Mit der Auflösung der Sowjetunion Anfang der 1990er Jahre ist nicht nur der Ost-West-Konflikt (OWK) Geschichte, sondern damit einhergehend auch eine wichtige Konstante im internationalen System: die Bipolarität zwischen den USA und der Sowjetunion als den zwei Hegemonialmächten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Aus der darauffolgenden unipolaren Stellung des einzig verbliebenen Hegemons – der USA – ist jedoch spätestens mit dem durch die Globalisierung provozierten Aufkommen neuer (Wirtschafts-)Mächte Anfang des 21. Jahrhunderts eine neue Unübersichtlichkeit bzw. Unsicherheit entstanden, welche Wissenschaft, Politik und Gesellschaft gleichermaßen vor große Herausforderungen stellt.
Insbesondere die neorealistische Denkschule der internationalen Beziehungen ist durch die mangelnde Prognosekraft in Bezug auf das Ende des „Kalten „Krieges“, v.a. durch idealistisch-liberale Gegenpositionen, in Kritik geraten.
Vor diesem Hintergrund stellt sich die spannende Frage, ob der Neorealismus noch (oder wieder) geeignet ist, aktuelle Funktionslogiken in der internationalen Politik adäquat zu erklären. Basierend auf der Annahme sich verschiebender Machtverhältnisse in der Welt wird in der vorliegenden Arbeit folgender Fragestellung nachgegangen: wie lassen sich die bilateralen Beziehungen zwischen der EU und Brasilien anhand der neorealistischen Denkschule interpretieren?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Konzeptualisierung
a. Definition relevanter Begriffe
b. Theoretisches Gerüst der Analyse
3. Operationalisierung (OP)
a. Unabhängige/erklärende Variablen
b. Abhängige Variablen
4. Empirische Analyse
5. Konklusion
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die bilateralen Beziehungen zwischen der Europäischen Union und Brasilien unter Anwendung der neorealistischen Denkschule der Internationalen Beziehungen, um zu analysieren, inwiefern diese durch staatliche Interessen geleitet sind.
- Neorealistische Theoriebildung und deren Anwendbarkeit auf die EU-Brasilien-Beziehungen
- Analyse der Machtressourcen und Sicherheitsinteressen im multipolaren System
- Bewertung strategischer Partnerschaften als Instrumente zur Machtmaximierung
- Vergleich von Balancing- und Bandwagoning-Strategien in der Außenpolitik
Auszug aus dem Buch
2. Konzeptualisierung
Zunächst ist es wichtig, den Begriff der Macht zu veranschaulichen. Macht spielt nicht nur in der Politikwissenschaft insgesamt eine übergeordnete Rolle, sondern v.a. im Bezug auf die (neo)realistischen Theorieströmungen. Max Weber definiert Macht als Chance, den eigenen Willen auch gegen Widerstand anderer durchzusetzen, wobei diese Chance auf unterschiedlichsten Machtmitteln beruhen kann (von Bredow 2013, S.24). Aus der Perspektive des „klassischen“ Realismus im Geiste Hans J. Morgenthaus, ist Macht Herrschaft von Menschen über Menschen. (Schieder u. Spindler 2010, S.49). Allerdings sieht sich diese vage Definition mehr oder minder scharfer Kritik v.a. von neorealistischer Seite ausgesetzt und wird durch die Begriffs-Kategorie des Interesses ergänzt.
In einer Theorie, die Staaten als die entscheidenden bzw. einzigen Akteure in der internationalen Politik festmacht, muss Interesse notwendigerweise national verstanden werden. Nationales Interesse „ist zunächst das, was (außen-)politischen Entscheidungsprozessen gewissermaßen als abstrakte, aus dem Handeln der beteiligten politischen Akteure amalgamierte Motivation zugrunde liegt (...)“ (Maull 2006). Die Definition dessen, was das nationale Interesse konkret ist, obliegt in der Regel der Regierung und hat daher subjektiven Charakter. In neorealistischer Perspektive wird jedoch unterstellt, dass das primäre Ziel eines Staates die Selbsterhaltung ist, was auf den Begriff der Sicherheit als zentrales Element des nationalen Interesses verweist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage ein, wie sich die bilateralen Beziehungen zwischen der EU und Brasilien neorealistisch interpretieren lassen, und skizziert die systemische Theoriegrundlage.
