Johann Gottlieb Fichtes „Die Bestimmung des Menschen“ von 1800 stellt einen Versuch Fichtes dar, die Grundzüge seiner Transzendentalphilosophie in verständlicher Weise der Öffentlichkeit darzulegen. Das Werk lässt sich damit in die Kategorie der Fichte´schen Populärphilosophie einreihen. In ihm präsentiert Fichte eine spezielle, idealistische Weltanschauung, die vor allem den herausgehobenen Status des Ich im Erkenntnisprozess hervorhebt.
Die „Bestimmung des Menschen“ ist nicht in der Art klassischer philosophischer Texte geschrieben. Das Werk besteht vielmehr größtenteils aus dem Monolog eines Ich-Erzählers, der die philosophischen Thesen quasi vor den Augen des Lesers entwickelt. Was genau Fichte mit dieser Darstellungsart bezweckt, wird später, in Kapitel 4, erklärt.
Die „Bestimmung des Menschen“ wurde vom Autoren in drei Bücher eingeteilt. Im zweiten Buch „Wissen“ konstruiert das Ich im Dialog mit einem anonymen Geist eine idealistische Erkenntnistheorie. Aus den Ergebnissen des Argumentationsverlaufs entsteht das Problem, dass die Realität völlig aufgelöst wird, da es dann nichts Bewusstsein gebe. Dieses Problem wird im dritten Buch „Glaube“ gelöst, indem das Handeln des Menschen als konstitutiv für die Entstehung von Realität bestimmt wird. Dieses befriedigende Ergebnis wird im weiteren Verlauf des dritten Buches noch durch einige weitere Überlegungen ergänzt, die aber nicht mehr in den engeren Kreis der Erkenntnistheorie gehören. Fichtes System ist damit nach dem Stand des Jahres 1800 umfassend auf populäre Weise aufgearbeitet worden.
Was dieses Bild eines kohärenten philosophischen Werkes allerdings trübt, ist das erste Buch der „Bestimmung des Menschen“, das mit „Zweifel“ betitelt ist. Paradoxerweise wird hier ein philosophisches System entworfen, das der Lehre von Fichte diametral entgegengesetzt ist. Es handelt sich um die These einer völlig determinierten Welt, von deren Kräften das Subjekt komplett bestimmt ist. Diese Lehre wird so unvermittelt präsentiert, dass der Leser ohne Kenntnis anderer Werke Fichtes zunächst glauben könnte, hier von der persönlichen Ansicht des Autoren zu lesen.
Der theoretische Widerspruch zwischen den Büchern I und II wird das Thema dieser Arbeit sein. Zunächst werden die Argumentationslinien und die wichtigsten Thesen der beiden Bücher besprochen und verglichen. Im Anschluss wird erörtert, welchen Zweck Fichte damit verfolgte, offensichtlich falsche Theorien im ersten Buch zu vertreten.
Gliederung
1. Einleitung
2. Zweifel – Das erste Buch der „Bestimmung des Menschen“
3. Wissen – Das zweite Buch der „Bestimmung des Menschen“
4. Die Bedeutung der Emotionen beim Übergang vom ersten zum zweiten Buch
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht den theoretischen Widerspruch zwischen den ersten beiden Büchern von Johann Gottlieb Fichtes Werk „Die Bestimmung des Menschen“. Dabei wird analysiert, wie Fichte im ersten Buch einen radikalen Determinismus entwirft, diesen im zweiten Buch durch eine idealistische Erkenntnistheorie widerlegt und welche didaktische sowie emotionale Rolle dieser argumentative Prozess für den Leser spielt.
- Analyse der deterministischen Weltsicht im ersten Buch „Zweifel“.
- Untersuchung der idealistischen Erkenntnistheorie im zweiten Buch „Wissen“.
- Aufarbeitung der Rolle von Emotionen und dem „kunstlosen Nachdenken“ des Lesers.
- Klärung der philosophischen Intention hinter der Präsentation bewusst falscher Theorien.
- Vergleich der Argumentationslinien als Vorbereitung für die finale Lösung im dritten Buch.
Auszug aus dem Buch
3. Wissen – Das zweite Buch der „Bestimmung des Menschen“
Zu Beginn des zweiten Buches wird wiederholt, unter welchen Qualen das Ich wegen der unbefriedigenden Ergebnissen seiner Untersuchungen zu leiden hat (vgl. S.199). Dem Protagonisten erscheint „um die Stunde der Mitternacht“ (ebd.) ein Geist, und der Rest des zweiten Buches besteht aus einem Dialog zwischen dem Geist und dem Ich. Gemeinsam versuchen sie, die Probleme, die im letzten Buch aufgeworfen wurden, von einem neuen Ausgangspunkt aus zu lösen. Interessanterweise ist der wesentliche Gehalt der Lösung, die sie gemeinsam finden, schon in den ersten paar Seiten des zweiten Buches enthalten. Es ist deshalb notwendig, diesen Teil besonders konzentriert zu lesen.
