Der vorliegende Essay will sich der Frage widmen wie Rasse als Ordnungskategorie in der sozialen Umwelt von Individuen in spezifischen Situationen dargestellt wird. In Anlehnung an den wegweisenden Aufsatz aus der Geschlechtersoziologie von West und Zimmerman „Doing Gender“, der hier im Einführungs- und Brückenkapitel eine zentrale Rolle einnehmen soll, lautet das diesen Essay durchziehende Schlagwort „Doing Race“.
Die Präsentation und Vermittlung dieser Ordnungskategorie soll jedoch nicht ausschließlich analog zum Doing Gender konzipiert und analysiert werden, vielmehr wird explizit auch der mit ihm verwandte Ansatz der Perfomanz (performance) einbezogen. In der Geschichtswissenschaft ist er, ausgehend von den Vereinigten Staaten mit folgender Breitenwirkung hinein den europäischen Diskurs, in den letzten 10 Jahren als neue theoretische Strömung der Historiographie kritisch diskutiert worden. Für diese Arbeit sollen Jürgen Martschukat und Steffen Patzold als deutsche Avantgardisten für die theoretische Grundlegung herangezogen werden.
Beginnend mit einer Darstellung der Funktionsmechanismen des Doing Gender und der Performanz anhand der hier resümierenden fundamentalen Arbeiten der genannten Autoren sollen Gemeinsamkeiten und ggf. Unterschiede zwischen beiden Ansätzen aufgezeigt werden. Nachfolgend und abschließend werden wir uns einem, hier aufgrund des Raumes leider nicht ausführlich behandelbarem empirischem Bereich der Darstellung von Rasse zuwenden - dem Sport, am Beispiel des Golfers Tiger Woods und das Boxers Jack Johnsons, die beide als Afroamerikaner in ursprünglich als “weiß“ klassifizierten Sportarten zu Ruhm und Ehre gelangten, aber dieser Erfolg unterschiedlich wahrgenommen und darauf reagiert wurde.
Inhaltsverzeichnis
Einführung
Doing Gender nach Candace West und Don Zimmerman
Der Historische Performanz-Ansatz nach Martschukat / Patzold
Vergleich der Mechanismen von „Doing Gender“ und der Performanz
Rasse als Begriff und Konzeption
Empirische Beispiel I: Jack Johnson und die US-Gesellschaft um 1900
Empirische Beispiel II: Tiger Woods und der „Weiße“ Golfsport
Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Dieser Essay untersucht, wie Rasse als soziale Ordnungskategorie in spezifischen Situationen konstruiert und dargestellt wird, indem er den soziologischen Performanz-Ansatz auf historische und zeitgenössische Beispiele im Sport überträgt.
- Übertragung des "Doing Gender"-Konzepts auf "Doing Race"
- Analyse des Performanz-Ansatzes in der Geschichtswissenschaft
- Rasse als soziale Konstruktion im Kontext der US-Geschichte
- Empirische Untersuchung der Fälle Jack Johnson und Tiger Woods
- Zusammenhang zwischen Migration, Rassedenken und sportlicher Repräsentation
Auszug aus dem Buch
Vergleich der Mechanismen von „Doing Gender“ und der Performanz
Die Performanz und das Doing haben in der generellen Perspektive den gleichen Gegenstand, die Inszenierung, Vermittlung und Präsentation einer bestimmten Intention als Grundlage. Wenn bei der Interaktion sex und sex category nicht ausreichen, um ein bestimmtes Geschlecht glaubhaft dem Interaktionspartner gegenüber zu vermitteln, sind eben bestimmte Verhaltensweisen, Rituale und dem Geschlecht zugeschriebene zur Anwendung zubringende Skripte für die Vervollständigung (accomplishment) der geschlechtlichen Perzeption von immens großer Bedeutung. Dieses doing gender ist nichts anderes als die Performanz des Geschlechts in einer situativen Gelegenheit. So schreiben Martschukat / Patzold selbst, dass „Geschlecht [...] nicht etwas [ist], was Menschen haben, sondern was sie tun. [...] Die ‚performative‘ Herstellung von Geschlecht rückte in den Blick und zwar sowohl in groß inszenierten Aufführungen als auch in vielen kleinen täglichen Verhaltensweisen. [...] Denk-, Rede- und Handlungsweisen sind vielmehr ‚performativ‘, denn sie stellen Geschlechter, eine Geschlechtsidentität und ein Subjekt mit Geschlechte erst her“ (ebd., S. 9f.).
