Das Drama „König Ödipus“ des griechischen Dichters Sophokles wird bis heute als Musterbeispiel der Schicksalstragödie angesehen. Die zentrale Frage dieser Arbeit wird sein, ob „König Ödipus“ tatsächlich eine Schicksalstragödie ist. Denn, wer das Werk als Schicksalstragödie liest, nimmt den Akteuren jede Schuld, stellt sie als unschuldig dar, und macht somit die Suche nach Schuld bzw. Unschuld überflüssig.
Im Folgenden wird nun also geprüft, ob sich „Ödipus“ als Schicksalstragödie klassifizieren lässt. Weiterhin wird betrachtet, ob sich Schuld bei den Figuren im Stück erkennen und das Werk eher als Schuldtragödie einordnen lässt. Es erfolgt also eine Gegenüberstellung zwischen dem Schicksal, das der „Götterschuld“ gleichgesetzt werden kann, und der Schuld, die hier als „Menschenschuld“ bzw. in diesem besonderen Fall auch als „Ahnenschuld“ angesehen werden kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Schicksalstragödie ?
3. Schuldtragödie ?
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Frage, ob Sophokles' „König Ödipus“ als klassische Schicksalstragödie zu verstehen ist oder ob die Kategorie der Schuld bei den handelnden Figuren eine zentralere Rolle einnimmt, wobei insbesondere der Konflikt zwischen göttlicher Vorherbestimmung und menschlicher Verantwortung beleuchtet wird.
- Analyse der Rezeption von „König Ödipus“ als Schicksalstragödie.
- Untersuchung der Schuldfrage aus philosophischer und literaturwissenschaftlicher Perspektive.
- Gegenüberstellung von göttlichem Schicksal und menschlicher bzw. Ahnenschuld.
- Kritische Würdigung der Handlungsspielräume des Protagonisten.
Auszug aus dem Buch
3. Schuldtragödie ?
Wie im zweiten Kapitel dieser Arbeit belegt, gibt es also einige Philosophen, die sich gegen die Einordnung des „König Ödipus“ als Schicksalstragödie stellen. Wenn dieser Begriff unhaltbar geworden ist und den Göttern, also dem Schicksal, keine Schuld an der Tragik gegeben werden kann, so muss man die Schuld bei den Figuren in Sophokles‘ Stück selbst suchen.
Jean Bollack setzt auf eine gewisse Weise Ödipus‘ Schicksal mit einer Ahnenschuld gleich. Dabei bezieht er sich auf das Orakel, das Laios, Ödipus‘ Vater, erhalten hat: Sollte er einen Sohn zeugen, werde dieser seinen Vater (Laios) töten und seine Mutter (Iokaste, Laios Frau) zur Frau nehmen. Diesen Orakelspruch interpretiert Bollack als striktes Zeugungsverbot. Da Laios diesen Orakelspruch missachtet, wirft Bollack ihm Frevelhaftigkeit vor:
Die Taten des Helden stehen in einem generationsübergreifenden Zusammenhang, ohne den der Grund der Überschreitung, die man als Schuld versteht, nicht fassbar wird. König Ödipus stellt insofern eine sehr eigentümliche Form der Tragödie dar, da sich die menschliche Hybris schon vor seiner Geburt gegen den Helden gekehrt hat.
Bollack gibt also Laios die Schuld an der Tragödie, welche er aber seinem Sohn Ödipus vererbt. Er belastet damit jedoch auch Laios‘ Frau, Iokaste, da sie von der Weissagung wusste und dennoch einen Sohn gebar.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Thematik der Schicksalstragödie und Darlegung der zentralen Forschungsfrage bezüglich der Schuldzuweisung in Sophokles' Werk.
2. Schicksalstragödie ?: Diskussion der klassischen Auffassung des Stücks als Schicksalsdrama unter Einbeziehung von Aristoteles sowie kritischer Gegenstimmen zur Determiniertheit.
3. Schuldtragödie ?: Untersuchung alternativer Interpretationsansätze, die den Fokus auf die Ahnenschuld sowie das eigenverantwortliche Handeln des Ödipus legen.
4. Fazit: Zusammenfassende Bewertung, die das Werk als Musterbeispiel einer Schicksalstragödie in Frage stellt und auf die Komplexität der Schulddebatte verweist.
Schlüsselwörter
Sophokles, König Ödipus, Schicksalstragödie, Schuldtragödie, Ahnenschuld, Götterschuld, Menschenschuld, Interpretation, Tragik, Orakelspruch, Aristoteles, Jean Bollack, Eigenverantwortung, Hybris, griechische Antike
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die gängige Einordnung von Sophokles' „König Ödipus“ als Schicksalstragödie und stellt diese in den Kontext der Frage nach persönlicher Schuld.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Kategorien der Schicksalshaftigkeit, der göttlichen Determination sowie der menschlichen Verantwortung und Ahnenschuld.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu prüfen, ob die Etikettierung als Schicksalstragödie noch haltbar ist oder ob das Stück treffender als Schuldtragödie interpretiert werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewandt?
Die Arbeit nutzt eine philologische Analyse und Interpretation unter Einbeziehung philosophischer und literaturwissenschaftlicher Sekundärliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Es erfolgt eine detaillierte Gegenüberstellung verschiedener Gelehrtenmeinungen, die entweder das Schicksal als dominante Kraft sehen oder die Handlungsmotive und Fehler des Ödipus kritisch hinterfragen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Schicksalstragödie, Schuld, Ahnenschuld, Götterschuld und dramatische Interpretation beschreiben.
Wie bewertet der Autor die Rolle des Orakels im Stück?
Der Autor führt verschiedene Positionen an, wobei die Ansicht dominiert, dass das Orakel zwar die Zukunft sieht, aber nicht zwangsläufig das Handeln determiniert, sondern eher eine Herausforderung an den Menschen darstellt.
Welche Rolle spielt die „Ahnenschuld“ laut Jean Bollack?
Bollack argumentiert, dass die Schuld bei Laios liegt, der trotz eines Zeugungsverbots handelte, und dass diese Schuld als generationsübergreifende Last auf Ödipus übergeht.
- Quote paper
- Federico Sirna (Author), 2010, Sophokles‘ König Ödipus: Schicksalstragödie oder Schuldtragödie ?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/269189