiert, in dem er den Suizid als oft rationalen Ausweg aus unerträglichen Lebensumständen diskutiert und dabei konventionelle moralische Vorwürfe hinterfragt.
3.1. Beispiel: Kato und Lukretia: Das Kapitel behandelt die historischen Beispiele Kato und Lukretia, die Büchner anführt, um den Suizid als Akt der Selbstbehauptung und Freiheit zu rechtfertigen.
3.2. Beispiel: Roland: Hier wird das Beispiel des Politikers Roland erläutert, anhand dessen Büchner den Selbstmord aus Liebe, Treue und Patriotismus thematisiert.
4. Darstellung des Selbstmordes in Büchners „Dantons Tod“: In diesem Teil wird die fiktive Einbettung von Suiziden in das Drama als bewusste künstlerische Entscheidung Büchners zur Charakterisierung seiner Frauenfiguren dargelegt.
4.1. Julie: Die Analyse konzentriert sich auf Julies bewussten und rationalen Suizid mittels Gift, der ihre tiefe Treue zu Danton unterstreicht.
4.2. Lucile: Dieses Kapitel untersucht Luciles indirekten Suizid, der als emotionale Reaktion auf den Verlust ihres Mannes und als Akt der Verzweiflung gedeutet wird.
5. Vergleich der Selbstmordthematik in „Über den Selbstmord. Eine Rezension“ und „Dantons Tod“: Das Kapitel führt die theoretischen Überlegungen des Jugendaufsatzes mit den dramatischen Suizidhandlungen zusammen und arbeitet Gemeinsamkeiten in den Motiven Treue und Schicksalsbewältigung heraus.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass Büchner bereits in seiner Jugend Ansichten vertrat, die sich konsistent in seiner späteren literarischen Gestaltung widerspiegeln.
Schlüsselwörter
Georg Büchner, Dantons Tod, Selbstmordthematik, Suizid, Literaturwissenschaft, Rezension, Rationalität, Treue, Patriotismus, historische Figuren, Freiheit, Sittlichkeit, Jugendaufsatz, Frauenfiguren, Verzweiflung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht die philosophische und moralische Auseinandersetzung Georg Büchners mit dem Thema Suizid durch einen Vergleich seines frühen Gymnasialaufsatzes „Über den Selbstmord“ mit der dramatischen Darstellung von Freitoden in „Dantons Tod“.
Welche thematischen Schwerpunkte werden gesetzt?
Zentrale Schwerpunkte sind die Kategorisierung von Suizidformen, die moralische Rechtfertigung des Freitods und die Analyse der spezifischen Motivationen der weiblichen Charaktere Julie und Lucile.
Was ist die zentrale Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, inwiefern die in Büchners Jugendaufsatz theoretisch entwickelten Ansichten zum Selbstmord auf die dramatische Gestaltung der Suizide in „Dantons Tod“ angewendet und verglichen werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse herangezogen?
Zur methodischen Einordnung nutzt die Autorin eine wissenschaftliche Definition von Suizidhandlungen nach Rainer Tölle, um Büchners Texte strukturiert zu typisieren und zu vergleichen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in das Suizidkonzept nach Tölle, die Analyse von Büchners Aufsatz anhand historischer Beispiele sowie die Untersuchung der spezifischen Suizidszenen im Drama.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Selbstbestimmung, Treue, Rationalität, psychisches Leiden und die kritische Distanz zu herkömmlichen religiösen Moralvorstellungen geprägt.
Wie bewertet Büchner den Suizid in seinem frühen Aufsatz?
Büchner bewertet den Suizid in seinem Aufsatz als oft notwendigen, rationalen Ausweg in einer aussichtslosen Lage und weist den pauschalen Vorwurf der Irreligiosität zurück, sofern der Freitod aus sittlichen Beweggründen geschieht.
Inwiefern unterscheidet sich die Darstellung von Julie und Lucile?
Während Julie einen rationalen, geplanten und „sauberen“ Freitod wählt, der ihre innere Stärke und Treue zeigt, erfolgt Luciles Tod eher spontan aus emotionalem Wahnsinn und Verzweiflung über den Verlust ihres Mannes.
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- Maura Luisa Becker (Author), 2014, Vergleich der Selbstmordthematik in Büchners „Über den Selbstmord. Eine Rezension“ und „Dantons Tod“, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/273674