„Musste denn das so sein, dass das, was des Menschen Glückseligkeit macht, wieder die Quelle seines Elendes würde?“ Diese Frage stellt Werther in dem Brief an seinen Freund Wilhelm vom 18. August. Es ist die Frage, die sich nicht nur jeder Philosoph, sondern auch - und insbesondere - jeder Liebende einmal stellen muss. In dem Briefroman Goethes wird allerdings keine befriedigende Antwort auf diese Frage des Protagonisten gegeben. Er beantwortet sie sich selbst, dem Liebeswahn verfallen und entschlossen diesem endgültig nachzugeben: „Ich seh dieses Elendes kein Ende als das Grab.“
Woraus besteht dieses Elend? Wie entstehen „Werthers Leiden“? Ist es seine Liebe zu Lotte? Oder ist es die Eifersucht zu Albert, der „ihm das Mädchen wegnimmt“?
Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit eben diesen Fragen, die schließlich alle auf eine große, übergeordnete Frage abzielen: Was bewog Werther letztendlich den fatalen Schritt zum Selbstmord zu machen?
Dass diese Frage bereits auf verschiedenste Weise anhand zahlreicher Theorien und Modellen interpretiert worden ist, steht außer Frage. Doch statt mich einer platten Wiederholung dieser Auslegungen des Werther zu bedienen, möchte ich in dieser Arbeit anhand Roland Barthes Fragmente einer Sprache Liebe und René Girards Modell des „>Triangulären< Begehrens“ die jeweiligen Beziehungen zwischen Lotte, Werther und Albert untersuchen und beweisen, dass die alleinige Eifersucht auf das Verhalten von Werther nicht zutrifft und somit schon einmal als Grund für seinen Suizid ausscheidet.
Der Selbstmord wird hier thematisiert, da er unmittelbar mit der Eifersucht, mit der unerfüllten Liebe und dem unglücklich Liebenden verwoben ist. Er ist die totale Konsequenz der Eifersucht im Sinne des Liebeswahns und des Neides eines Verstoßenen gegenüber allen, die einen passenden Platz in einem gesellschaftlichen System gefunden haben.
Wer der Eifersüchtige in Werthers Leiden ist, welche Rollen die Hauptakteure des
Briefromans annehmen und eine weitere Erklärung für Werthers Resignation am Leben und an der Liebe soll auf den folgenden Seiten geklärt werden.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Werther- der verzweifelt Suchende
2. Werther- der hoffnungsvolle Verliebte
3. Werther, Lotte und Albert- das >trianguläre< Begehren oder >Zeigt mir, wen ich begehren soll<
3.1 Lotte und Werther- kein spontanes Begehren
3.2 Albert und Werther- Nachahmung als Rivalitätsäußerung
3.3 Werther- der abwesende Dritte
4. >Ich sehe wohl, dass wir nicht zu retten sind.< - Rollenwechsel und Identifizierung
4.1 Lotte und Albert- von außen verbunden
4.2 Werther, der Bauernbursche, der Narr – die Überzähligen
5. >Ich seh dieses Elendes kein Ende als das Grab.< - Werthers Suizid oder Die Chronik eines angekündigten Freitodes
5.1 Der Verlauf von Werthers Freitod
5.2 >Warum weckst du mich, Frühlingsluft?< - Werthers letzte Begegnung mit Lotte
6. Fazit- Zusammenfassung des Motivs der Eifersucht in Die Leiden des jungen Werther
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die psychologischen Dynamiken von Begehren und Eifersucht in Goethes „Die Leiden des jungen Werther“. Ziel ist es, Werthers Entwicklung und seinen letztendlichen Suizid anhand literaturtheoretischer Modelle, insbesondere von Roland Barthes und René Girard, zu analysieren und als Konsequenz einer obsessiven, triangulären Begehrensstruktur zu deuten.
- Analyse des Werther-Charakters und seiner Verzweiflung
- Untersuchung des Konzepts des „triangulären Begehrens“ nach René Girard
- Identifizierung von Identifikationsprozessen mit anderen Figuren
- Die Rolle der sozialen Ausgrenzung für Werthers Resignation
- Deutung des Suizids als logische Konsequenz der Eifersuchtsspirale
Auszug aus dem Buch
3.1 Lotte und Werther- kein spontanes Begehren
Dem Leser wird den ganzen Roman über folgendes Bild vermittelt: Lotte ist eine schöne, begehrenswerte, junge Frau mit viel Güte, Talent und Charakter und deshalb hat sich Werther so unsterblich in sie verliebt. Dieser Trugschluss, welcher keinerlei Erklärung für Werthers späteres Denken, Fühlen und Verhalten liefert, kann aufgedeckt werden, wenn man Werthers Begegnungen mit einigen Wahlheimer Bürgern genau analysiert.
