Mit der vorliegenden Arbeit zum Thema „Ideen der Počvenničestvo in Dostoevskijs Werk „Verbrechen und Strafe“ soll ein kleiner Einblick in eine der ideologischen Strömungen Russlands des XIX. Jahrhunderts gewährt werden – Počvenničestvo. Ihr konkretes Ziel ist dabei, zu untersuchen welche Ideen dieser Strömung ihren Eingang in Dostoevskijs „Verbrechen und Strafe“ fanden und wie sie vom Autor geprägt wurden.
Die Denkrichtung fand ihren Ausdruck in den von Brüdern Dostoevskijs herausgegebenen Zeitschriften „Vremja“ (1861-1863) und „Epocha“ (1864-1865). Die Bezeichnung „Počvenničestvo“ entstand auf der Grundlage der Publikationen von Dostoevskij mit dem für sie charakteristischen Appell zur Rückkehr zur „Erde“ („Počva“). Das Ziel der Bewegung formulierten Brüder Dostoevskijs folgendermaßen:
„Мы веруем только в одно, — что наша мысль отзывается на потребности общества. Да и не мы первые провозгласили ее. Она давно уже вырывалась наружу и искала заявить себя: — и в горячем слове, и в надеждах на будущее и в охлаждении к обеим старинным партиям, еще так недавно разделявшим всю мыслящую часть нашего общества. Но общество поняло, что с западничеством мы упрямо натягивали на себя чужой кафтан, не смотря на то, что оно уже давно трещал по всем швам, а со славянофильством разделяли поэтическую грёзу воссоздать Россию по идеальному взгляду на древний быт, взгляду, составившему вместо настоящего понятия о России какую–то балетную декорацию, красивую, но несправедливую и отвлеченную. […] Но теперь мы хотим жить и действовать, а не фантазировать. Общество ищет деятельности и всеми силами своими стремится угадать и определить ее.“
Die konkreten Postulate der Bewegung werden im Folgenden beschrieben. Davon ausgehend werden die Ideen der Počvenničestvo im Roman „Verbrechen und Strafe“ analysiert. Es soll dabei die Verarbeitung dieser Ideen sowie deren Bedeutung für das Werk untersucht werden. Anschließend wird die „Russische Idee“ Dostoevskijs als Grundlage der Denkrichtung erläutert.
Die theoretische Grundlage der Arbeit besteht aus Untersuchungen verschiedener Autoren unterschiedlicher Epochen. Viele von ihnen sind nicht wertneutral. Besonders betrifft es die sowjetischen Quellen, die bezüglich solcher Themen wie „Religion“ und „Westen“ starke ideologische Prägungen aufweisen. Dennoch bieten sie gute Anhaltspunkte, mit denen weitergearbeitet werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Počvenničestvo als Denkrichtung
3 Ideen der Počvenničestvo in „Verbrechen und Strafe“
3.1 „Počva“
3.2 Glaube
3.3 Antikapitalismus
3.4 Antisozialismus
4 „Russische Idee“ als Grundlage der Počvenničesto
5 Fazit
6 Literatur- und Quellenverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern die ideologischen Konzepte der Počvenničestvo-Bewegung in Fëdor Dostoevskijs Roman „Verbrechen und Strafe“ integriert sind und welche Bedeutung der Autor diesen Ideen für die Entwicklung seiner Charaktere und seine Weltanschauung beimaß.
- Die Philosophie der Počvenničestvo und ihr Ursprung
- Die symbolische Bedeutung der „Erde“ (Počva) im Roman
- Christlicher Glaube vs. westlicher Rationalismus
- Kritik an Kapitalismus und Sozialismus durch Dostoevskij
- Die „Russische Idee“ als messianisches Fundament
Auszug aus dem Buch
3.1 „Počva“
„Počva“ stellte den Ausgangspunkt der Počvenničestvo dar. Sie drückt den geistlich-moralischen Bereich des russischen Lebens aus, auf deren Grundlage die Verbindung der Kultiviertheit und der Volksmoral, der Kultur und der Volkstümlichkeit („narodnost‘), der Intelligenz und dem Volk möglich ist. Für Dostoevskij besitzt das Ideologem „Počva“ einen lebenssinnlichen und kulturellen Inhalt sowie eine enge Verbindung zu der religiösen Sphäre.
