Ein Foto, dass zu einem Symbol für den Holocaust geworden ist. Bewohner des Warschauer
Ghettos werden von SS-Männern aus einem Gebäude getrieben. Ganz vorn ein Junge mit
einer Mütze, erhobenen Armen und einem angsterfüllten Gesicht. Dieses Foto ist zu einem
Sinnbild der deutschen Kriegsverbrechen während des Zweiten Weltkriegs geworden und
heute in fast jedem Schulbuch für den Geschichtsunterricht zu finden.
In dieser Hausarbeit geht es jedoch nicht um den kleinen Jungen, sondern um den Mann in
SS-Uniform, der hinter ihm steht, mit einem Stahlhelm auf dem Kopf und die
Maschinenpistole auf sein Opfer gerichtet. Sein Name ist Josef Blösche, ein Mitläufer aus
dem Sudetenland, der schon früh mit dem nationalsozialistischen Gedankengut sympathisiert.
Nach seiner Ausbildung zum SS-Soldaten, wird er sich später einen besonders grauenhaften
Namen im Ghetto von Warschau machen. Ein Teilaspekt dieser Hausarbeit liegt dabei auf
dem Werdegang des Josef Blösche. Welche Stationen prägen ihn in seinem Leben besonders?
Ist er von Anfang an die Person, die sich später in den Gräueltaten in Osteuropa zeigt?
Nachdem ein besonderer Blick auf das Leben und die Taten des Josef Blösche geworfen ist,
schließt sich der Hauptaspekt dieser Arbeit an. Dabei geht es um die Strafverfolgung von
Kriegsverbrechen in der DDR. Auch Blösche musste sich in einem solchen
Kriegsverbrecherprozess verantworten. Um jedoch Vergleichsmöglichkeiten zu erhalten, wird
außer dem Fall Blösche noch ein weiterer Prozess behandelt. Es ist der Gerichtsprozess des
ehemaligen SS-Untersturmführers Heinz Barth, der nach dem „Massaker von Oradour-sur-
Glane“ schwere Schuld auf sich geladen hatte und nach dem Krieg, ähnlich wie Blösche,
lange Zeit unerkannt in der DDR lebte.
Ziel dieser Hausarbeit ist nicht in erster Linie, die Lebensgeschichte der beiden Täter zu
analysieren, obwohl ein Einblick in darin, in Hinsicht auf ihre Verbrechen unablässig ist,
sondern die Kriegsverbrecherprozesse in der DDR genauer zu beleuchten. Warum wurde der
SED-Staat mit seinem spezialisierten Ermittlungs- und Überwachungsinstrument erst so spät
auf die Kriegsverbrecher aufmerksam, gab es Unterstützung von außen? Auf welchem Wege
erfolgten die Ermittlungen? Wurden die Täter auf Grundlage der Rechtmäßigkeit verurteilt
oder sollte an ihnen nur ein Exempel statuiert werden? Diese Fragen sollen in der
vorliegenden Arbeit analysiert und geklärt werden. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Fall Josef Blösche
2.1 Leben
2.1.1 Herkunft und Jugendjahre
2.1.2 Parteisoldat und SS-Mann
2.1.3 Warschauer Ghetto
2.1.4 Kriegsgefangenschaft und Rückkehr in die DDR
2.2 Ermittlungen
2.3 Verhaftung und Vernehmungen
2.4 Gerichtsverfahren und Urteil
3. Der Fall Heinz Barth
3.1 Leben und Kriegsverbrechen
3.2 Ermittlungen
3.3 Gerichtsverfahren und Urteil
4. Vergleich
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Strafverfolgung nationalsozialistischer Kriegsverbrecher in der DDR am Beispiel der Täter Josef Blösche und Heinz Barth. Ziel ist es zu klären, inwieweit die Prozesse als Instrumente zur Wahrheitsfindung dienten oder primär zur propagandistischen Selbstdarstellung des SED-Staates gegen die Bundesrepublik genutzt wurden.
- Analyse der Lebenswege und Radikalisierung der Täter Josef Blösche und Heinz Barth.
- Untersuchung der Ermittlungsverfahren und der Rolle des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS).
- Bewertung der Gerichtsverfahren hinsichtlich ihrer propagandistischen Funktion im Zeichen der Systemkonfrontation.
- Vergleichende Betrachtung der Rechtspraxis in der DDR gegenüber der Bundesrepublik Deutschland.
- Reflexion über die Aufarbeitung von NS-Verbrechen und die Bedeutung ideologischer Verblendung.
Auszug aus dem Buch
2.1.3 Warschauer Ghetto
Im Sommer 1942 kehrt Josef Blösche dorthin zurück. Das Ghetto hat sich seit seinem letzten Aufenthalt enorm verändert. Jeden Tag rollen nun Züge mit Viehwaggons, die die Ghettobewohner zu tausenden ins Konzentrationslager nach Treblinka deportieren, wo sie systematisch ermordet werden. Blösches Aufgabe in der Außenstelle des SD ist es, die Deportationsmaßnahmen zu überwachen und Deportationszahlen zu erfassen. In unregelmäßigen Abständen gibt es im Warschauer Ghetto regelrechte Deportationswellen. Der SD-Mann Blösche hat hierbei die Aufgabe, planmäßig ganze Wohndistrikte zu räumen, um die dort lebenden Menschen zum sogenannten „Umschlagplatz“ zu treiben, von wo aus sie in die Lager gebracht werden. Hierbei macht sich Blösche einen besonders grausamen Namen. Rücksichtslos und mit aller Brutalität führt er seine Aufträge aus. Nicht arbeits- oder lauffähige Menschen werden häufig an Ort und Stelle erschossen. Hierbei macht er keinen Unterschied zwischen Männern, Alten, Frauen und sogar Kindern.
