Die Geschichte der Fotografie ist nicht nur eine Geschichte technischer Innovationen. Die Entwicklung von der ersten Heliographie, J.N. Niepces berühmter Blick aus dem Arbeitsfenster, zu den Daguerreotypien bis hin zu unseren hochmodernen Digitalkameras ist zugleich ein Wandel der theoretischen Betrachtung was ‚Fotografie‘ überhaupt ist. Während sie anfangs noch als „Zeichenstift der Natur“ galt (so der Titel des ersten veröffentlichten Fotobandes von William Henry Fox Talbot), wurde ihr ontologischer Status im 20 Jahrhundert verstärkt hinterfragt, bis sie schliesslich - im digitalen Zeitalter angekommen - ihren Referenzbezug vollkommen verliert und als authentisches Dokument „ausgespielt“ hat. Damit wird die photographische Postmoderne eingeläutet.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Theorien zur Fotografie
2.1. In der Frühzeit: Die Fotografie als „Ebenbild“
2.2. Im 20. Jahrhundert: „Transformation des Wirklichen“
2.3. Im digitalen Zeitalter: Das „dubitative Bild“
3. Fotografie der Post-Moderne: Auf der Suche nach der Wirklichkeit
3.1. In der Populärkultur
3.2. In der Wissenschaft
3.2.1. Das Visible Human-Project
3.2.2. Das Blue Brain-Project
3.3.In der Kunstfotografie
3.3.1. Andreas Gursky
3.3.2. Jon Rafman
4. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den ontologischen Wandel der Fotografie im digitalen Zeitalter. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, ob die digitale Fotografie ihren Wirklichkeitsbezug durch die Möglichkeiten der technischen Manipulation und digitalen Konstruktion endgültig verloren hat oder ob sie durch neue Bezugssysteme in den Bereichen Populärkultur, Wissenschaft und Kunst eine spezifischere Form der Realitätskonstitution ermöglicht.
- Wandel des Wirklichkeitsbegriffs von der analogen zur digitalen Fotografie
- Semiotische Analyse des fotografischen Zeichens (Index vs. Symbol)
- Die Rolle der digitalen Konstruktion in der wissenschaftlichen Bildgebung
- Fotorealismus und Virtuelle Realität in populärkulturellen Medien
- Die Reflexion der Wirklichkeitskonstruktion in der zeitgenössischen Kunstfotografie
Auszug aus dem Buch
2.2. Im 20. Jahrhundert: „Transformation des Wirklichen“
Im 20. Jahrhundert unternahm die Fotografie-Theorie einen Wandel, der sich bereits mit den erwähnten Absichten der Piktorialisten abzeichnete. Nun stellt die Fotografie nicht mehr eine genaue Kopie der Wirklichkeit, sondern einer Transformation des Wirklichen in den Vordergrund. Die Auffassung der Piktorialisten gegen die Vormachtstellung der Fotografie als objektiv mechanische Reproduktion der Wirklichkeit anzukämpfen, wird im 20. Jahrhundert radikalisiert. Das Foto wird nicht mehr als transparenter Spiegel sondern als „hochgradig codiert“ betrachtet.