In „Verbrechen und Strafe“ hat „Počva“ eine primäre Bedeutung. Gerade die Lossagung Raskol‘nikovs vom moralischen „Boden“ („nravstvennaja počva“) hat nicht nur zum Mord an einem Menschen geführt, sondern auch zu seiner Selbstvernichtung. Durch seine Tat, bei der er sowohl das moralische als auch das religiöse Gesetz überschreitet, kommt Raskol‘nikov zu der Erkenntnis, dass er durch den Mord an der Pfandleiherin auch das eigene Ich vernichtet hat. Er erkennt, dass die Gewalt, die er über seine eigene Natur ergehen lässt, eine größere Sünde darstellt, als die Mordtat selbst. Sein wahres Verbrechen besteht also darin, dass er sich bewusst vom eigenen „Boden“ lossagt, indem er sich über jegliche Gesetze sowie über andere Menschen stellt.
Zudem teilt Dostoevskij die volkstümliche Vorstellung, dass die Erde nicht nur alles sieht und fühlt, sondern dass sie auch das menschliche Handeln beurteilt. Wie die Mutter („matuška zemlja“) vergibt sie Fehler, wie die Richterin bestraft sie für die schweren Sünden. Solches Verständnis verleiht Dostoevskij im Roman Sonja Marmeladova – von ihr geht die Verbindung zur „Erde“ und zum Volk aus. Sie ist es, die an Raskol‘nikov nach dessen Geständnis appelliert.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung definiert das Ziel der Arbeit, die Präsenz der Počvenničestvo-Ideen in Dostoevskijs Werk „Verbrechen und Strafe“ zu untersuchen.
2 Počvenničestvo als Denkrichtung: Dieses Kapitel erläutert den historischen Ursprung und die zentralen philosophischen Postulate der Bewegung, die als Alternative zwischen Slawophilentum und Westlertum auftrat.
3 Ideen der Počvenničestvo in „Verbrechen und Strafe“: Hier wird die konkrete Anwendung der Konzepte Bodenständigkeit, Glaube, Antikapitalismus und Antisozialismus im Roman analysiert.
4 „Russische Idee“ als Grundlage der Počvenničesto: Das Kapitel beleuchtet den messianischen Auftrag des russischen Volkes und die strikte Ablehnung westlicher materialistischer Theorien.
5 Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Počvenničestvo das ideologische Fundament von Dostoevskijs Weltanschauung bildet und maßgeblich die Rettung Raskolnikovs im Roman begründet.
6 Literatur- und Quellenverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur sowie Internetquellen.
Schlüsselwörter
Počvenničestvo, Fëdor Dostoevskij, Verbrechen und Strafe, Počva, Bodenständigkeit, Orthodoxer Glaube, Russische Idee, Raskolnikov, Sozialismuskritik, Kapitalismuskritik, Nationalgeist, Christliche Moral, Literaturwissenschaft, Westlertum, Slawophilentum.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie die spezifische russische Denkrichtung der „Počvenničestvo“ in Fëdor Dostoevskijs Roman „Verbrechen und Strafe“ inhaltlich verarbeitet wurde.
Welche zentralen Themenfelder behandelt der Text?
Die Arbeit konzentriert sich auf Themen wie die Rückkehr zur nationalen „Erde“ (Počva), die Rolle des orthodoxen Glaubens, sowie die Kritik des Autors an westlich geprägten kapitalistischen und sozialistischen Ideologien.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Dostoevskij seine eigene Weltanschauung, die stark von der Počvenničestvo geprägt war, nutzte, um die Entwicklung und Erlösung seiner Romanfigur Raskolnikov zu formen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Roman im Kontext historischer ideologischer Strömungen und unter Heranziehung existierender Forschungsliteratur interpretiert.
Was bildet den inhaltlichen Schwerpunkt des Hauptteils?
Der Hauptteil analysiert die Begriffe „Počva“ (Boden), christliche Demut, Kapitalismuskritik und die Polemik gegen sozialistische Reformideen innerhalb des Romangeschehens.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Počvenničestvo, die Russische Idee, Raskolnikov, die christliche Erlösung und der Gegensatz zwischen westlichem Rationalismus und russischer Volkstradition.
Wie definiert die Arbeit den Begriff der „Počva“ im Roman?
„Počva“ wird als geistlich-moralischer Boden verstanden, dessen Lossagung durch Raskolnikov zu seinem moralischen Fall führt, während die Rückkehr zu diesem Boden seine Heilung ermöglicht.
Welche Rolle spielt die Figur des Lebezjatnikov in der Argumentation?
Dostoevskij nutzt Lebezjatnikov als parodistische Karikatur sozialistischer Ideen, um die seiner Meinung nach oberflächlichen und destruktiven Aspekte des „progressiven“ westlich orientierten Denkens bloßzustellen.
- Quote paper
- Larissa Savin (Author), 2013, Ideen der Počvenničestvo in Dostoevskijs Werk „Verbrechen und Strafe“, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/271987