Am Beispiel des Theaters wurde instruktiv aufgezeigt, dass nicht nur der Text, das setting, die schauspielerische Leistung über Mimik und Gestik und die Rezipienten des Publikums alleine für sich genommen wirken können, sondern ihr Zusammenwirken, was nichts anderes als die Interaktion und die gegenseitige Vergewisserung der displays ist, die „Bedeutung im Augenblick des Äußerns, Aufführens oder Sich-Verhaltens selbst hervorgebracht, also stets neu in actu, im Zusammenspiel aller Beteiligten generiert werde“ (ebd., S. 27; Hervorhebung im Original, EW). Der Funktionsmechanismus – die handlungsgestützte vom anderen als natürlich wahr perzipierte Präsentation und Repräsentation einer bestimmten Intention (sei es die Glaubhaftmachung eines Geschlechts oder die Darstellung eines bestimmten Images) ist beim doing wie bei der Performanz der gleiche.
Zusammenfassung der Kapitel
Einführung: Der Essay führt in die Thematik ein, Rasse analog zu "Doing Gender" als performativen Prozess zu verstehen und skizziert die methodische Grundlage.
Doing Gender nach Candace West und Don Zimmerman: Es werden die theoretischen Grundlagen des "Doing Gender" erläutert, insbesondere die Trennung von sex, sex category und gender in Interaktionsprozessen.
Der Historische Performanz-Ansatz nach Martschukat / Patzold: Das Kapitel stellt das Paradigma der Performanz in der Geschichtswissenschaft vor, in dem Handlungen soziale Identitäten und Ordnungen konstruieren.
Vergleich der Mechanismen von „Doing Gender“ und der Performanz: Dieser Abschnitt legt die Gemeinsamkeiten der Ansätze offen und diskutiert die unterschiedliche Reichweite bezüglich der Mikro- und Makro-Ebene.
Rasse als Begriff und Konzeption: Hier wird der historische Exkurs zur Entstehung des Rassedenkens in den USA und der sozialen Konstruktion von "whiteness" sowie der Kritik daran vorgenommen.
Empirische Beispiel I: Jack Johnson und die US-Gesellschaft um 1900: Anhand des Boxers Jack Johnson wird analysiert, wie Erfolge von Schwarzen in "weißen" Sportarten als Bedrohung der segregierten Ordnung performiert wurden.
Empirische Beispiel II: Tiger Woods und der „Weiße“ Golfsport: Das Kapitel untersucht am Beispiel Tiger Woods, wie trotz ethnischer Vielfalt eine Reduktion auf die Kategorie "Schwarz" stattfindet, um gesellschaftliche Bedürfnisse zu erfüllen.
Schlussfolgerung: Das Fazit fasst zusammen, dass Rasse als "Doing Race" in verschiedenen Kontexten durch performative Akte aktiv hergestellt und aufrechterhalten wird.
Schlüsselwörter
Doing Race, Doing Gender, Performanz, Geschichtswissenschaft, soziale Konstruktion, Rassismus, Interaktion, Jack Johnson, Tiger Woods, US-Gesellschaft, Identität, Segregation, Performativität, Ethnizität, Migration.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Der Essay untersucht, wie Rasse nicht als biologisches Faktum, sondern als soziale Kategorie durch menschliches Handeln in spezifischen Situationen konstruiert wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verbindet die Geschlechtersoziologie mit dem geschichtswissenschaftlichen "Performative Turn", um sportliche Phänomene als Ausdruck rassistischer Sozialordnungen zu analysieren.
Was ist das primäre Ziel dieser Untersuchung?
Ziel ist es, das Schlagwort "Doing Race" zu etablieren und zu demonstrieren, wie performative Akte im Sport dazu dienen, gesellschaftliche Rassevorstellungen zu bestätigen oder zu verhandeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin/der Autor nutzt einen komparativen Ansatz, bei dem theoretische Konzepte (Doing Gender, Performanz) auf empirische Fallbeispiele (Boxen um 1900, moderner Golfsport) angewendet werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Neben der theoretischen Herleitung werden die Fälle von Jack Johnson und Tiger Woods analysiert, um aufzuzeigen, wie ihre sportlichen Erfolge in einer rassistisch geprägten Umwelt unterschiedlich rezipiert wurden.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Doing Race, Performativität, soziale Konstruktion von Rasse, Whiteness und die Rolle von Interaktion bei der Identitätsstiftung.
Warum wird der Boxer Jack Johnson als Beispiel herangezogen?
Er dient als Beispiel für eine historische Grenzüberschreitung, bei der sein Erfolg im Schwergewichtsboxen die rassistische Ordnung der US-Segregation direkt herausforderte.
Welche Rolle spielt Tiger Woods für das Argument des Essays?
Er illustriert, wie die amerikanische Gesellschaft trotz seiner gemischten Herkunft eine Reduktion auf die Identität als "Schwarzer" vornimmt, um ihn als Symbolfigur zu instrumentalisieren.
- Arbeit zitieren
- B.A. Erik Weihmann (Autor:in), 2008, Doing Gender? Nein: Doing Race!, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/269510