Anstatt mit pauschalen Feststellungen über die äußeren Gegenstände zu beginnen, setzen die anfänglichen Fragen des Geistes auf viel fundamentalerem Niveau an. Das wird schon bei einer der ersten Fragen deutlich: „Und woher weisst du, dass sie [die Gegenstände, Anm. DH] vorhanden sind?“ (S.200). Diese Frage geht insofern tiefer als das erste Buch, da nun nicht mehr bei den Gegenständen begonnen wird, sondern beim Wissen von den Gegenständen. Dieses Wissen resultiert nach der Meinung des Ich aus der Wahrnehmung – und zwar nur aus der Wahrnehmung. Man kann nun nicht mehr sagen, dass die Gegenstände in ihrer Bestimmung einfach da sind, sondern dass die Wahrnehmung der Gegenstände da ist. Da die Gegenstände nur durch die Wahrnehmung sind, ist auch die Bestimmung der Gegenstände nur durch die Bestimmung der Sinne zu verstehen. Hier ist ein erstes, wichtiges Zwischenergebnis erreicht.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in Fichtes „Bestimmung des Menschen“ und Darstellung der Problematik des theoretischen Widerspruchs zwischen den ersten beiden Büchern.
2. Zweifel – Das erste Buch der „Bestimmung des Menschen“: Analyse des „Zweifels“, in dem das Ich eine Welt des radikalen Determinismus und der vollständigen Fremdbestimmung des Menschen durch eine Naturkraft entwirft.
3. Wissen – Das zweite Buch der „Bestimmung des Menschen“: Untersuchung des idealistischen Ansatzes, der die äußere Realität in das Bewusstsein des Ichs auflöst und das Ich als Subjekt und Objekt zugleich definiert.
4. Die Bedeutung der Emotionen beim Übergang vom ersten zum zweiten Buch: Erörterung der Rolle von Emotionen und dem Wunsch des Autors, den Leser durch ein „kunstloses Nachdenken“ aktiv in den philosophischen Prozess einzubeziehen.
5. Schlussbetrachtung: Zusammenfassende Bewertung der erkenntnistheoretischen Entwicklung und der Bedeutung der Einbindung menschlicher Emotionen in die Philosophie Fichtes.
Schlüsselwörter
Johann Gottlieb Fichte, Die Bestimmung des Menschen, Transzendentalphilosophie, Determinismus, Idealismus, Erkenntnistheorie, Ich, Bewusstsein, Wahrnehmung, Naturkraft, Philosophie, Vernunft, Emotionen, Subjekt, Objekt.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den argumentativen Aufbau der ersten beiden Bücher von Fichtes „Bestimmung des Menschen“ und beleuchtet den dort auftretenden Widerspruch zwischen Determinismus und Idealismus.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Auseinandersetzung mit der Bestimmung des Ichs, die Natur der Erkenntnis, die Rolle der Wahrnehmung und der Einfluss emotionaler Zustände auf philosophische Reflexionsprozesse.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Zweck der Darstellung zunächst falscher, deterministischer Theorien zu verstehen und aufzuzeigen, warum diese für den weiteren philosophischen Fortschritt im Werk notwendig sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Textanalyse, die Argumentationslinien vergleicht, Fachliteratur einbezieht und die methodische Vorgehensweise Fichtes rekonstruiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Untersuchung des deterministischen ersten Buches, der idealistischen Wende im zweiten Buch sowie der didaktischen Funktion von Emotionen im Übergang zwischen beiden Teilen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Fichtes Transzendentalphilosophie, Determinismus, Idealismus, das Ich, Wahrnehmung und die wechselseitige Beziehung zwischen Verstand und Emotion.
Warum betrachtet der Autor das erste Buch trotz seiner „falschen“ Theorie als essenziell?
Das erste Buch dient dazu, beim Leser eine emotionale Betroffenheit zu erzeugen, die notwendig ist, um die unzureichenden Ergebnisse des Determinismus zu durchbrechen und zur tieferen Erkenntnis im zweiten Buch zu gelangen.
Inwieweit spielt das „Ich“ eine zentrale Rolle in beiden Büchern?
Im ersten Buch tritt das Ich als beobachtendes Subjekt auf, das sich einer fremden Naturkraft unterwirft; im zweiten Buch wird es durch Reflexion zum Subjekt und Objekt zugleich, wodurch die Außenwelt in das Bewusstsein verlagert wird.
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- Dennis Hogger (Author), 2014, Vom Zweifel zum Wissen. Die ersten beiden Bücher von Fichtes "Bestimmung des Menschen", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/272254