Die Unterschiede zwischen dem Bild und der Wirklichkeit seien offenkundig: Das Bild kann immer nur einen gewählten Blickwinkel einnehmen und ist durch seinen Rahmen beschränkt. Die Dreidimensionalität der Objekte wird auf ein zweidimensionales Bild zusammengestaucht, während das Farbspektrum (zumindest zu Beginn) auf einen Monochromatik reduziert wird. Dass das Bild codiert ist, kann mit einer Anekdote veranschaulicht werden, in der einer Buschmanns-Frau ein Foto ihres Sohnes vorgezeigt wird. Bis ihr die Details des Fotos erläutert werden, ist sie ausserstande ihren Sohn zu erkennen. Das Foto muss also sprachlich encodiert werden, damit es als Botschaft wahrgenommen wird. Somit erscheint das photographische Dispositiv also durchaus als ein kulturell codiertes Dispositiv. Da der Fotografie die Möglichkeit abgesprochen wird, eine empirische Realität wiederspiegeln zu können, wird die Wahrheit nicht mehr in der Realität gesucht, sondern in der Botschaft selbst. Die Folge ist eine innere Wahrheit, die sich mit dem äusseren Anschein nicht mehr decken muss. Nach dieser Sichtweise ist eine Fotografie also eine reine Abfolge von Codes. Mit Pierce gesprochen: Ein Symbol.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert den technologischen und theoretischen Wandel der Fotografie und formuliert die Absicht, den Wirklichkeitsbezug der Digitalfotografie kritisch zu hinterfragen.
2. Theorien zur Fotografie: Es wird die Theoriegeschichte von der analogen Frühzeit als „Ebenbild“ bis zur digitalen Ära als „dubitatives Bild“ und „Symbol-System“ nachgezeichnet.
3. Fotografie der Post-Moderne: Auf der Suche nach der Wirklichkeit: Anhand von Beispielen aus Populärkultur, Wissenschaft und Kunst wird aufgezeigt, dass digitale Konstruktion nicht zwangsläufig Wirklichkeitsverlust bedeutet, sondern neue Erkenntnisse ermöglichen kann.
4. Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass der Wirklichkeitsbezug nicht mehr primär durch analoge Abbildung, sondern durch konstruktive, operative Prozesse konstituiert wird.
Schlüsselwörter
Digitale Fotografie, Wirklichkeit, Wirklichkeitsbezug, Postmoderne, Bildmanipulation, Indexikalität, Symbol-System, Visible Human-Project, Blue Brain-Project, Andreas Gursky, Jon Rafman, Konstruktion, Virtuelle Realität, Fotorealismus, Dubitatives Bild
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie sich das Verständnis von Realität und Wirklichkeit in der Fotografie durch den Übergang von analogen zu digitalen Bildmedien verändert hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Theoriegeschichte der Fotografie, die Rolle der digitalen Bildmanipulation in der Wissenschaft, die Virtualität in der Populärkultur und die Strategien zeitgenössischer Fotokünstler.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es zu analysieren, ob digitale Bilder trotz ihrer Manipulierbarkeit einen Wirklichkeitsbezug aufrechterhalten können und wie dieser durch konstruktive Prozesse sogar spezifiziert wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine medienwissenschaftliche Analyse, die semiotische Theorien (insb. Charles S. Peirce) mit bildtheoretischen Ansätzen kombiniert, um Fallbeispiele aus verschiedenen Fachgebieten zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von virtuellen Realitäten in der Populärkultur (z.B. Avatar), medizinisch-wissenschaftliche Simulationen (Visible Human/Blue Brain) und die künstlerische Reflexion bei Andreas Gursky und Jon Rafman.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Digitale Fotografie, Wirklichkeit, Konstruktion, Indexikalität und das dubitative Bild.
Warum ist das Visible Human-Project für die Arbeit relevant?
Es dient als Beispiel dafür, wie digitale Konstruktion und künstliche Zusammensetzung von Daten (Querschnitte) dazu führen, eine für das menschliche Auge sonst unsichtbare Wirklichkeit medizinisch nutzbar zu machen.
Inwiefern hinterfragt Jon Rafmans „The Nine Eyes of Google Street View“ den Authentizitätsbegriff?
Rafman nutzt zufällig entstandene, ungefilterte Aufnahmen, die den Vorwurf der Fälschung konterkarieren und zeigen, wie auch im digitalen Zeitalter eine Form der dokumentarischen Realitätserfassung möglich bleibt.
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- Andrea Würth (Author), 2011, Auf der Suche nach der Wirklichkeit in der digitalen und post-modernen Fotografie, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/272159