Der Essay entstand anlässlich der Aufführung der Gurre-Lieder im Juni 2014 in Köln. Er macht deutlich, dass Schönberg durch seine Synthese der Traditionslinien, die zu Brahms einerseits, zu Wagner andererseits geführt hatten, einen Gipfelpunkt romantischen Komponierens erreicht. Die ungewöhnliche Erweiterung tradierter Besetzungen ist insofern nichts Äußerliches, sondern Konsequenz einer Entgrenzung von Techniken, Gattungen und Formen sowie vor allem auch der Musik selbst, und zwar zur Sprache: Schönbergs interpretierender musikalischer Kommentar zum Text zeigt, dass das Liebespaar sich nach seinem Tode nicht in eine allumfassende Natur auflöst, sondern in einem transzendenten Sein zusammenfindet, dessen Abglanz in der Kunst aufscheint.
Inhaltsverzeichnis
1. Zugänge
2. Seele, Natur, Kunst: Spiegelung und Transformation
2.1 Inhalt, Form und Aussage
2.2 Mensch und Natur
2.3 Zwei Menschen: Liebe, Verwandlung und Identität
2.4 Entzweiung, Auflösung, Vereinigung
3. Paralipomena: Mensch und Natur – Entgrenzung durch Kunst
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis von Komposition und Dichtung in Arnold Schönbergs "Gurre-Liedern". Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Mittelpunkt, wie durch musikalische Mittel eine Transformation des Textes gelingt, die über die bloße Vertonung hinausgeht und eine tiefere, transzendente Einheit von Natur, Liebe und Tod erfahrbar macht.
- Analyse der kompositorischen Technik der "entwickelnden Variation" als Instrument der Sinnstiftung.
- Untersuchung der Transformation von Jens Peter Jacobsens Gedichtvorlage in einen zyklischen musikalischen Aufbau.
- Erörterung der philosophischen und weltanschaulichen Konzepte hinter der Darstellung von Mensch und Natur.
- Betrachtung der musikalischen "Entgrenzung" als ästhetisches Kernprinzip des Werks.
Auszug aus dem Buch
2.4 Entzweiung, Auflösung, Vereinigung
Es würde in diesem Rahmen zu weit führen, wollte man in derselben Ausführlichkeit wie bisher auch die folgenden 10 Lieder analysieren und interpretieren. Wir konzentrieren uns daher im Folgenden auf diejenigen Momente, die für den inneren Zusammenhang und damit für die Deutung des Ganzen wichtig sind.
Für die Einleitung zu dem einzigen Lied, aus dem der zweite Teil besteht, Waldemars Anklage gegen Gott, der ihm das „einz’ge Lamm“ getötet und sich damit als Tyrann erwiesen habe, verwendet Schönberg im Verfahren der entwickelnden Variation u. a. das Motiv aus „So tanzen die Engel“, nur in einer fast verdeckten und verzerrten Form, um uns Waldemars Zerrissenheit nahezubringen. Eine synkopiert stampfende, rhythmisch dezidierte Akkordballung symbolisiert sein Aufbegehren, das vor Blasphemie keinen Halt macht, und das in ein neues großes Thema mündet, um seine Verzweiflung auszudrücken: Es ist eine Variante des 2. Liebesthemas – und damit zugleich eine Variante des Sehnsuchtsthemas – und hängt auch mit dem Todesthema zusammen. Indem Schönberg hier wieder die zentralen Elemente der beiden Themen in neuer Zusammenstellung und mit variierten Richtungen – wir erkennen die abwärts gerichtete kleine Sexte, die Quinte, die kleine Septime, die kreisende Achtelbewegung mit leittönig angesteuertem Grundton, den Tritonus – verwendet, stellt er den gegenwärtigen Zustand als kausale Folge aus allem Vergangenen dar.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Zugänge: Das Kapitel beleuchtet die langwierige Entstehungsgeschichte der "Gurre-Lieder" und ordnet das Werk als zentralen Wendepunkt in Schönbergs Entwicklung sowie als Dokument des Übergangs vom 19. zum 20. Jahrhundert ein.
2. Seele, Natur, Kunst: Spiegelung und Transformation: Dieses Hauptkapitel analysiert die komplexen Verknüpfungen zwischen inhaltlicher Struktur, formaler Gestaltung und den zugrunde liegenden musikalischen Techniken, wobei das Verhältnis von Mensch und Natur im Zentrum steht.
3. Paralipomena: Mensch und Natur – Entgrenzung durch Kunst: Das abschließende Kapitel reflektiert das Werk im Kontext abendländischer Transzendenzsuche und arbeitet die Differenz zwischen Jacobsens Naturauffassung und Schönbergs kompositorischer Radikalisierung heraus.
Schlüsselwörter
Arnold Schönberg, Gurre-Lieder, Jens Peter Jacobsen, Komposition, Dichtung, Transformation, entwickelnde Variation, Entgrenzung, Musikästhetik, Natur, Identität, Transzendenz, Wagner, Motivik, Weltanschauung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Verhältnis von Komposition und Text in Arnold Schönbergs "Gurre-Liedern" und untersucht, wie Schönberg durch musikalische Mittel eine eigene Interpretation der Vorlage schafft.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der Transformation von Gedichten in einen musikalischen Zyklus, der Beziehung zwischen Natur und Mensch sowie dem Konzept der Entgrenzung in der Kunst.
Was ist die primäre Forschungsfrage der Arbeit?
Die zentrale Frage ist, wie die Musik das Anliegen des Textes nicht nur verdeutlicht, sondern durch ihre eigene Logik steigert und neu dimensioniert, um eine Einheit in der Vielfalt zu stiften.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor nutzt eine musiktheoretische und interpretative Analyse, wobei er sich insbesondere auf die Methode der "entwickelnden Variation" und den Vergleich zwischen textuellen und musikalischen Aussagen stützt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Analyse der thematischen und harmonischen Entwicklungen in den drei Teilen der "Gurre-Lieder", von der Liebesbeziehung über die Entzweiung bis hin zur spirituellen Auflösung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Transformation, Identität im Wandel, entwickelnde Variation, Entgrenzung und das Verhältnis von Natur und Musik.
Wie unterscheidet sich Schönbergs Auffassung vom Organischen von der des Dichters Jacobsen?
Während Jacobsen die Phänomene der Welt zwar verbindet, sie als Phänomene aber getrennt lässt, suggeriert Schönberg durch die thematische Arbeit eine transzendente Einheit, aus der alles hervorgeht und zu der alles zurückkehrt.
Welche Bedeutung kommt dem Melodram und dem Schlusschor für die Deutung zu?
Beide Elemente werden als entscheidende Mittel der Einbeziehung des Hörers und als architektonische Klammern begriffen, die die Einheit von Mensch, Natur und Schöpfung musikalisch vollenden.
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- Prof. Dr. Peter W. Schatt (Author), 2014, Natur und Kunst als Spiegel der Seele: Zum Verhältnis von Komposition und Dichtung in Arnold Schönbergs Gurre-Liedern, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/273336