Erstmals tritt Werther mit dem Ideal des „unsterblich Verliebten“ in Berührung als auf einen Bauernburschen trifft, der ihm von einer Witwe, in deren Diensten er steht, erzählt, in die er sich offenbar verliebt hat. Werther ist so berührt von dieser Begegnung und der Schilderungen des Bauernburschen, dass er dies seinem Freund im Brief vom 30. Mai schreibt:
„Er sprach so vieles von ihr und lobte sie dergestalt, dass ich bald merken konnte, er sei ihr mit Leib und Seele zugetan.“
Werther verliert sich in Schwärmereien über die Worte des Bauern und schreibt zum Schluss:
„Schelte mich nicht, wenn ich dir sage, dass bei der Erinnerung dieser Unschuld und Wahrheit mir die innerste Seele glüht [...] und dass ich, wie selbst davon entzündet, lechze und schmachte.“
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Fragestellung nach der Ursache für Werthers Suizid unter Berücksichtigung literaturwissenschaftlicher Modelle.
1. Werther- der verzweifelt Suchende: Charakterisierung Werthers als ein junger Mann, der sich ziellos außerhalb gesellschaftlicher Strukturen bewegt und nach einer Identität sucht.
2. Werther- der hoffnungsvolle Verliebte: Analyse der ersten Begegnung mit Lotte und der beginnenden, einseitigen Fixierung Werthers auf das Idealbild der „Jungfrau“.
3. Werther, Lotte und Albert- das >trianguläre< Begehren oder >Zeigt mir, wen ich begehren soll<: Untersuchung der Dreiecksbeziehung zwischen Werther, Lotte und Albert unter Anwendung von Girards Theorie.
4. >Ich sehe wohl, dass wir nicht zu retten sind.< - Rollenwechsel und Identifizierung: Analyse der Identifikationsprozesse zwischen Werther und anderen Randfiguren im Roman.
5. >Ich seh dieses Elendes kein Ende als das Grab.< - Werthers Suizid oder Die Chronik eines angekündigten Freitodes: Darstellung der fatalen Zuspitzung von Werthers psychischem Zustand, die konsequent in den Suizid mündet.
6. Fazit- Zusammenfassung des Motivs der Eifersucht in Die Leiden des jungen Werther: Synthese der Ergebnisse, die Werthers Eifersucht nicht als psychologische Disposition, sondern als tragisches, durch äußere Bilder genährtes Begehren definiert.
Schlüsselwörter
Die Leiden des jungen Werther, Johann Wolfgang von Goethe, Eifersucht, Begehren, Trianguläres Begehren, René Girard, Roland Barthes, Suizid, Identifikation, Identitätskrise, Mimesis, Liebeswahn, Werther, Lotte, Albert.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Ursachen für das Scheitern und den Suizid des Protagonisten Werther in Goethes Briefroman, insbesondere unter dem Aspekt der Eifersucht.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Natur des Begehrens, die Struktur der Dreiecksbeziehung zwischen Werther, Lotte und Albert sowie die psychologischen Auswirkungen von Ausgrenzung und Identitätsverlust.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Suizid nicht als bloße „Liebestat“ zu interpretieren, sondern als Konsequenz einer pathologischen, von anderen Figuren induzierten Begehrensstruktur zu deuten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse unter Heranziehung von Modellen wie Roland Barthes „Fragmente einer Sprache der Liebe“ und René Girards Theorie des „triangulären Begehrens“ angewandt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert Werthers Entwicklung von der ziellosen Suche über die Begegnung mit Lotte und die Rivalität mit Albert bis hin zur Identifikation mit Leidensgenossen und dem finalen Suizid.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Eifersucht, Trianguläres Begehren, Mimesis, Identifikation, Suizid und die Analyse der Hauptfiguren.
Welche Rolle spielt René Girard für das Verständnis des Textes?
Girards Modell erklärt, dass Werther sein Begehren für Lotte nicht spontan empfindet, sondern es durch die Präsenz Alberts (als „Mittler“) erst eigentlich als erstrebenswert identifiziert.
Wie deutet der Autor das Motiv des Suizids am Ende?
Der Suizid wird als logischer Endpunkt einer Spirale aus Neid, Ausschluss aus gesellschaftlichen Systemen und der Unfähigkeit, das Begehren auf ein eigenes, authentisches Fundament zu stellen, interpretiert.
- Quote paper
- Deniz Tavli (Author), 2007, Eine Untersuchung des Motivs der Eifersucht und des Begehrens in Goethes "Die Leiden des jungen Werther", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/273189