2. Konzeptualisierung: Hier werden zentrale Begriffe wie Macht, nationales Interesse und Sicherheit definiert sowie das theoretische Gerüst basierend auf neorealistischen Denkern wie Waltz, Walt, Schweller und Gilpin erarbeitet.
3. Operationalisierung (OP): In diesem Kapitel werden Variablenkonstrukte entwickelt, um die theoretischen Annahmen messbar zu machen, wobei zwischen unabhängigen (Struktur, Machtressourcen) und abhängigen Variablen (politische Strategien) unterschieden wird.
4. Empirische Analyse: Dieser Teil untersucht anhand quantitativer Machtressourcen und qualitativer außenpolitischer Strategien, ob und wie die strategische Partnerschaft zwischen der EU und Brasilien den theoretischen Modellen des Neorealismus folgt.
5. Konklusion: Das Fazit stellt fest, dass der Neorealismus zwar erklärungskräftig ist, jedoch durch normative Faktoren und internationale Institutionen an Grenzen stößt, weshalb für ein umfassenderes Verständnis eine Ergänzung durch alternative Konzepte sinnvoll wäre.
Schlüsselwörter
Neorealismus, Europäische Union, Brasilien, Internationale Beziehungen, Machtressourcen, Sicherheit, Strategische Partnerschaft, Bilateralismus, Multipolarität, Balancing, Bandwagoning, Außenpolitik, Interessen, Souveränität, Machtdiffusion
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Hausarbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die bilateralen Beziehungen zwischen der EU und Brasilien auf der Grundlage der neorealistischen Theorie der Internationalen Beziehungen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen Konzepte wie Machtpolitik, nationale Interessen, Sicherheit, die Rolle von Bündnissen und die Frage nach dem Einfluss der internationalen Systemstruktur auf das staatliche Handeln.
Welches ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu untersuchen, inwieweit die Beziehungen zwischen der EU und Brasilien von staatlichen Interessen geleitet werden und ob diese durch eine neorealistische Brille adäquat erklärt werden können.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine deduktive Herangehensweise im Sinne eines Theorietests, bei dem theoretische neorealistische Konzepte anhand empirischer Daten (z. B. Machtressourcen wie BIP oder Militärausgaben) operationalisiert und überprüft werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Konzeptualisierung, die Operationalisierung dieser Theorien sowie die konkrete empirische Analyse der Machtverhältnisse und politischen Strategien beider Akteure.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Neorealismus, Multipolarität, strategische Partnerschaft, Machtressourcen (Capabilities), Sicherheitsdilemma sowie Bandwagoning-Strategien.
Warum spielt das Konzept der "capabilities" nach Waltz eine so wichtige Rolle?
Es dient dazu, die machtrelationale Struktur des internationalen Systems zu erfassen, indem Bevölkerung, Wirtschaftskraft und militärische Ausstattung in einem Ranking quantifiziert werden.
Was ist das Ergebnis bezüglich der Anwendbarkeit des Neorealismus auf die EU-Brasilien-Beziehung?
Die Analyse zeigt, dass der Neorealismus zwar wichtige Aspekte abdeckt, aber an seine Grenzen stößt, da Faktoren wie internationale Institutionen und Wertebasen bei der Erklärung der Partnerschaft nicht ignoriert werden können.
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- Benjamin Weiser (Author), 2014, Die Beziehungen zwischen der EU und Brasilien. Interessen geleitete Bilateralität im Lichte des Neorealismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/272124