Zu Blösches Spezialität gehört das Aufspüren von Verstecken in bereits geräumten Wohnbezirken. Aufgegriffene Personen, die sich versteckt hielten und aus ihren Hohlräumen und Geheimgängen kommen, als sie sich in Sicherheit wiegen, werden meist sofort liquidiert oder ebenfalls zum Umschlagplatz getrieben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der NS-Kriegsverbrecherprozesse in der DDR ein und formuliert die Forschungsfrage bezüglich der Motivation und Durchführung dieser Verfahren anhand der Fallbeispiele Blösche und Barth.
2. Der Fall Josef Blösche: Dieses Kapitel detailliert den Lebenslauf von Josef Blösche, seine Radikalisierung, die Taten im Warschauer Ghetto, seine spätere Enttarnung in der DDR sowie den anschließenden Prozess und die Vollstreckung des Todesurteils.
3. Der Fall Heinz Barth: Der Abschnitt befasst sich mit der Biografie und den Kriegsverbrechen von Heinz Barth, insbesondere seiner Rolle beim Massaker von Oradour-sur-Glane, und beleuchtet die langjährige Unerkanntheit, die Ermittlungen und das gerichtliche Urteil in der DDR.
4. Vergleich: Der Vergleich stellt die beiden Fälle gegenüber und analysiert Gemeinsamkeiten in der propagandistischen Inszenierung der Prozesse durch den SED-Staat sowie Unterschiede in der Art der begangenen Verbrechen.
5. Fazit: Das Fazit resümiert, dass die Prozesse einerseits der rechtmäßigen Bestrafung dienten, andererseits aber gezielt instrumentalisiert wurden, um das Prestige der DDR im internationalen Vergleich zu steigern und den Westen als "renazifiziert" anzuklagen.
Schlüsselwörter
NS-Kriegsverbrechen, DDR, Justiz, Josef Blösche, Heinz Barth, Warschauer Ghetto, Oradour-sur-Glane, MfS, Strafverfolgung, Propaganda, Schauprozess, Systemkonfrontation, Nationalsozialismus, SED-Staat, Entnazifizierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der strafrechtlichen Aufarbeitung von nationalsozialistischen Kriegsverbrechen in der DDR anhand der konkreten Prozesse gegen Josef Blösche und Heinz Barth.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Lebensläufe der Täter, die Ermittlungsarbeit der DDR-Sicherheitsbehörden, die Instrumentalisierung der Prozesse für politische Propaganda und der Vergleich mit der Aufarbeitung im westdeutschen Staat.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es wird untersucht, ob die Prozesse gegen die Kriegsverbrecher primär der Gerechtigkeit dienten oder ob der SED-Staat diese nutzte, um sein internationales Ansehen als "besserer Staat" gegenüber der Bundesrepublik zu festigen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine fundierte Analyse von Quellen und Forschungsliteratur, darunter Vernehmungsprotokolle, zeitgenössische Zeitungsartikel, Gerichtsdokumente und Fachliteratur zur NS-Vergangenheit in der geteilten Nation.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert detailliert die Biografien und Verbrechen der Täter, ihre unerkannte Integration in die DDR-Gesellschaft, die Ermittlungsschritte des MfS und den Ablauf der jeweiligen Gerichtsverfahren bis zum Urteilsspruch.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie NS-Kriegsverbrechen, SED-Staat, Systemkonfrontation, Propaganda, Strafverfolgung und MfS charakterisiert.
Wie unterschied sich die Tatbeteiligung von Blösche und Barth laut der Arbeit?
Blösche wird als typischer "Exzesstäter" beschrieben, der eigenhändig Menschen tötete, während Barth als SS-Offizier den Schießbefehl für ein Massenmassaker in Oradour gab.
Warum blieb die DDR bei Barth von der Todesstrafe ab?
Als Gründe werden sein lückenloses Geständnis, die Abkehr von seiner Gesinnung sowie die Einschätzung angeführt, er sei kein "geistiger Urheber", sondern nur ein kleines Rädchen im NS-System gewesen.
Wie reagierte die DDR auf die Identifizierung der Täter?
Das MfS plante die Prozesse sorgfältig, um propagandistische Zwecke zu verfolgen, und versuchte, durch Rechtshilfeersuchen internationale Anerkennung und Beweismaterial zu gewinnen, während gleichzeitig versucht wurde, eigene Versäumnisse zu kaschieren.
- Quote paper
- Julius Ledge (Author), 2013, Kriegsverbrecherprozesse in der DDR, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/270133